Valentins-Spezial

[ARCHIV] Wenn ein Paar auf Abstand geht

Der Lockdown ist auch für Paare eine echte Belastungsprobe. | Foto: Qunamax/Getty Images2021/02/GettyImages-1124828044-scaled.jpg

LAUF — Der Lockdown ist für viele Beziehungen eine Belastungsprobe. Zwei Laufer Therapeuten beraten Paare, die selbst nicht mehr weiter wissen. Der Valentinstag sei eine gute Gelegenheit,
um an der Beziehung zu arbeiten, sagen die Experten.
(Artikel vom 14.2.20)

24 Stunden am Tag zusammensitzen, im gleichen Zimmer arbeiten, gemeinsames Aufstehen, Frühstück und Mittagspause. Und die fehlende Fahrt von der Arbeit nach Hause verschafft noch mehr Zeit zu zweit. Corona-Maßnahmen wie Homeoffice, Ausgangssperre und Kontaktbeschränkung stellen Pärchen aktuell vor eine neue Herausforderung: Die Partner haben kaum Zeit für sich selbst.

Vor allem für frisch verliebte Paare oder Partner, die mit ihrer Beziehung zufrieden sind, ist die viele gemeinsame Zeit keine Belastung oder sogar das ideale Modell. Doch wenn es schon vorher gehakt hat, verstärken die Corona-Maßnahmen die Konflikte. Das ist jedenfalls die Erfahrung der Laufer Paartherapeutin Sabine Arnold.

„Wenn Partner wenige Gemeinsamkeiten, keine gute Kommunikation miteinander oder ein unterschiedliches Bedürfnis nach Autonomie und Nähe haben, zeigt sich das während des Lockdowns besonders deutlich“, sagt Arnold. Aktuell nehme die Nachfrage nach einer Therapie sowohl von Paaren als auch von Singles zu. „Manche Singles spüren jetzt besonders, dass sie doch gerne wieder einen Partner hätten.“

Die Partner spüren dagegen deutlicher, welche Konflikte die Beziehung schon länger belasten. Dann sei es wichtig, die festgefahrenen Muster aktiv anzugehen. „Wir helfen den Paaren, sich in den anderen hineinzuversetzen, und geben Aufgaben, wie sich einmal aktiv zuzuhören.“ Es sei besonders wichtig, dem Gegenüber eigene Zeit einzuräumen.

„Eine Beziehung fordert Engagement. Vergleichbar mit dem Garten, der verwildert, wenn ich ihn nicht pflege“, sagt Arnold. Wenn sich einer der Partner bereits innerlich aus der Beziehung verabschiedet hat, kann auch die Therapie nicht mehr helfen. „Tendenziell gehen die meisten Paare leider zu spät zum Therapeuten.“ Dann bleibt nur noch das Eingeständnis, dass der Graben zu tief geworden ist.

Um das zu verhindern, sei es wichtig, regelmäßig offen miteinander zu reden und Neugier und Anerkennung zu zeigen. „Oft gerät ein Paar mit der Zeit in den ,Kritikmodus‘. Der Partner hört nur noch Vorwürfe. Dann ist es wichtig, wieder in den ,Anerkennungsmodus‘ zu wechseln.“

Nicht jeden Tag die Jogginghose

Das geschieht zu Beispiel, indem man sich wieder für den anderen schick macht. „Wenn ich im Homeoffice jeden Tag Jogginghose und abgelaufene Socken trage, signalisiere ich meinem Partner, dass er selbstverständlich ist“, sagt der Laufer Paar­therapeut Jörg Schmidt. Sich wieder attraktiv zu machen, sei Anerkennung für das Gegenüber.

Der Lockdown ist laut Schmidt für Partner besonders anstrengend, die bisher alles nur zusammen gemacht haben. „Ohne eigene Hobbys oder eigene Freunde sitzen die Paare aufeinander und haben sich nichts mehr zu sagen. Der andere weiß ja schon alles.“ Kinder im Homeschooling können eine zusätzliche Belastung sein. Laut Schmidt ist es wichtig, die alltäglichen Routine zu unterbrechen, zum einen durch eigene Aktivitäten, für die der Partner Raum geben muss, und zum anderen durch bewusste gemeinsame Aktionen. „Das heißt nicht, ins Kino zu gehen, wo beide schweigen, sondern eher beim Spaziergang offen miteinander zu reden.“


Die Ansprüche an Beziehungen sind laut Schmidt stark gestiegen. „Der Partner muss heute ein Seelenverwandter sein, gutaussehend und wohlhabend, gleichzeitig Sexgranate und perfektes Elternteil.“ Es liegt wohl auch an diesen hohen Ansprüchen, dass inzwischen fast 70 Prozent der deutschen Ehen geschieden werden. Doch wer Wert auf seine Beziehung legt, kann auch um sie kämpfen.

Valentinstag als Gelegenheit

Eine Gelegenheit bietet der Valentinstag am 14. Februar. Statt des obligatorischen Restaurantbesuchs könnten die Pärchen dieses Jahr an ihrer Beziehung arbeiten, schlägt Sabine Arnold vor. „Jeder schreibt zehn Eigenschaften auf, die ihm am anderen gefallen, und liest sie vor. Bereits das hilft, sich wieder näherzukommen.“ Außerdem könne man Aktionen für die Zeit nach dem Lockdown planen. „Gemeinsame Vorfreude ist ein gutes Gefühl“, so Arnold.

Jörg Schmidt empfiehlt einen gemeinsamen Ausflug, bei dem nicht über Kinder, Arbeit und Alltag geredet wird. Dabei können die Paare auch einmal das „regelhafte Zwiegespräch“ ausprobieren. „Für eine halbe Stunde wechselt man sich alle fünf Minuten ab, der eine redet, ohne den anderen zu kritisieren, der andere hört nur zu.“ Mit dieser Methode ist jedenfalls einer der wohl häufigsten Vorwürfe unter Partnern vom Tisch: „Du hörst mir ja eh nie zu.“

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