Mitglied der Schiffscrew erzählt übers Treideln

Techtelmechtel mit Elfriede

Die Ausflüge mit dem Treidelschiff erfreuen sich großer Beliebtheit, sowohl als öffentliche Veranstaltung für jedermann als auch für geschlossene Gesellschaften. | Foto: Spandler2019/09/Winkelhaid-Lamprecht3.jpg

SCHWARZENBACH/WINKELHAID – Der ehemalige Marinesoldat Sigurd Lamprecht ist seit fast 25 Jahren Mitglied der Treidelschiff-Crew der Elfriede und informiert während der Fahrten über das Kanal- und Treidelwesen.

Neun Jahre war der Winkelhaider Sigurd Lamprecht (66) als Zeitsoldat bei der Marine, dann musste er wegen gesundheitlicher Einschränkungen den Dienst quittieren. Als junger Mann lernte er schließlich Großhandelskaufmann, aber die Leidenschaft für die Seefahrerei ließ ihn nicht mehr los. Schließlich hatte er alles, was zum Decks-Dienst am Oberdeck gehört, von der Pike auf gelernt, sein kleines seemännisches Patent gemacht, war auf dem Seeweg in ganz Europa, auf den Azoren, an der US-Ostküste, in Guantanamo und Puerto Rico unterwegs.

Er vermisste danach die Seefahrt und suchte zumindest nach einem angemessenen Ersatz. Den fand er 1995, als die Gemeinde das 150-jährige Jubiläum des Ludwig-Donau-Main-Kanal feierte und für das neue, alte Treidelschiff Elfriede eine kundige Besatzung suchte.

Unter Flagge des Wasserwirtschaftsamtes

Er bewarb sich und wurde sofort genommen, ebenso wie Richard Spiegel vom zweiten Elfriede-Team, der auch von Anfang an dabei ist. Während im ersten Jahr, in dem der alte Kahn, der wie in alten Zeiten von einem Kaltblut-Pferd gezogen wird, noch sozusagen unter der Flagge des zuständigen Wasserwirtschaftsamtes (WWA) über die alte Wasserstraße glitt, durften nach dem Jubiläumsjahr wegen der starken Nachfrage die Freizeitkapitäne ans Ruder.

Der damalige Bürgermeister Georg Hirsch wurde sich mit dem WWA einig, während der fünf Sommermonate Mai bis September jeweils am ersten Sonntag des Monats vier Treidelfahrten für die Öffentlichkeit anzubieten, die an der Schwarzenbacher Gaststätte Zum Ludwigskanal starten und zu Ende gehen.

Bewegt wird seitdem das Schiff von einem der schweren Pferde des Hausheimer Rosswirts Thomas Marx, gelenkt und beaufsichtigt wird es von der fünfköpfigen Treidel-Kapitäns-Crew. Zwei stehen am Ruder, zwei an den Leinen und einer erzählt von der Geschichte des Treidelwesens und des Kanals und beantwortet geduldig die Fragen der Mitreisenden. 110 dürfen das maximal sein und die Gäste kommen beileibe nicht nur aus der Umgebung.

Zum Betriebsausflug der Filzfabrik Fulda (l.) trugen alle im Treidelteam passende Filzhüte, rechts hinten Lamprecht im Sommer 2009. Foto: Lamprecht2019/09/Winkelhaid-Lamprecht-2.jpg

„Am Sonntag hatten wir Urlauber aus Bremen“, erinnert sich Lamprecht an seine für diese Saison letzte Fahrt, zu der die Öffentlichkeit zugelassen war. Daneben kann die Elfriede nebst kompletter Mannschaft aber auch für private Gesellschaften, Betriebsausflüge, Hochzeiten und ähnliches gebucht werden.

Ordner mit Dankesbriefen

Vorschriften für das Führen des Schiffes gibt es etliche, auch wenn der Kanal keine offizielle Schiffahrtsstraße ist. Die beiden Fünfer-Teams der Kapitäne – alle zehn sind Schiffahrtinteressierte, die sich im Ruhestand ihres Berufslebens befinden – müssen jedoch angelernt werden. „Das geht aber schnell“, bestätigt Sigurd Lamprecht, vor allem, wenn man nicht das erste Mal am Ruder steht und sich schon in früheren Zeiten mal mit Steuern und Festmachen beschäftigt hat.

Körperlich fit müsse man sein, denn die meiste Zeit arbeitet man im Stehen. Dies ist auch der Grund, warum er den Part des Informierens übernommen hat, denn dabei kann er sitzen. Hier muss man sich selbstbewusst Gehör verschaffen und kompetent auf die Fragen der Mitreisenden antworten.

Besonders gern hat der 66-Jährige Kinder als Zuhörer. „Was da schon Erst- und Zweitklässler fragen“, muss er sich immer wieder wundern und holt gerührt einen Ordner mit Dankesbriefen von Grundschülern hervor, in denen sie ihre Begeisterung in schriftlicher und gemalter Form ausdrücken.

