Gift-Attacke der Nakam-Terror-Gruppe nach Zweitem Weltkrieg

Gibt es Massengräber im Moorenbrunnfeld?

Sie sind überzeugt, dass man Dutzende, wenn nicht Hunderte von ermordeten Lagerinsassen auf dem Moorenbrunnfeld finden wird: Susi Feyerabend und Roland Geisler. | Foto: Spandler2016/10/geisler-und-feyerabend1-als-Smart-Objekt-1.jpg

MOORENBRUNN – Vor wenigen Tagen starb Joseph Harmatz mit 91 Jahren in Israel. Er war der Anführer der „Nakam“-Gruppe, die 1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die sechs Millionen Juden rächen wollte, die diesem grausamen Krieg zum Opfer fielen. Bislang ging man davon aus, dass die Gruppe ihr Ziel verfehlte, nun aber gibt es Hinweise, dass sie damit erfolgreicher waren als bisher angenommen.

„Nakam“ heißt Rache auf hebräisch. Harmatz‘ Plan und der seines Verbündeten Leipke Distel sowie weiterer Eingeweihter sah vor, SS-Gefangene und Nazi- Schergen in einem Internierungslager in Langwasser zu vergiften, um zu zeigen, dass die den Holocaust überlebenden Juden die schrecklichen Verbrechen des Nazi-Regimes nicht ungesühnt hinnehmen würden – wir berichteten mehrfach. Nach offiziellen Berichten ging dieser Plan, bei dem im April 1946 3000 Brote für die etwa 12.000 Internierten von der Nakam-Gruppe in der Konsum-Bäckerei im Nürnberger Schleifweg mit Arsenlösung heimlich vergiftet wurden, schief.

Viele Lager-Insassen erkrankten, aber alle überlebten angeblich. Von der Süddeutschen Zeitung bis zur New York Times hieß es schon wenige Tage nach dem Anschlag, bei dem Terrorakt sei niemand ums Leben gekommen. Noch 2009 schreibt das Hamburger Abendblatt, die Racheaktion sei damals ein Flop gewesen, weil niemand starb.

Nun liegen dem „Boten“ Aussagen von Zeugen vor, die darauf hinweisen, dass dies möglicherweise doch nicht der Fall war. Es könnte damals bis zu 1000 Todesopfer gegeben haben, die in Moorenbrunn in einem Massengrab verscharrt wurden.

Ins Rollen kam die Geschichte durch einen ehemaligen Terrorismusbekämpfer, der auch lange im Ermittlungsreferat des Generalbundesanwalt tätig war, Roland Geisler, der im Zuge seiner Recherchen für einen seiner „Dadord-in-Frangn“-Krimis auf das damalige Ereignis stieß und daraus einen fiktiv-historischen Plot entwickelte.

Bei einer seiner Lesungen gab es eine Überraschung. Eine Zuhörerin kam auf ihn zu und konnte mehr zu dem Thema berichten. Und sie war nicht die einzige. Nach Recherchen im Internet und in alten Zeitungsarchiven verdichtete sich immer mehr das Bild, dass die offizielle Lesart der Behörden, es hätten alle Lagerinsassen diesen Giftanschlag überlebt, nicht haltbar ist.

Bereits 1999 schrieb der mittlerweile verstorbene Erich Maiwald aus Happurg im Nürnberger Land an die „Nürnberger Nachrichten“, dass damals 700 bis 800 Soldaten an dem Arsen gestorben seien, was ihm von einem Überlebenden berichtet worden sei. Dies deckt sich mit dem Bericht einer militärischen US-Einheit, auf den mehrfach in diversen Artikeln verwiesen wird, die den Vorfall damals untersucht hatte und auf den vergifteten Broten so viel Arsen fand, dass die Dosis „in den meisten Fällen tödlich“ gewesen wäre. Wörtlich heißt es (www.n24.de/n24/Wissen/History/d/9076224/das-mysterioese-scheitern-der-avengers.html) „Bis heute bleibt es ein Rätsel, warum das Gift niemanden tötete“. Allerdings bleibt es auch bis heute ein Rätsel, warum der Geheimbericht von den Amerikanern so lange zurückgehalten wurde…

Auch Joseph Harmatz selber hatte größte Zweifel über den Ausgang der Attacke, berichtete aber 1998 im britischen „Observer“ laut Douglas Davis, der für die Jewish Telegraphic Agency schreibt: „Only about 300 to 400 former guards at Nazi jails and concentration camps were killed“ – Nur etwa 300 bis 400 frühere Wächter der Nazi Gefängnisse oder KZs starben.

Unterschiedliche Opferzahlen

In anderen Veröffentlichungen tauchen unterschiedliche Zahlen auf von 200 bis 300, dann wieder von 700 bis 800. Auch der israelische Journalist Michael Bar Zohar nennt in seinem Buch  „The Avengers“- Die Rächer (1968) eine Zahl von 700 bis 800 Toten, während andere Medien wie der englische „Guardian“ sich noch 2008 auf keine Zahlen festlegen wollten.

