Gitarrenfestival Hersbruck

Zwischen Argentinien und Orient

Ehab Abou Fakhr, Roman Bunka und Luis Borda (v. links) sind Orientacion. | Foto: S. Baderschneider2021/09/Gitarrenfestival2021-8686-scaled.jpg

HERSBRUCK – Auch in reduzierter Form glänzt das diesjährige Gitarrenfestival mit Konzerterlebnissen vom Feinsten. Am zweiten Konzerttag wurden Gegensätze vereinigt – Johannes Tonio Kreusch und Doris Orsan servierten Tango in Reinkultur, während das Trio um Luis Borda für eine spannende Fusion aus orientalischen und argentinischen Klängen sorgte.

Der Tango als Tanz ist gefährlich. Er repräsentiert Liebe, Hass und Leidenschaft, die in der Bewegung gezähmt, aber nie ganz gebändigt werden. Musikalisch gesehen ist das ähnlich. Die Zutaten vermischen sich zu einer Botschaft, die zu einem gemeinsamen Erlebnis für Künstler und Publikum wird.

Manchmal ist diese Botschaft ein Gefühl, manchmal ein flüchtiger Eindruck und oft ein ganzes Drama. Die Zutaten liefern die beiden Künstler. Kreuschs Gitarrenspiel ist täuschend. Virtuos und leicht-händig lullt es den Zuhörer ein: Die Welt ist gut, ein Glas Wein steht auf dem Tisch, man fühlt eine Ruhe, wie man sie nur in einem kleinen Café inmitten einer geschäftigen Einkaufsstraße findet.

Drei kleine Reisen

Doch dann fügt Doris Orsan mit der Violine die großen Gefühle hinzu: das Drama von verlorener Liebe, die Trauer über das letzte Treffen – aber auch die Freude und Leichtigkeit, die man beim Anblick eines Rosengartens empfindet.

Das Programm des Abends war zwar nach Piazzollas „Libertango“ benannt, aber der glänzende Höhepunkt war das „Triptico Porteño“, das von Maximo Diego Pujol für Orsan und Kreusch geschrieben wurde. In dem dreiteiligen akustischen „Gemälde“ versetzten die beiden das Publikum in drei verschiedene Szenen – auf einen Bahnhof, den vorgenannten Rosengarten und auf die „Plaza de Mayo“ während der Revolution.

Ein buntes Trio

Im zweiten Teil des Abends saßen sehr unterschiedliche Künstler auf der Bühne. Ein argentinischer Gitarrist, ein deutscher Oud-Spieler ein junger syrischer Mann mit seiner Viola. Luis Borda hat gemeinsam mit Roman Bunka und Ehab Abou Fakhr das Trio „Orientacion“ zusammengeschweißt.

Der stilistische Bogen zwischen Orient und Südamerika ist enorm. Auf der einen Seite findet sich der arabische Taqsim zwischen spielerischer Lethargie und virtuoser Aufregung, auf der anderen die ungezügelten Emotionen des Tango. Die Drei spielen mit den Bestandteilen beider Welten – sowohl mit eigenen Werken als auch in Arrangements anderer Künstlerkollegen. Und erst als Borda zugibt, dass der Deutsche Bunka den tanzbareren Tango schreibt („Tango für Maria“) stellt man fest, dass bei aller Virtuosität in Bordas Kompositionen gelegentlich das „Tango“ im Tango abhanden kommt.

Blues in der Oud

Während Borda und Bunka sichtlich zuhause sind auf der Bühne, sitzt der jüngere Abou Fakhr weitgehend still und bescheiden daneben. Dabei ist es, wie im ersten Programmteil, meist seine Viola, die die Stimmung in den Stücken ausmacht. Besonders anrührend ist deshalb sein Lied „Amal“, was übersetzt Hoffnung bedeutet. Was alle Drei ausmacht, ist Flexibilität, Virtuosität und die Bereitschaft, aus traditionellen Zutaten etwas ganz Neues zu schaffen. Roman Bunka beweist zum Amüsement des Publikums sogar, dass die Oud auch Blues kann.

Nicht zum ersten Mal beim Gitarrenfestival bedauert man während der Pause fast, dass nach dem ersten Programm noch ein zweites kommt. Nach den Eindrücken eines bezaubernden ersten Teils ist es schwer zu sagen, ob man dabei mehr befürchtet oder hofft, dass der zweite Teil noch besser wird. Die Rettung kommt mit der Feststellung, dass der zweite Teil einfach anders ist. Die Kategorien besser oder schlechter sind damit aus dem Rennen. Fazit: zwei herausragende Konzerterlebnisse an einem Abend.

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