NÜRNBERGER LAND – Nach Zahlen des Pestel-Instituts sind im vergangenen Jahr nur 122 neue Wohnungen im Landkreis entstanden.
Wenig Chancen aufs eigene Haus: Der Landkreis Nürnberger Land hat im vergangenen Jahr nur 122 Wohnungen in neu gebauten Ein- und Zweifamilienhäusern dazubekommen. Das sah am Anfang des Jahrzehnts (2020 bis 2022) noch anders aus: Da sind beim Bau von Eigenheimen im Landkreis im Schnitt 226 Wohnungen mehr entstanden – nämlich 348 pro Jahr. Das geht aus einer regionalen Wohnungsmarkt-Untersuchung hervor, die das Pestel-Institut gemacht hat. Die Analyse ist Teil der Studie „Soziale Aspekte des Wohneigentums“. Darin hat das Forschungsinstitut im Auftrag der Schwäbisch-Hall-Stiftung „bauen – wohnen – leben“ die Situation von Wohneigentum untersucht.
Die „Eigenheim-Flaute“, von der das Institut und die Stiftung in einer gemeinsamen Pressemitteilung sprechen, trifft nach Angaben des Pestel-Instituts die regionale Wirtschaft hart: „Es geht um einen Umsatzverlust von 148,2 Millionen Euro. Das ist – vorsichtig gerechnet – die Summe, die Unternehmen im vergangenen Jahr im Landkreis Nürnberger Land verloren gegangen ist, weil der Neubau von Ein- und Zweifamilienhäusern so abgesackt ist“, sagt Matthias Günther. Der Chef-Ökonom des Pestel-Instituts macht dabei deutlich, dass die entgangene Millionensumme vor allem die Bilanzen von Bauunternehmen sowie Handwerkern, Architekten und Planern im Nürnberger Land und der Region treffe. „Insgesamt hängt daran aber noch mehr: Das fängt beim Grundstückskauf an und geht bis zum letzten Pinselstrich im Haus, bis zum Anpflanzen von Bäumen und Büschen im Garten“, erläutert Günther.
„Das Wohnen in den eigenen vier Wänden hat im Nürnberger Land einen empfindlichen Dämpfer bekommen. Für viele ist der Traum vom Eigenheim immer schwerer zu erreichen“, sagt Mike Kammann, Vorsitzender des Kuratoriums der Schwäbisch-Hall-Stiftung und Vorstandsvorsitzender der Bausparkasse Schwäbisch Hall. Betroffen seien vor allem die 25- bis 45-Jährigen: „Die Chancen, im Nürnberger Land ein Haus zu bauen oder eine Immobilie zu kaufen, sinken immer weiter. Wohneigentum ist selbst bei einem durchschnittlichen Einkommen oft nur dann noch möglich, wenn es Hilfe aus der Familie gibt – zum Beispiel durch ein vorgezogenes Erbe“, sagt Kammann. Aus der „Nestbauer-Generation“ drohe daher eine „Generation Miete“ zu werden.
Es sei höchste Zeit, gegenzusteuern: „Wohneigentum darf nicht zum Luxus werden. Genau da muss jetzt etwas passieren: Die Eigentumswohnung, das Reihenhaus, das Einfamilienhaus – die Menschen, die bereit sind, dafür zu arbeiten und zu sparen, müssen sich die eigenen vier Wände auch wieder leisten können“, fordert Kammann. Er macht dabei klar: „Wer Wohneigentum will, muss dafür auch ein Stück weit auf Konsum verzichten. Das bedeutet zum Beispiel: eine Zeit lang keine teuren Fernreisen“, sagt Kammann. Gleichzeitig müsse der Staat die Anschaffung von Wohneigentum dringend wieder intensiv fördern: „Da läuft im Moment so gut wie nichts. Der Bund lässt – anders als früher – die Menschen, die sich ihre eigenen vier Wände anschaffen wollen, im Stich“, so die Kritik Günthers.
Forderung an Politik
Um das zu ändern, fordert das Institut einen „Wohneigentumsplan des Bundes“. Dieser müsse mindestens auf Länderebene – und damit auch für Bayern – Quoten als Zielmarken für die künftige Wohneigentumsentwicklung vorgeben. „Gekoppelt mit Förderprogrammen sollten dann auch Haushalte mit mittleren Einkommen im Nürnberger Land davon profitieren und die Chance auf die eigenen vier Wände bekommen“, so Günther.
Der Leiter des Pestel-Instituts geht davon aus, dass sich das für den Staat sogar rechne, wenn er die Anschaffung von Wohneigentum unterstütze. Der Ökonom verweist dabei auf die „letzte effektive Förderung“ des Bundes für Wohneigentum: auf das Baukindergeld. „Da hat jeder Förder-Euro 3,70 Euro an staatlichen Einnahmen nach sich gezogen – von der Umsatz- und Lohnsteuer auf dem Bau bis zur Grunderwerbsteuer. Dass der Bund ein Programm, das erfolgreich gelaufen ist, eingestellt hat, sorgt in der Branche für Kopfschütteln“, so Günther.
Baustein der Altersvorsorge
Für den Leiter des Pestel-Instituts ist das eigene Haus oder die Eigentumswohnung auch ein wichtiger Baustein der Altersvorsorge: „Wenn die Rente kommt, haben die Menschen weniger Geld im Portemonnaie. Aber die Miete bleibt. Sie steigt sogar und drängt mehr und mehr ältere Menschen in die Altersarmut: Altersarmut ist Mieterarmut – auch im Nürnberger Land.“ Hinter dem Schaffen von Wohneigentum stecke damit auch ein sozialer Aspekt.
Die Botschaft der Wissenschaftler vom Pestel-Institut an die Wohnungsbaupolitik: „Der Bund muss langfristig das Ziel verfolgen, Bayern und ganz Deutschland mehrheitlich vom Mieter- zum Eigentümerland zu machen.“ Eine Eigentumsquote von 50 Prozent und mehr wie in Österreich, den Niederlanden oder Schweden würde mehr dringend benötigten Wohnraum schaffen und mehr soziale Stabilität bringen.
