Zeitzeuge am Leibniz-Gymnasium

Wenn Anderssein ausgrenzt

Blick in eine Zelle im Stasi-Gefängnis | Foto: Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen/Gvoon2019/06/Zelle-Neubau-Aufsicht_2-min.jpg

Altdorf – Auf Einladung von Christof Böhm, Lehrer für Deutsch und Geschichte, ist der gebürtige Berliner Mario Röllig ein weiteres Mal ans Altdorfer Leibniz-Gymnasium gekommen, um im Rahmen des Zeitzeugenprojektes über seine Jugend und die Gründe für seinen Fluchtversuch aus der DDR zu erzählen.

Die anfängliche Unruhe der versammelten Zehntklässler schlägt schnell in eine nahezu bedrückende Stille um, als Röllig von seiner Isolationshaft zu Zeiten der DDR spricht.

Wohlbehütet sei er aufgewachsen, so Röllig. Dass man nur hinter verschlossenen Türen seine Gedanken über den Staat äußerte, lernte er von seinen Eltern. Im System der DDR ging es um Anpassung. Wer „anders“ war, konnte Probleme bekommen, angefangen vom Schulabschluss, über den späteren Beruf, gar bis hin zur Inhaftierung, wenn man sich nicht regelkonform benahm. Als rotes Tuch galt vornehmlich der Westen und alles, was von dort in die DDR schwappte.

Gelbes T-Shirt als Problem

Bei Mario Röllig begann alles mit einem gelben T-Shirt. 1974 war für ihn ein tolles Jahr. Deutschland wurde Fußball-Weltmeister, er wurde eingeschult und erhielt mit der Post von der Verwandtschaft aus dem Westen ein gelbes T-Shirt mit dem Konterfei von Franz Beckenbauer. Schon früh lernten die Kleinen, ganz im Sinne der Partei zu agieren: systemtreue Kinderlieder, paramilitärische Ausbildung. Es galt als „freiwillige Pflicht“, den Jungen Pionieren beizutreten. Hinterfragen unerwünscht.

Mario Röllig erschien am ersten Schultag im Beckenbauer-Shirt statt weißem Pionierhemd mit blauem Halstuch. Der parteitreuen Lehrerschaft passte dies überhaupt nicht und sie führten den Siebenjährigen vor versammelter Schulgemeinschaft vor. Dies erntete ungläubiges Kopfschütteln bei den Altdorfer Schülern. Röllig hatte die Lektion gelernt. Anders zu sein war nicht erwünscht.

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Mario Röllig vor Schülern des Leibniz-Gymnasiums Altdorf. Foto: S. Trautwein

 

Abitur als höchster Schulabschluss war in der DDR reglementiert. Nicht jeder, der die passenden Noten hatte, konnte Abitur machen. Parteitreue der Eltern war wichtiger als Schulnoten.
Nach der Schule begann er auf Rat seines Vaters eine Ausbildung im Restaurantgewerbe. Sein Arbeitsplatz war das Flughafenrestaurant in Berlin-Schönefeld. Zu DDR-Zeiten galt der Satz „Der Gast ist König, der Kellner ist Kaiser“. Im Restaurant am Flughafen verkehrten auch viele Westler, die mit harter Westmark bezahlten. Schwarz getauscht, hatte Röllig ein mehr als gutes Auskommen. Lokalrunden und Reisen nach Moskau und Ungarn konnte er sich leisten. Er bezeichnete sich selbst als der „Kaiser von Schönefeld“.

Auf einer seiner Reisen lernte er seine erste große Liebe kennen, einen etwas älteren Mann aus West-Berlin. Nichts blieb der Staatssicherheit verborgen. Sie protokollierten die Besuche und Grenzübertritte von Rölligs Freund und setzten zwei Mitarbeiter zur Beschattung ein. Die Stasi wusste nahezu alles über sein Privatleben. Würde er Informationen über seinen Freund an die Staatssicherheit weitergeben, käme man ihm bei der Wohnungssuche oder dem Kauf eines Autos entgegen. Dies kam für Röllig nicht in Frage. Doch die Staatssicherheit saß am längeren Hebel. Den guten Job am Berliner Flughafen musste er auf Druck gegen einen schlechtbezahlten in einem Berliner S-Bahnhof aufgeben.

Fluchtversuch über Jugoslawien

In Mario Röllig wuchs der Wunsch, aus der DDR zu fliehen. Kein leichtes Unterfangen. Er machte sich schlau und versuchte es in Jugoslawien über die Donau. Doch der Fluchtversuch scheiterte. Röllig wurde verraten und kam ins Stasi-Gefängnis nach Berlin-Hohenschönhausen. Einzelhaft. Kein Kontakt zu anderen Mitgefangenen oder zur Außenwelt. Beengte Verhältnisse. Keine Bücher. Kontrolle und Beobachtung durch das Wachpersonal zu jeder Zeit. Verlust des Zeitgefühls. Die Inhaftierten sollten gebrochen und zu Geständnissen gezwungen werden.

Die bedrückende Stimmung legt sich auch auf die Schüler in der Altdorfer Aula. Es ist ein Knistern zu spüren. Auf Umwegen gelang es der Bundesrepublik, Mario Röllig nach dreimonatiger Haft freizukaufen.
„Einen Fluchtversuch unternimmt man, damals wie heute, nicht einfach so“, betonte Röllig vor den versammelten Schülern und warb für eine offene Gesellschaft.

Auf die Frage, was er sich nach all der Zeit wünschen würde, antwortete Röllig „eine Entschuldigung“. Diese wird ihm wohl verwehrt bleiben. Gras wächst nicht über die Geschichte, dafür werden seine Vorträge, national wie international, und auch seine Führungen im Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen, sorgen.

N-Land Sven Trautwein
Sven Trautwein