Kabarettistin Simone Solga in Feucht

Die Welt ist ver-rückt

Wir waren achtsamer und haben aufeinander aufgepasst – Kabarettistin Simone Solga beim Auftritt in der Feuchter Reichswaldhalle. | Foto: Dorotheé Krätzer2020/09/FEucht-Solga.jpg

FEUCHT – Kabarettistin Simone Solga benennt in der Reichswaldhalle, was sie stört und präsentiert ein reichhaltig gedecktes Themenbuffet.

„Schön, dass Sie da sind“ – in der aktuellen Situation schwingt in diesem Satz von Simone Solga mehr mit, als sonst. Nur ganz langsam wagen Veranstalter, wieder ein Konzert im kleinen Kreis zu veranstalten, einen Theater- oder Kleinkunstabend – unter Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen. „Sie haben ganz schön abgenommen“, konstatiert Solga in der Feuchter Reichswaldhalle, „zahlenmäßig“. Wo sich sonst die Plätze dicht aneinander reihen, stehen diesmal immer zwei Stühle im Abstand von eineinhalb Metern zum nächsten Stuhlpaar. Nur dem Geschick von Veranstalter KulturSPD ist es zu verdanken, dass die Halle trotzdem den Eindruck von „gut besucht“ vermittelt.

Richtung Normalität

Für Künstlerin und Publikum bedeutet dieser Abend einen Schritt in Richtung Normalität und beide genießen ihn nach der langen Zwangspause. „Ihr mich auch“ heißt das Programm, das Solga diesmal mitgebracht hat und in dem sie deutlich sagt, was sie meint. Schon immer waren die Soloprogramme der Powerfrau aus dem Osten inhaltlich dicht. Bereits früher sprang die Kabarettistin unter anderem bei der „Perle mit Zündschnur“ (2002) und „Im Auftrag der Kanzlerin“ leichtfüßig von Thema zu Thema. Das hat sie, die sich ihrem Publikum mit dem Sternzeichen „Krawallschachtel“ vorstellt, auch in ihrem siebten Soloprogramm beibehalten. Es ist der vierte Auftritt seit März und etwas beschleicht einen das Gefühl, dass sie Nachholbedarf habe und alles hier verarbeitet.

Corona ist natürlich das Thema: der Umgang damit, die Folgen, Fluchten, die Aggressionen, die Angst vor Nähe – vorher vor Vereinsamung – und die Situation der Künstler. Als nicht systemrelevant seien sie Luxus und von Hilfeleistungen gebe es keine Spur. Kein Sack Reis sei bei ihr bislang abgeworfen worden, sagt Solga und dass sie sich deshalb als „Testpilotin“ für Corona-Impfstoffe zur Verfügung gestellt habe. Immer noch besser als die Wahl zwischen Prostitution oder Organverkauf. „Versuche an Affen: nein; an Sachsen: ja“Virologe Christian Drosten spritze sie persönlich. Rasant ergibt sich eins aus dem anderen, auf den Einwurf zum Kirchenasyl mit frischen Männern, die für eine bessere Welt kämpfen, folgen Freizeittrends, unter anderem Hüpfen für den Frieden auf dem „Trump-Putin“ – gekauft für 100 US-Rubel.

Solga nennt was sie stört, seien es Moralapostel, Mahner oder Schwarz-Weiß-Denker. Straßen umzubenennen gehe am Problem vorbei, ebenso wie Phrasen zu dreschen. Ob man eine Lösung von einer perspektivlosen SPD erwarten kann, die alles tut um ihre Wähler zu vergraulen? Den „guten, demokratischen Sozialismus“ („gibt’s nicht, ist wie vegane Blutwurst“) rückt sie schnell richtig. „Wir waren höflicher, achtsamer, haben aufeinander aufgepasst und haben das Nichts gerecht auf alle verteilt.“

Reiches Themenbuffet

Rassismus, Klima, Schulsystem und Bildung, Altenpflege – klasse gespielt als polnische Altenpflegerin Kascha – Flucht, Fachkräftemangel und weichgespülte Männer – das Themenbuffet ist reichhaltigst gedeckt. So geballt präsentiert könnte man depressiv werden, doch dagegen setzt Solga ihren Humor und ihr Können, mit Worten und Zusammenhängen zu spielen. Die Aufspaltung der Gesellschaft nimmt zu, stellt sie gegen Ende fest und dabei wolle die Mehrheit doch nur in Ruhe und Frieden leben.

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