Günter Losse (60) blickt auf eine ereignisreiche Zeit zurück

Abschied nach elf Jahren als Laufer Polizeichef

Günter Losse, der Laufer Dienststellenleiter, an seinem Arbeitsplatz. Nur noch diesen Monat leitet der Erste Polizeihauptkommissar die Laufer Inspektion. | Foto: Kirchmayer2018/04/Gunter-Losse-Polizeichef-Lauf-Dienststellenleiter-Abschied-Schreibtisch.jpg

LAUF — Ein tödliches Beziehungsdrama auf der Wache, ein Flugzeugunglück, ein Doppelmord: Günter Losses Zeit als Dienststellenleiter der Laufer Polizeiinspektion war ereignisreich. Jetzt geht der 60-Jährige in den Ruhestand.

„3. Januar 2009. Natürlich habe ich das Datum im Kopf.“ Der Tag hat sich in Günter Losses Gedächtnis eingebrannt. Logisch. Seit rund 15 Monaten war Losse Dienststellenleiter der Laufer Inspektion, als sich auf der Wache das Unfassbare abspielt: Eine junge Polizistin nimmt ihren Ex-Freund, ebenfalls ein Polizeibeamter, als Geisel und bedroht ihn mit einer Pistole. Alle Versuche, die 25-Jährige zur Aufgabe zu bewegen, schlagen fehl. Sie schießt dem 30-Jährigen in den Hals und richtet die Waffe anschließend gegen sich selbst.

„Ich habe gebetet, dass das Ganze gut ausgeht“, sagt Losse mehr als neun Jahre später in seinem Büro. Im Zimmer genau einen Stock höher hat sich das Drama abgespielt. Nachdem die zwei Schüsse gefallen waren, eilte auch Losse in das Zimmer und fand seine beiden schwer verletzten Kollegen.

Die Polizistin erliegt ihren schweren Verletzungen. Ihr Ex-Partner überlebt und trägt wie durch ein Wunder keine bleibenden körperlichen Schäden davon. Die Kugel ging an der Wirbelsäule vorbei, traf keine lebenswichtigen Organe. Der mittlerweile 39-Jährige arbeitet heute als Polizist in der Oberpfalz. „Von den schlechten Ausgängen war es noch der Beste“, sagt Losse. Er hat regelmäßig Kontakt zu dem Ex-Kollegen.

„Sowas prägt sich natürlich ein“, so der 60-Jährige. Quälende Fragen folgten. „Warum passiert es bei mir, warum auf dieser Dienststelle?“ Der Glaube habe ihm damals sehr geholfen, mit den Ereignissen umzugehen, sagt Losse. „Das, was auf mich eingestürzt ist, hätte ich nicht so verarbeiten können, wenn ich nicht so geerdet gewesen wäre.“

Losse zitiert den Psalm 127,1. „Wenn der Herr nicht die Stadt bewacht, dann wachen die Wächter vergeblich.“ Es mache ihn demütig, zu wissen, dass man nicht alles selbst in der Hand habe, sagt der 60-Jährige.

Als Jugendlicher wollte er Lehrer oder evangelischer Pfarrer werden. Doch nach dem Abi am Gymnasium in Roth, wo er geboren und aufgewachsen ist, wollte er nicht mehr studieren und bewarb sich 1979 bei der Sparkasse und bei der örtlichen Polizei. „Die Zusage von der Polizei kam etwas eher.“ Bereut hat er den Karriereweg nicht. Über Stationen in Fürstenfeldbruck, Straubing und erneut Roth kam er 2007 als Dienststellenleiter ins Nürnberger Land. „Ich kannte von Lauf nichts bis auf die zwei blauen Brücken über die Autobahn.“ Die Kreisstadt gefiel ihm aber auf Anhieb. Er nennt Lauf „schnuckelig“ und meint das nicht respektlos.

In seinen Dienststellenbereich, der auch Röthenbach, ­Schwaig, Rü­ckersdorf, Ottensoos und das Schnaittachtal umfasst, ist Losse aber nie gezogen. „Ich bin täglich gependelt. 37 Kilometer einfach. Das hat mich zwei Autos gekostet“, sagt er und lacht.

Als Hochburg des Verbrechens ist das Nürnberger Land nicht bekannt. Doch in den knapp elf Jahren, die Losse Laufer Polizeichef ist, hat er trotzdem einiges erlebt. Den tödlichen Unfall auf dem Flugplatz Lillinghof, als ein Doppeldecker beim Start in die Zuschauer raste. Eine Frau starb, es gab einige Verletzte.

Zuletzt den Schnaittacher Doppelmord. Ingo Placzek und seine Frau sitzen in U-Haft und werden verdächtigt, im Dezember vergangenen Jahres die Eltern des jungen Mannes erschlagen zu haben. Beim ersten Gespräch mit Placzek, als dieser seine Eltern vermisst meldete, hätten bei Losse und seinen Kollegen schon „die Alarmglocken geklingelt“. Schnell informierte Losse die für Kapitalverbrechen zuständige Kriminalpolizei in Schwabach. Placzek habe „Gott sei Dank“ entscheidende Fehler gemacht.

Der Alltag bei der Laufer Polizei sieht natürlich anders aus. Vom Schreibtisch aus ist Losse für rund 74 000 Menschen in acht Städten und Gemeinden zuständig. Die Belastung ist für den einzelnen Beamten heute größer als vor über 30 Jahren, als er selbst zur Polizei kam. Losse hofft, dass in der Laufer Inspektion in einigen Jahren wieder mehr Stellen geschaffen werden.

Auf Streife ging er in den vergangenen Jahren nur noch zum Vergnügen: Beim Laufer Altstadtfest machte er jeweils eine Nachtschicht mit. Ansonsten versteht er sich vor allem als Manager. „Als Dienststellenleiter muss man die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass die Kollegen gut arbeiten können.“ Getan hat er das unter anderem durch umfangreiche Sanierungsmaßnahmen der Laufer Inspektion. Was einen guten Chef außerdem ausmacht? „Man muss ein Menschenfreund sein, sowohl zu den Kollegen als auch zu den Bürgern. Und man darf sich nicht so wichtig nehmen. Darum habe ich eine Erzieherin als Frau – die sagt mir, wenn ich auf den Holzweg bin.“ Losse lacht.
Viel vor im Ruhestand

Nur noch diesen Monat ist Losse in Lauf. Anfang Mai übergibt er das Zepter an seinen Interimsnachfolger Armin Backert. Wer ab Herbst fester neuer Dienststellenleiter wird, steht noch nicht fest. Losse hat für seinen Ruhestand schon Pläne geschmiedet. Er will mehr Zeit mit seiner Frau und seinen drei Enkelkindern verbringen, nach Kanada und Israel reisen, Musikinstrumente spielen und wieder mehr Sport machen als zuletzt.

Ganz vergessen wird er Lauf aber nicht. „Ich habe versprochen, dass ich zum Altstadtfest auf jeden Fall vorbeischaue. Ich freue mich darauf, ab und an meine Kollegen wiederzusehen. Ich hoffe, sie freuen sich auch.“

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer