Konzert im Kick

Nice Brazil und Band holten Brasilien nach Hersbruck

Alle mitsingen: Unter Anleitung von Nice Brazil summt das Kick-Publikum „Girl of Ipanema“ gerne mit. | Foto: U. Scharrer2020/02/Nice-Brazil-4.jpg

HERSBRUCK –„40 Grad heiß soll es euch heute mindestens durch die Musik werden“, verkündete die brasilianische Musikerin Nice Brazil von der Bühne des proppenvollen Kick herunter. Diese hochsommerliche Ansage ließ sich vielleicht nicht ganz einlösen, obwohl die Luft von Anfang an zum Schneiden war. Den laschen und bisher allenfalls zu Sturmböen fähigen Winter mit einer gehörigen Prise „Karneval Brazil“ zu verabschieden, das gelang den vier hervorragenden Musikern allemal.

Leichtfüßig ist der Rhythmus, heiter und durchgehend beschwingt. Dabei sind die Texte und Themen der Songs von Nice Brazil, darunter viel von der Sängerin selbst Verfasstes, keineswegs so sorglos, wie „Bossa Nova und Samba“ suggerieren. Von verschmähter und zu Ende gegangener Liebe handeln sie, von Menschen, die mit unseren Gefühlen spielen wie mit einer Papierkugel (Bolinha de Papel), aber auch von Protest und Widerstand. Dafür eignet sich die Melange aus Jazz und Elementen der „Música popular Brasileiro“, die Nice Brazil in ihrer Jugend in der Heimatstadt São Paulo auch als musikalischen Protest gegen die Militärdiktatur und eine Rebellion mit den Mitteln der Musik erlebt haben könnte, besonders gut.

Lust auf mehr

Ihre drei Begleiter sind dabei viel mehr als nur das: Sie sind musikalische Persönlichkeiten, die in jedem der zwischen den Gesang gestreuten Soli Lust auf mehr machen. Joel Locher hat seine Versatilität am mannshohen Kontrabass bereits mehr als einmal in Hersbruck unter Beweis gestellt. Ricardo Fiuza widmet sich, den Rücken zum Publikum, ganz dem Piano, eine Konzentration, die in fulminant jazzigen Alleingängen gipfelt. Der aus St. Petersburg stammende Valery Brusilovsky am Schlagzeug ist für den federweich elastischen Rhythmus Brasiliens sowieso unverzichtbar.

Wenn Nice Brazil die Herzensstücke brasilianischer Musik ankündigt und anstimmt, schmelzen die Landsleute im Publikum dahin und machen ihrer Begeisterung durch temperamentvolle Zwischenrufe Luft – denn an Tanzen ist zwischen den eng gestellten Stuhlreihen nicht zu denken. So muss die Bewegung von Nord- nach Südbrasilien eben musikalisch nachvollzogen werden und der Streifzug durch die Befindlichkeiten moderner Erdbewohner auch: „Pra Lá e Pra Cá“ („Verstreut“) benennt die angesichts der Fülle zu erledigender Dinge viel zu rasch verstreichende Lebenszeit, in „Quando Te Vi“ („Als ich dich sah“) erzählt die Sängerin von einer Liebesgeschichte, die nicht so gut ausging, wie das Lied darüber geworden ist.

Summen und Raten

Nice Brazil geht ihren eigenen Wurzeln („Minhas Raizes“) mit wandlungsfähigem Gesang und ausdrucksvoller Mimik auf den Grund, interpretiert warm und rauchig, im raschen Silbenstakkato oder hingegeben an die Schwermut, mit gut gelauntem Scatgesang oder Sonne in der Stimme. Auch die Hersbrucker dürfen, wenn schon nicht tanzen, dann doch singen. Das „Girl of Ipanema“ ist hinreichend bekannt, um im gemeinsamen Summen erprobt zu werden, während das Erraten von „Voce Abusou de Sambo“ einer Landsfrau von Nice Brazil bedarf, die für ihr Wissen mit einer aktuellen CD belohnt wird.

Die Macher des Kick locken inzwischen ohne großes Zutun eine Fülle absolut hörenswerter Bühnenkünstler an, die vom Auftrittsort und dem kulturaffinen Publikum gehört haben. Dieses Engagement, das an diesem Abend auch von Nice Brazil wiederholt gelobt wird, hat starke Unterstützer verdient, wird doch hier, ohne groß Aufhebens zu machen, an einem Kleinkunst-Juwel geschliffen.

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