Woher kommt die Faszination für die ewige Tinte?

Tattoos: „Die Seele auf der Haut tragen“

Seit zehn Jahren arbeitet Loretta Landsberger als Tätowiererin, vor drei Jahren hat sie sich in Feucht den Traum vom eigenen Laden erfüllt. Ihrer Kundin Katy Togbe sticht sie einen Schriftzug auf den Unterarm (unten links). Ihre Kunden wünschen sich auch größere Tattoos, die oft in mehreren Sitzungen entstehen (rechts oben und unten)2015/10/feuchttattoo_1444398602.jpg

FEUCHT – Immer mehr Deutsche lassen sich tätowieren. Doch was macht den Reiz aus? Zu Besuch in einem Studio in Feucht.

„Grüß dich, ich bin Etta.“ Loretta Landsberger, lange, dunkle Haare, schwarze Kleidung, hohe Plateaustiefel, öffnet schwungvoll die Tür zu ihrem Laden in Feucht. „Papillon noir“ nennt sich dieser. Seit der Eröffnung vor drei Jahren haben sich Landsbergers Tattookünste herumgesprochen. Heute schaut eine Kundin aus Nürnberg vorbei.

Bei Landsberger selbst sind auf den ersten Blick keine großen Tattoos zu entdecken. Nur zwei kleine sind sichtbar: Eine winzige Blume am Unterarm hat sie sich selbst gestochen. „Mit Nadel und Faden“, erzählt sie. Da war sie zwölf Jahre alt. „Ich wusste eben damals schon, wo es hingehen soll“, sagt sie 
lachend.

Und der Apfel scheint nicht weit vom Stamm zu fallen: Die Tochter hat sich ebenfalls im Alter von zwölf bei der Frau Mama mit einem Stern am Daumen verewigt. Unter Shirt und Hose bahnt sich dann noch ein großflächiger Drache seinen Weg vom Bein bis zum Bauch.

Kaum jemand bereut

Mehr als jeder fünfte junge Erwachsene in Deutschland hat ein Tattoo, das ergab eine Studie der GfK im Auftrag von Dermatologen der Uni Bochum und verschiedener Tattoo- und Piercing-Verbände im vergangenen Jahr. Das sind insgesamt 6,3 Millionen Menschen in Deutschland.

Mehr als jeder zehnte Tätowierte hat mindestens vier Tattoos, tendenziell tragen Männer größere Tätowierungen als Frauen. Nur jeder Zehnte bereut das Tattoo und möchte es korrigieren oder entfernen lassen.

Katy Togbe ist an diesem Tag im Studio, um sich ihre vierte Tätowierung stechen zu lassen. Das erste sei eine Jugendsünde gewesen, gesteht sie. Das gefalle ihr nun nicht mehr. Dennoch soll eins in Gedenken an ihre verstorbene Großmutter her: Der Schriftzug „Immortal“ (englisch: unsterblich) wird bald für immer auf ihrem Unterarm stehen.

Ein wenig aufgeregt sei sie, meint die Callcenter-Mitarbeiterin. Aber die Freude überwiege. Mit Landsberger hat sie ein freundschaftliches Verhältnis. Ihr gefällt der Stil der Anfang Vierzigerin. „Ein wenig Gothic.“

Landsberger greift zu schwarzen Handschuhen und desinfiziert Togbes rechten Unterarm gründlich. Sie platziert die Vorlage auf der Haut. Togbe hätte den Schriftzug gern längs. Landsberger zuckt mit den Schultern: „Der Kunde ist König.“

Alle Utensilien sind Wegwerfartikel: Die Handschuhe, die Nadel und die Plastikumhüllung für Stechgerät und Desinfektionsflasche wandern nach Vollendung der Tat in den Müll. Nicht mal eine Viertelstunde dauert es, bis das Werk auf Togbes Arm vollendet ist.

Doch was fasziniert Menschen an Tattoos? Landsberger überlegt. „Tattoos sind bei der breiten Masse angekommen.“ Während man in den 80ern noch mit dem Körperschmuck für schockierte Gesichter sorgen konnte, trage heute von der Kassiererin bis zur Zahnarzthelferin jeder die farbige Zierde. „Im Freibad ist es leichter, die Leute ohne Tattoo zu zählen als die mit.“

Für viele hätten die Bildchen einen dekorativen Sinn, seien Schmuckstück. Bei anderen hätte jedes einzelne Tattoo eine besondere Bedeutung, wie bei Togbe. „Tattoos bedeuten, die Seele auf der Haut zu tragen.“

„In“ seien derzeit Federn, Sprüche, Schwalben, Schnörkel und florale Muster. Landsberger hat aber auch schon Totenköpfe und Schildkröten auf Haut verewigt.

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Die ausgefallenste Tätowierung hatte sich ein Mann für seinen Oberkörper überlegt: Eine asiatische Frau, gefesselt im Bondage-Stil. Nach zweieinhalb Stunden war der Herr der Schmerzen überdrüssig und entschied: Es geht auch ohne Kopf. Der sei eh nicht so wichtig, hat er gesagt, erinnert sich die Tattookünstlerin 
schmunzelnd.

Gut überlegen

Dass das wohl überlegt sein muss, weiß Landsberger. Gerade jungen Menschen rät sie, das Ganze gut zu überdenken. „Ich frage erstmal, ob denn der Chef Bescheid weiß.“ Denn allzu oft gäbe es Knatsch am Arbeitsplatz. Besonders, wenn die Stelle gut sichtbar ist. „Tätowierungen am Hals sind derzeit der Renner“, weiß die Expertin.

Kunden hat sie auch schon wieder nach Hause geschickt. Das Geschäft geht nicht über alles. „Das dauert zehn Minuten und man trägt es sein Leben lang.“ Besonders junge Menschen würden sich da keinen Kopf machen.

Andenken an Oma

Katy Togbe ist zufrieden mit ihrer neuesten Errungenschaft. Heilcreme kommt in einer dicken Schicht auf das in Fleisch gravierte Andenken an ihre Oma. Eine Schicht aus Frischhaltefolie schützt die empfindliche Haut für die nächsten Stunden. Wer weiß, vielleicht gibt es bald schon ein fünftes Tattoo.

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