Bei dieser Besucher-Klientel ist natürlich noch eine weitere Fähigkeit gefragt: Bei kleinen Gästen muss ganz besonders auf die Sicherheit geachtet werden, darauf, „dass die Hände drin sind“, damit nichts passiert, wenn man zu nah ans Ufer kommt. Ein Erste-Hilfe-Kasten ist zudem immer an Bord. Weitere Aufgaben sind das Ausschöpfen des Bootes nach starkem Regen.

Im Übrigen wird bei Wind und Wetter gefahren, aber für die technische Wartung ist das WWA zuständig. Nur wenn die Elfriede aus dem Winterquartier geholt wird, ja dann wird sie von ihren Kapitänen ein bisschen mit aufgehübscht. „Wir setzen den Mast zu Beginn der Saison“, erklärt er, „kontrollieren die Sitzgelegenheiten, ersetzen kaputte Wimpel“. Für den einwandfreien Zustand ist allerdings der TÜV zuständig, der das Boot vor Ort am Kanal durchcheckt.

Kein weiblicher Kanalschiffer

Die Einsätze der Freizeitseeleute werden gerecht aufgeteilt, neben den Diensten am ersten Sonntag im Monat wird auch zweimal an der Schwarzenbacher Kirchweih gefahren.

Lebensgefährtin Hella Dieroff ist mittlerweile ebenso vom Treidel-Virus befallen wie der Kanal-Schipper Sigurd Lamprecht. Foto: Lamprecht2019/09/Winkelhaid-Lamprecht1.jpg

Zwar gibt es keinen weiblichen Kanalschiffer, aber eine gute Seele ist immer dabei, wenn der Winkelhaider an Bord geht: Hella Dieroff, die Lebensgefährtin von Lamprecht, ist mittlerweile genauso vom Treidel-Virus befallen, wie er selbst, und nimmt ihm den einen oder anderen Handgriff ab, der ihm durch seine Krankheit schwerfällt, ebenso wie es für sein gesamtes Schiffer-Team selbstverständlich ist, Rücksicht auf seine Einschränkung zu nehmen.

Wenn er die Kids mit der Frage verabschiedet hat, wie sich denn die Schiffer an Bord begrüßen, dann ist Dieroff diejenige, die jedem Kind beim Verlassen des Schiffes zur Erinnerung ein Tütchen „Ahoi-Brause“ in die Hand drückt.

Entschieden tritt der Kanal-Historiker dem Eindruck entgegen, eine Fahrt verlaufe wie die andere. Hochinteressante Fragen, aber auch Beiträge lieferten da vor allem die alten Nürnberger. Eine 1922 geborene ältere Dame berichtete ihm, dass sie selber als Kind oft in Gibitzenhof-Sandreuth auf dem Kanal ein Stück mitgefahren sei, weil sowohl ihr Vater als auch ihr Großvater Schleusenwärter gewesen seien, und überließ ihm etliche historische Aufnahmen aus jener Zeit.

Schwarze Hose, weiße Hemden, schwarze Weste und natürlich eine Seemannskappe – so tritt das Team auf, das in diesem Jahr neu eingekleidet wurde. Lamprecht tanzt ein klein wenig aus der Reihe: Er trägt stets seine authentische, alte Marinemütze…

Wenn man dem alten Seebären so zuhört, mag man gar nicht glauben, dass es auch für dieses interessante Hobby an Nachwuchs fehlt. „Etliche sind schon weggestorben“, bedauert Lamprecht.

Dreifach-Geburtstag nächstes Jahr

Vielleicht ist ja das große Jubiläumsjahr 2020 interessant für künftige Kanalschiffer, dann feiert man nämlich einen Dreifachgeburtstag: 25 Jahre Treideln bei Schwarzenbach, 100 Jahre Elfriede und 175 Jahre Ludwig-Donau-Main-Kanal. Die Elfriede, Baujahr 1920, wurde nämlich herrenlos in einem Seitenarm der Abens, ein Fluss, der in die Donau mündet, entdeckt und vom Wasserwirtschaftsamt zunächst als Arbeitsschiff hergerichtet und gelegentlich immer noch verwendet. Zwischenzeitlich aber trat sie ihre große Karriere als Treidel-Attraktion an.

Die drei Jubiläen werden natürlich gebührend gefeiert. Das genaue Programm steht noch nicht fest, wird aber in Absprache mit dem WWA festgelegt. Im Burgthanner Rathaus denkt man an eine Ausstellung mit historischen Fotos, ein Marinechor könnte engagiert werden und mit Sicherheit werden Touren auf dem Kanal mit Seniorin Elfriede angeboten. Sigurd Lamprecht wird den Treidelgästen wieder viel zu erzählen haben.

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