Neuer Roman von Stephanie Grün

Psychose oder Zufall

Mit ihrem dritten Buch ist Autorin Stephanie Grün ein spannender, vielschichtiger Roman gelungen, der den Leser nicht mit einer eindeutigen Auflösung am Ende versorgt. | Foto: privat2020/07/FEucht-Gruen_im_Winter_1-scaled.jpg

FEUCHT – Die Feuchterin Stephanie Grün bringt ihren dritten Roman „Simon paranoid“ heraus und gibt wenig Antworten auf viele Fragen. Die Spannung aber hält sie aufrecht bis zum Schluss.

Der Titel verrät es schon: „Simon paranoid“. Hier dreht einer durch, leidet vielleicht unter Verfolgungswahn. Und in der Tat ließe sich Stephanie Grüns dritter Roman bei eindimensionaler Betrachtung auf die profane Psychoschiene reduzieren. Das aber wäre zu kurz gesprungen. Denn die Autorin, in Nürnberg geboren und in Feucht zu Hause, tut alles, um es den Lesern nicht ganz so einfach zu machen.

Mehrere Deutungsebenen

Der Erzählhintergrund, die oberflächlich wahrzunehmenden Geschehnisse, Dialoge, der Charakter des Protagonisten Simon deuten zunächst einmal gar nicht auf eine psychisch gestörte Hauptperson hin. Und doch sind mit fortschreitender Handlung mehrere Deutungsebenen möglich: zum Beispiel die rationale, denn irgendwie gibt es für alles, was passiert, eine naheliegende Erklärung. Gleichzeitig könnten aber auch die Sorgen und Ängste, die den 36-jährigen, ledigen Reihenmittelhaus-Besitzer plagen, auch begründet sein, die befürchtete Bedrohung real existieren. Und nicht zuletzt scheint angesichts der sich häufenden Umbrüche und außergewöhnlichen Begegnungen in kürzester Zeit auch ein zunächst nicht erkennbarer, später aber immer deutlicherer in Erscheinung tretender psychotischer Defekt die Ereignisse erklären zu können, die durch die Perspektive Simons beschrieben werden.

Verstörendes Ende

Um es vorweg zu nehmen: Auch nach dem überraschenden, verstörenden Ende des Romans ist man nicht wirklich klüger. Eine Auflösung der vielen Fragen, die sich die handelnden Personen und die Leser stellen, gibt es nicht.
Das passiert auf der reinen Handlungsebene: Simon führt seit ein paar Jahren ein beschauliches Single-Dasein als Medien-Designer, hat engen Kontakt zu seinen Eltern und den beiden Schwestern, pflegt seine unspektakulären Hobbies.
Doch mehr und mehr wird sein Nervenkostüm von verschiedenen Seiten unter Beschuss genommen, zunächst durch die ernste Krebserkrankung seines Vaters, dann die Entdeckung, dass seltsame Dinge auf einem militärisch genutzten und gesperrten Gelände in seiner Umgebung und im angrenzenden Vogelsee passieren,  und schließlich durch die Begegnung in der S-Bahn mit einer jungen Blondine, in die er sich heftig verliebt. Die junge Ex-Studentin, mehr aber noch ihre Eltern, sind an einer Erfindung im pharmazeutischen Bereich interessiert, die Simons Vater entwickelt.

Hoch spekulativ

An diesem Punkt bereits wird alles aber hoch spekulativ: Suchen Viktorias Eltern nach langen Jahren den Kontakt wieder, weil sie sich Rettung für ihre herzkranke Tochter erhoffen? Weil sie das große Geschäft wittern? Weil sie das Patent für viel Geld ans Militär verscherbeln wollen? Hatte Viktorias Mutter mit Simons Vater vor Jahrzehnten eine Affäre? Ist Viktoria am Ende Simons Halbschwester?
Grün versteht es bravourös, das reale Handlungsgerüst im nachvollziehbaren Erzähl-Flow darzustellen. Die Gespräche der Familienmitglieder werden dagegen oft als etwas nerviges und oft auch klischeehaftes Geschnatter empfunden, immer wieder wird der Kaffeetisch gedeckt, immer wieder der Kuchen angeschnitten. Beides kontrastiert stark mit der Gedanken- und Beobachtungswelt Simons. In seinen Überlegungen ist der Tiefgang zu finden, der sich sprachlich auch in geschickten Beobachtungsfragmenten spiegelt, in wunderbaren Bildern und personifizierten Metaphern.

Mit Worten malen

Der Eindruck, dass Grün mit Worten malt, trügt nicht. Schließlich hat die 49-Jährige an der Akademie der Bildenden Künste freie Malerei studiert und ist auch für ihre Arbeiten ausgezeichnet worden.
Bei der Lektüre des bis zur letzten Seite hochspannenden Romans ist man überzeugt, dass dies eine gute Entwicklung war, denn das Handwerk einer Mystery-, Krimi-, Unterhaltungsautorin hat sie gelernt.

Info:
Stephanie Grün, Simon paranoid, edition ektophrasma,; epubli, Berlin 2020, 188 Seiten.

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