Auftakt-Konzert

Jazz-Flair beim Hersbrucker Gitarrenfestival

Laura Kipp und Band verzauberten mit Jazz und Chansons. | Foto: A. Pitsch2021/09/IMG_8846-scaled.jpg

HERSBRUCK – Jazz – eine Stilrichtung, eine Klangwelt. Von wegen. Wie verschieden Jazz sein kann, bewies der erste Abend beim 21. Hersbrucker Gitarrenfestival. Nämlich so abwechslungsreich wie das Leben.

Und das war für Organisator Max Weller zum Auftakt stressig – trotz weniger Besuch wegen der Corona-Beschränkungen; da kamen plötzlich zwei Ehrengäste dazu, dort wurde noch Platz gesucht für die Begleitung eines Bandmitglieds. Weller löste alles routiniert. Kurz war alles wie immer.

Auch als der Gong ertönt. Alle sitzen, das Licht geht aus, erwartungsvolle Stille kehrt ein – und nichts passiert. „Das ist erst nächste Woche“, ruft da einer und erntet großes Gelächter. Vor lauter Freude und etwas Nervosität nach einem Jahr Pause hätten Bürgermeister Robert Ilg und künstlerischer Leiter Johannes Tonio Kreusch fast ihren Auftritt verpasst. Doch schnell sind sie im gewohnten Begrüßungsmodus. „Das Festival war uns wichtig“, betonen beide. Mit sechs Konzerten an drei Abenden gebe es „eigentlich eine komplette Festivalwoche“ – trotz Mini-Ausgabe.

Fuß als Trommel

Derweil glänzt der Steinway-Flügel verheißungsvoll im Rampenlicht. Ihn bringt Cornelius Claudio Kreusch gleich bei der ersten seiner Melodien, die sein „Book of life“ beschreiben, wie er sagt, mit dumpfen Dissonanzen zum Vibrieren. Diese werden aber durchbrochen von hellen Tönen, die wie feine Sonnenstrahlen durch eine dunkle Wolkendecke scheinen.

Kreusch geht vollends in seinem Spiel auf, summt und singt mit, kriecht fast in die Tasten hinein und sein Fuß stampft im Takt mit – wie eine kleine Trommel. Kreusch` Songs gehen über Menschen und Begegnungen wie zum Beispiel mit dem Vater, ausgedrückt in einem Gegensatz zwischen sanft und wilden Tönen. Oder wie mit dem Tod: Trotz der Trauer sind schöne Erinnerungen in Form von melodiösen Passagen hörbar.

Kopf mus mitdenken

Zum Berieseln lassen sind die Kreuschen Soli nichts. Die anspruchsvollen Stücke sind geprägt von Wechseln zwischen zarten, lang klingenden Tastenanschlägen und intensiven Tonreihen, aufgelockert von perlendem Spiel. Kreusch, für den das Piano wie die Gitarre auch ein Saiteninstrument ist, zeigt, dass Jazz nicht immer nur locker-flockig sein muss; er lässt den Flow aber immer wieder einfließen, wenn er durch die Akkorde saust. Plötzlich schimmert sogar kurz Hiphop durch. Die Spannung seiner Songs liegt im Kontrast, in der Vielfalt der Stimmungen – wie sie das Leben schreibt.

Die Musik von Laura Kipp und Band, einer aufstrebenden deutsch-französischen Kombo, hüllt Ohren und Seele dagegen sofort wie eine wohlig-warme Decke ein. Dank Kontrabass (Jens Loh) und Drums (Eckhard Stromer) geht es groovig los. Die erdige E-Gitarre von Daniel Stelter bekommt viel Raum, verleiht den Liedern eine besondere Note und heimst den ersten Zwischenapplaus ein; viele werden da noch folgen.

Kleiner Stevie, großes Finale

Kipp sitzt lächelnd-genießend auf ihrem Barhocker und verzaubert mit ihrer hellen, sanften Stimme. Den Rhythmus im Fokus hat das stakkato-artige „Speed of Schall“; in Kombination mit den Drums fetzt das Stück richtig. Beschwingtes Chansonfeeling kommt bei einem Song über den Jardin du Luxembourg auf, der mit einer Art Jam Session von Gitarre, Drums und Kontrabass gespickt ist. Schon nach wenigen Liedern ist klar: Sie können temperamentvoll, leise, nachdenklich, laut und verführerisch wie bei „Sassy“.

Der lässige Drive zieht sich durchs Programm wie ein roter Faden, stets begleitet von der E-Gitarre, die auch mal einen leichten Rock`n`Roll-Einschlag hinterlässt. Das Publikum lässt die Füße wippen. Zur Hommage an Stevie Wonder erklimmt Saxophonist Markus Harm die Bühne. „Little Stevie“ ist ein entspannter und dennoch kraftvoller Song, bei dem eine Prise Reggae nicht fehlen darf.

Pianist William Lecomte und Co. bauen Dramatik auf, indem sie scheinbar wild durcheinander spielen. Das entlädt sich in einem fast ekstatischen Finale mit leisem Kontrapunkt – fast wie manchmal im echten Leben.

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