Interessanter als die offiziellen Ausführungen der Publikationen sind jedoch die von unmittelbar Betroffenen bzw. deren Nachfahren, wie schon erwähnt. So gibt es eine Emskirchenerin, deren Patin die Tochter eines Lager-Insassen ist, der jahrzehntelang in der Familie von diesem Vorfall sprach, weil er selbst nach der Arsen-Vergiftung zehn Jahre wie viele andere im Rollstuhl saß, dann aber wieder genas – im Gegensatz zu „an die 2000 Personen“, die den Anschlag nicht überlebten, wie er es aus seiner subjektiven Erinnerung heraus beurteilte. Dass damals Bulldozer im dem Langwasser-Lager benachbarten Moorenbrunnfeld große Gräben aushoben, um dort die durch den Giftanschlag Verstorbenen zu bestatten, sei kein Geheimnis gewesen, versichert die Nachkommin.

Eine „Zeitzeugin“ ganz anderer Art meldete sich ebenfalls bei Roland Geisler. Susi Feyerabend, Jahrgang 1967, machte eine besondere Erfahrung in ihrer Kindheit. Aufgewachsen in der Nürnberger Gartenstadt, spielte sie als Kind zusammen mit einer Freundin häufig nach dem Bau der Südwesttangente auf deren neu angelegtem Lärmschutzwall Anfang der 80er Jahre. Das Gruselige dieses Abenteuers: Immer wieder fanden die beiden Mädchen menschliche Skelettteile, die aus dem Erdwall ragten, mal Oberschenkel-Knochen, mal Becken-Überreste, mal ein menschlicher Schädel. „Alle paar Meter entdeckten wir die Knochenteile und haben sie schließlich in großen Plastiktüten eingesammelt. Unsere Eltern waren entsetzt und ließen uns die menschlichen Überreste wieder zurückbringen.“

Roland Geisler zählt hier eins und eins zusammen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Lärmschutzwall mit Erdaushub aus dem wenige Kilometer entfernt liegenden Moorenbrunnfeld errichtet wurde, sei groß, glaubt er, denn zeitlich passe der Bau des Siemens-Werks in Moorenbrunn mit der Errichtung eines Schutzwalls am Abschnitt Gartenstadt-Südfriedhof der Südwesttangente gut zusammen. „Wenn wir in Moorenbrunn graben, finden wir auch weitere Skelette“, ist sich der ehemalige Ermittler sicher.

Stutzig macht auch die Tatsache, dass auf dem Filetstück im Südosten der Stadt mit bester Infrastruktur und Verkehrsanbindung keinerlei bauliche Nutzung geplant ist. Ingo Schlick vom Baureferat der Stadt bestätigt „hier ruht ganz still der See“, obwohl im Flächennutzungsplan Gewerbe und Wohnen ausgewiesen sind, und Pressesprecher Bernhard Lott von Siemens, dem das Areal Moorenbrunnfeld gehört, versichert ebenfalls, dass keinerlei Baumaßnahmen geplant sind. Freilich ist ein Teil des Areals auch als geschützter Landschaftsteil deklariert, so Schlick, aber für eine Bebauung wäre das kein unüberwindbares Hindernis. Man müsste eben Ausgleichsflächen schaffen und dort graben. Aber vielleicht soll eben gerade das verhindert werden.

 

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Abgesehen von der möglichen Bergung von Skeletten – die Kriegsgräberfürsorge wird sich sicherlich darum kümmern – und dem Nachweis der Tötung durch Arsen bleiben natürlich Fragen offen: Wie hätte es gelingen können, die Tatsache weitgehend zu verbergen, dass es bei dem Mordanschlag möglicherweise doch Todesopfer gab? Warum hätte das Verbrechen nicht ans Tageslicht kommen sollen? Haben Angehörige tatsächlich geglaubt, die Getöteten seien noch im Kampf gefallen oder auf natürlichem Weg im Lager gestorben?
Und auch diese Frage wirft Roland Geisler auf: Wurde eventuell vergiftetes Brot am 14. April nicht vielleicht auch an die Nürnberger Zivilbevölkerung geliefert?
Roland Geisler ist sich sicher: „Wenn die Skelette gefunden werden, lässt sich auch nach so langer Zeit noch die Todesursache durch Arsen nachweisen. Auch ist er der Meinung, dass ein Racheakt und Massenmord möglicherweise die Schuldfrage oder das Strafmaß der Nazi-Verbrecher damals beeinflussen hätte können. Außerdem wurde die Gründung des Staates Israel vorbereitet, was von den Amerikanern unterstützt wurde. Dieser Prozess sollte auf keinen Fall gestört werden.
Auch ganz praktische Überlegungen beim Vertuschen der Vorfälle könnten eine Rolle gespielt haben: Eine Massenpanik im Lager und auch unter der Bevölkerung sollte tunlichst vermieden werden. Die amerikanischen Verantwortlichen hätten also allen Grund gehabt, mögliche Todesfälle geheim zu halten.

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler