Jenny Erpenbeck bei Literaturtagen

Eine Liebe zerbricht, ein Staat zerfällt

Die vielfach preisgekrönte Autorin Jenny Erpenbeck ließ sich gerne auf Fragen und Gespräche rund um ihren neuen Roman „Kairos“ ein. | Foto: Scharrer2021/11/Lesung_Jenny_Erpenbeck_Literaturtage-crop-scaled.jpg

Lauf – Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ führt die SWR-Literatur-Bestenliste an, ihre Bücher sind in 30 Sprachen übersetzt worden, ungezählte Preise wurden an sie verliehen, ein Artikel in der New York Times deutet an, dass Erpenbecks Oeuvre den Literatur-Nobelpreis verdient hätte. Die Folge sind Lesungen, Interviews und Fernsehauftritte en masse. Auch beim letzten „Akt“ der Laufer Literaturtage zeugte am Samstag ein ausverkauftes Haus vom Interesse an zeitgenössischer Literatur.

„Wie geht es Ihnen damit?“, fragt Ina Gombert, Leiterin des Literaturfestivals, zu Beginn. Der Medienrummel, der um ihr Werk gemacht wird, sei eine gute Möglichkeit, das Buch bekannt zu machen, so Jenny Erpenbeck nüchtern. Und: „Nach zwei, drei Jahren ruhiger Arbeit findet man das dann eigentlich ganz lustig.“

Zwei Kartons mit papiernen Überbleibseln einer Beziehung gliedern den Roman „Kairos“. Protagonistin Katharina blättert durch die „Flachware“, die Einkaufszettel, gepressten Blätter, Kalendereinträge und Briefe ihres unlängst verstorbenen Geliebten Hans, durch ein Mille-feuille aus Beziehungs- und Zeitgeschichte der Jahre 1986 bis 1992. Das Foto eines leicht ramponierten Kartons, der „gut oll“ aussieht, ziert auch den Umschlag des 384-Seiten-Buches.

In der angestaubten Zettelwirtschaft der zwei Kartons ist die Zeit eingefroren und es dauert eine Weile, bis sich Katharina in die Auseinandersetzung mit den schriftlichen Dokumenten ihrer zu keinem Zeitpunkt unkomplizierten Liebesbeziehung zu begeben wagt. Auch die Autorin Jenny Erpenbeck hat Zeit gebraucht, bis sie ihre eigene Geschichte mit der DDR in Romanform bringen konnte.

„An die Erde klopfen und warten, ob sie sich auftut,“ ist eine Metapher Erpenbecks für die beinahe archäologisch wirkende Suche nach Wahrheit im Roman. Sei es in der beschriebenen Beziehung zwischen Hans und Katharina oder im historischen Sinne, die Gegenwart überdeckt stets nur hauchdünn, was an Gelebtem schon da war und knapp unter der Oberfläche sich rührt.

Jenny Erpenbeck bezeichnet sich selbst als eine „Aufheberin“, auch im wahren Leben. Endlich wollte sie über die DDR, die ihre Jugend prägte, schreiben. „Das Undramatische des Alltags, die Tatsache, dass viele gar nicht in den Westen wollten, das kommt in Filmen über die DDR nicht so vor,“ stellt sie fest. Auch die Euphorie nach dem Mauerfall und die Ernüchterung wenig später ist für sie erzählenswert.

Je länger, je mehr prägt dieses Geschehen auch ihre Hauptfiguren Katharina und Hans. „Kairos“, der Titel des Romans und ein Gott der altgriechischen Mythologie, ist das Synonym für den günstigen Moment, den man besser nicht verstreichen lassen sollte. Im Roman tauchen diese Augenblicke immer wieder auf und werden mal besser, mal schlechter genutzt.

Erbarmungslose Wiederholungen

Beim Lesen fällt Jenny Erpenbeck in einen ganz anderen Tonfall als im freien Gespräch. Ihre Betonung ist dann ganz gleichmäßig, völlig ohne dramatische Höhen und Tiefen. Empörendes wird erbarmungslos wiederholt. „Eigentlich sollte es eine undramatische Geschichte werden. Das hat nicht so geklappt,“ lächelt die Schriftstellerin. Die Figuren hätten sich anders entwickelt.

Die Sprache, in die Jenny Erpenbeck ihre Schilderungen kleidet, ist bemerkenswert. „Ihre Sätze sind lang und kunstvoll“, bemerkt Ina Gombert. Das trifft zu, doch ebenso stimmt, dass die Sätze auch sehr kurz sein können. In einer leicht überkommen wirkenden Satzstellung und mit rhythmischen Wiederholungen erinnern sie an die knappen Sätze in biblischen Evangelien.

Nicht selten sind Erpenbecks Sätze ineinander verflochten wie die musikalischen Themen einer Fuge. Nebeneinander her erzählt ein Satz über Hans, ein Satz über Katharina, ein Satz über ihn, ein Satz über sie. Der Bezug zur Musik ist unübersehbar, erschaffen doch die klassische Musik, die Literatur und die Betrachtung der Kunst einen virtuellen Raum für die Liebe von Hans und Katharina.

Auch in der ehemaligen DDR gab es so etwas wie eine identitätsstiftende Kultur und Sprache, bei der das Lesen zwischen den Zeilen zur Kunstform geriet, erzählt die Autorin. „In der untergehenden DDR allerdings wird die Sprache zum Problem. Sie kann die Wahrheit nicht mehr erreichen. Fassadenhaft ist sie gebeutelt von all den Schwierigkeiten, durch die man hindurchgegangen ist und sie ist kein Mittel mehr, sich wirklich zu verständigen.“

Zerfall als Allegorie

Das gilt, so Erpenbeck, für die zu Beginn des Buches bereits ramponierte Deutsche Demokratische Republik ebenso wie für die Beziehung von Katharina und Hans. Die beiden Liebenden spiegeln in ihrer anfangs euphorisch glücklichen, dann desaströsen Beziehung das Zerbröseln des Staates. Der langsame Zerfall der DDR wird zur Allegorie für diese – und umgekehrt. „Die Liebe und das Schwierige sind parallel. Das ist doch oft so im Leben. Das kennen wir alle“, stellt die Autorin fest.

Hans vollzieht an Katharina die „Aufarbeitung“ ihres Betrugs – sie hat eine Nacht mit einem anderen Mann verbracht – und erhält so die Beziehung über für beide qualvolle Jahre aufrecht. Ina Gombert spricht eine Parallele an: das Element der Kontrolle spielt eine Rolle in der Liebesbeziehung und im politischen Kontext. Dies hat die Schriftstellerin so angelegt. „Kontrolle ist auch eine Form der Nähe. Vielleicht bin ich sogar die erste,“ mutmaßt Jenny Erpenbeck, „die in diesem Buch die Theorie aufstellt, dass das Werben des DDR-Staates um Informanten ein letzter Versuch des Staates war, Nähe und Bindung herzustellen.“

Nahbare Autorin

So ernst, wenn auch von feinem Humor und scharfsichtigen Beobachtungen durchzogen der Roman auch ist, so nahbar und heiter im Dialog ist die Autorin selbst. Im Gespräch mit Ina Gombert erzählt die Schriftstellerin von den neugierigen Fragen aufgeweckter Schüler in Usbekistan, von Ausbrüchen von Kleinkriminalität nach dem Mauerfall und von den organisatorischen Problemen, die die auf Papier gebannten Zeugnisse in einer schriftstellerisch tätigen Familiendynastie aufwerfen. Die Lesungen aus dem Roman, die philosophierenden Gespräche auf dem Podium und die Anekdoten machen den Abend rund.

Bürgermeister Thomas Lang zitiert denn auch nach seinen Danksagungen an alle, die die Laufer Literaturtage möglich gemacht haben, Intendant August Everding: „Kultur ist keine Zutat, Kultur ist der Sauerstoff einer Nation.“ Beim Abend mit Jenny Erpenbeck konnte man in dieser Hinsicht tief Luft holen, bevor in diesem Winter ereignisärmere Zeiten Lesungen vor Publikum zu kostbaren Erinnerungen werden lassen.

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