Wenn die Kanzlerin Farbe bekennt

Klaus Karl Kraus im Bühnenoutfit Foto: Privat2008/06/20080619_kkkfussballganz.jpg

DEHNBERG — Der Erlanger Kabarettist Klaus Karl-Kraus hat speziell für das Dehnberger Hof Theater ein EM-Programm entwickelt, das am Montag, 23. Juni, und Dienstag, 24. Juni, – also an den spielfreien Tagen – in Dehnberg zu sehen sein wird. Karten für Montag gibt es unter Telefon 09123/954491, der Dienstag ist bereits ausverkauft. Im Interview mit der PZ spricht er darüber, was ihn beim Fußballschauen wirklich bewegt.

PZ: Ist Ihnen als bekennender Club-Fan nach dem Abstieg nicht die Lust auf Fußball vergangen?

KKK: Die EM war bisher doch eine Bestätigung für die ganze Bundesliga-Saison: Der Koller scheidet mit Tschechien aus und beendet seine Karriere in der Nationalmannschaft, der Charisteas wird Letzter mit Griechenland … Der Club hatte schon immer das Gespür für Altinternationale. Als zum Beispiel der Walitza in den 70er Jahren aus Bochum kam, fertigte ihm Adidas einen Spezialschuh. Darin konnte er dann kaum noch laufen. So hat er in Nürnberg wenigstens zur Schuh-Entwicklung beigetragen. Ich bin ein leidgeprüfter, aber schon stolzer „Glubberer“.

Sie haben also als Fan keinen Dämpfer bekommen?

Wenn der Ball wieder rollt, dann ist doch alles andere vergessen, so wie auch der Kerner, der Waldi und wie sie alle mit ihren Shows heißen. Und dann sind da diese unvergesslichen Bilder. Der Schweinsteiger beim Österreich-Spiel auf der Tribüne mit Frau Merkel im orangenen Trikot etwa. Ausgerechnet in Holländisch-Orange, wenn es für Deutschland um etwas geht! Dort oben sitzt dann auch Boris Becker mit einer Blondine. Das ist alles interessant, wie in der Geisterbahn, total abgespaced. Aber dieses ganze Gschmarre ist dann vorbei, wenn der Ball rollt.

Müssen Sie bei diesem Medienzirkus überhaupt noch zuspitzen für Ihre Programme?

Das ist eine gute Frage. Tatsächlich muss ich mich fast noch dafür entschuldigen, wenn ich nur die blanke Nachricht wiedergebe. Ein Beispiel ist, als Beckstein vor ein paar Wochen tanken fuhr und über die hohen Spritpreise erschrak. Zuschauer fanden, das ging zu weit, hielten das für Satire und haben mich in der Pause verbal dafür angegriffen. Die bloße Unterhaltung überholt die Nachricht, rechts wie links. Ja, auch wenn ein Parteiführer wie Kurt Beck Sätze wie „Ihr wisst genau, dass ich weiß, wovon ich spreche“ sagen darf. So etwas bringt mein 13-jähriger Bub nicht über die Lippen. Aber die Unterhaltung ist wichtig.

Fahren Sie an Ihrem Auto denn keine Flagge spazieren?

Ich hatte einige Zeit bewusst die fränkische Flagge an meinem Auto, bis sie mir geklaut wurde. Ich möchte mich nicht mit Spielen abspeisen lassen, während in Sachsen-Anhalt in allen 24 Kreistagen NPD-Mitglieder sitzen. Und wenn die NPD in Gräfenberg aufmarschiert. Wir müssen ganz arg aufpassen, dass wir uns über Fußball nicht zu Tode amüsieren und uns die Politik nicht aus dem Ruder läuft.

Da steckt viel drin im Fußball.

Ja, mir gefällt es schon, wenn ich beim Club bin und die Leute neben mir im Wöhrl-Anzug die schlimmsten Fäkalien Richtung Platz brüllen. Das ist ein Ventil. Danach fahren sie ganz gesittet mit ihrem BMW nach Hause. Das ist auch in Ordnung so.

Hat die EM schon Helden geboren?

Helden? Als der Frei oder der Ribery verletzt vom Platz mussten, der eine im strömenden Regen. Da menschelt es und daraus werden Mythen geboren. Millionen lümmeln währenddessen in ihren Sesseln, verspeisen Chips und ihnen entfährt dann schon mal ein „Oh, das Knie ist kaputt“.

Und wer wird Europameister?

Für mich hat Frau Merkel ein sicheres Gespür. Oder sie hatte keine Zeit zum Umziehen …

Ist Ihr EM-Programm nur für Fußballfans gestrickt?

Nein, ich werde auch versuchen, Fußballmuffel diesen Sport näherzubringen. Es ist so etwas wie eine Gesamtschau aus meinen acht aktuellen Programmen. Da kommt auch die Hausfrau nicht zu kurz, die ihren Mann während der EM-Live-Übertragung fragt: „Stört’s dich, wenn ich bügel?“ Das macht die EM doch erst zum wahren Genuss, wenn sich ein Spieler das Knie hält und zeitgleich das Siemens-Eisen stöhnt.

N-Land Michael Scholz
Pegnitz-Zeitung