Polka und Balkanbeat

Band Hiss rockt das Kick

Gute Laune bei morbiden Themen: Bei Hiss ist auch die „Friedhofspolka“ tanzbar. | Foto: U. Scharrer2019/02/Hiss.jpg

HERSBRUCK – Das Oberlippenbärtchen so messerscharf wie die Bügelfalten, die zurück gegelten Haare auf Hochglanz poliert wie die tomatenroten Schlangenlederschuhe, windschnittige Koteletten und öliges Grinsen – Hiss punktet mit Ganovencharme und Weltumseglerromantik und liefert Shanty und Polka, Bänkellied und Schunkelschlager passgenau dazu. Die Fangemeinde im ausverkauften Kick lässt sich nicht lumpen und tanzt bis zum letzten Ton.

Erster Song. Noch sitzen die Hersbrucker. Zweiter Song. Unruhe macht sich breit. Dritter Song. Die gegen den Widerstand einiger Gewohnheitsmenschen im voll besetzten Konzertsaal ausgesparte Tanzfläche brodelt und wird sich bis zum endgültigen Abschied der vermeintlichen Seebären, Walfänger und Bordmusikanten von Hiss nicht leeren. Die Band aus Stuttgart mag mit Mythen aus der Welt „gestandener Männer“ kokettieren, bei denen „Bier, Wurst und Tanzmusik“ auf dem Diätplan stehen und die weltmännisch-lässig „Von Sansibar nach Santa Fé“ Frauenherzen in Serie knicken und dabei ihr zunehmendes Alter in Form von morbiden Fantasien à la „Tanz an meinem Grab“ reflektieren.

So lange sie diese hinreißend süffige Musik dazu spielen, an der man sich ohne einen Tropfen Alkohol betrunken hören kann, sei ihnen jegliche testosterongesteuerte Unangepasstheit an die Empfindlichkeiten des 21. Jahrhunderts gern verziehen. Ein herrlich entspannter Reggae, eine entzückende Polka, eine betörende orientalische Weise, ein kubanischer Salsa mit A-cappella-Einlage, ein gepimptes Schnaderhüpferl, eine morbide Moritat, ein süffisantes Shanty – diese unvorstellbare Mischung wird mit so viel Schmiss und Spiellust präsentiert, dass musikalisch keine Wünsche offen bleiben.

Stefan Hiss, der sein Schifferklavier wie ein kapriziöses Liebchen im Tanze wiegt, sorgt für maritimen Charme und üppigen Klang, den nur ein Akkordeon transportieren kann. Michael Roth, Herr über elf (!) Mundharmonikas, injiziert den Songs Herzeleid und Wehmut, Volker Schuh am Bass sorgt für Bodenhaftung, bis er sich mit dem an der E-Gitarre unglaublich spritzig musizierenden Joscha Brettschneider einen Solo-Schlagabtausch liefert, der ungeahntes Temperament aufscheinen lässt.

Bernd Öhlenschläger bleibt als Schlagzeuger nur optisch im Hintergrund und pfeffert die Hiss-Songs mit Rhythmus und Beats. Das brodelt und zischt, macht gute Laune und fährt in die Beine und Hände. Klar, diese großen Seefahrer und Weltenbummler hält es nicht an einem Ort, schon gar nicht in Mittelfranken. Doch bevor sie wieder in die Ferne ziehen, versüßen sie den Abschied mit drei Zugaben: „Amor“, „Polkakönigin“ und „Christliche Seefahrt“ – welche Untiefen lauern da!

Im Kick geht es weiter mit „B3“, einer Mischung aus Jazz, Rock, Funk und Blues ,am Samstag, 9. März, um 20.30 Uhr.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer