Judit Nothdurft aus Röthenbach

Sie bringt Hörende und Gehörlose zusammen

Das Gebärden beherrscht Judit Nothdurft inzwischen fast perfekt. | Foto: PZ2019/09/Bildschirmfoto-2019-09-13-um-19.03.11.png

RÖTHENBACH — Ein Rettungssanitäter oder Notarzt kommt ins Haus, jede Minute zählt, doch Patient und Helfer können sich nicht verständigen – weil der Patient nichts hört. Auf genau solche Situationen bereitet Judit Nothdurft aus Röthenbach medizinisches Personal vor. Vor zehn Jahren hat sie mit ihrem Unternehmen „Judit Nothdurft Consulting“ den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt und schult seitdem bundesweit Menschen im Umgang mit Gehörlosen.

Bei tauben Menschen denkt man in erster Linie an Gebärdensprache. Doch Judit Nothdurft geht es in ihren Kursen gar nicht darum, diese „Zeichensprache“ perfekt zu vermitteln. Sie beschränkt sich auf einige wenige Gesten. „Ich möchte vielmehr erreichen, dass sich Hörende in die Welt der Gehörlosen hineinversetzen können“, sagt sie. Dazu gehört zum Beispiel das langsame Sprechen, so dass ein Gehörloser von den Lippen ablesen kann. Außerdem Augenkontakt sowie eine ausgeprägte Gestik und Mimik. „Ich sage immer, wie ein guter Italiener“, erklärt die 60-Jährige und lacht.

Zu ihren Kunden zählen unter anderem der ASB in Lauf, das Rote Kreuz in Mainz, die Nürnberger Erlerklinik oder Firmen, die ihre Mitarbeiter oder Betriebsräte für die Kommunikation mit Gehörlosen sensibilisieren wollen. Mit dem bekannten Nürnberger Bodyguard Peter Althoff hat sie Selbstverteidigungskurse für gehörlose Frauen durchgeführt. Sie dozierte an der Uni in München, ab Oktober lehrt sie in Bayreuth, außerdem betreibt sie Öffentlichkeitsarbeit für Gehörlose und setzt sich für Inklusion ein.

Anfangs war es schwer

Inzwischen sei das Thema mehr im Alltag angekommen, hat die gebürtige Ungarin beobachtet. Als sie sich vor zehn Jahren selbstständig machte, war das anders. „Ich war damals eigentlich zu früh dran, habe keine offenen Türen eingerannt.“ Bei Ärzten sei sie mit ihrer Idee „auf taube Ohren gestoßen“, sagt sie und ist sich der Doppeldeutigkeit durchaus bewusst.

Für ihre Belange kämpfen, das musste sie schon früh. Denn bei ihrem ältesten Sohn, er ist heute 33, wurde im Alter von acht Monaten die Gehörlosigkeit diagnostiziert. Ihr jüngerer Sohn, heute 28, ist auf einem Ohr taub und auf dem anderen schwerhörig. „Inzwischen ist es normal, in einem Café zu gebärden. Vor 30 Jahren war das verpönt“, erinnert sie sich. Die wissenschaftlich vorherrschende Meinung war, dass die Kinder verbal sprechen lernen sollten. Judit Nothdurft belegte schließlich trotzdem einen Kurs in Gebärdensprache an der Volkshochschule.

Heute beherrscht sie das Gebärden nahezu perfekt. Dazu gehören längst nicht nur die Zeichen mit Händen und Fingern, „man muss den ganzen Körper bewegen“, erklärt die sympathische Röthenbacherin. Sich bei einer Frage nach vorne lehnen, die Augenbrauen nach oben ziehen … Auch in der Gebärdensprache gibt es Dialekte, manche Zeichen verändern sich im Laufe der Zeit, zum Beispiel die für „alt“ oder „Straßenbahn“. Das Wort wurde früher durch eine Kurbelbewegung mit der Hand dargestellt. „Ich lerne ständig dazu“, sagt Judit Nothdurft und gibt offen zu, dass sie hin und wieder eine bestimmte Gebärde nicht weiß. „Dann tausche ich mich über Internet mit Kollegen aus.“

„Wahnsinniger Mangel“ an Dolmetschern

Diese Kollegen sind allerdings noch dünn gesät in Deutschland. Auf 200.000 Hörgeschädigte kommen etwa 500 Gebärdendolmetscher. Das klingt erstmal nach viel, doch die meisten von ihnen sind in Schulen eingesetzt, um dort hörbehinderte Kinder zu unterstützen. „Es besteht ein wahnsinniger Mangel“, sagt Judit Nothdurft und wertet es als positives Zeichen, dass Gebärdensprache jetzt ein Studienfach in Landshut geworden ist.

„Eine kleine Tür“ sei aufgestoßen worden, was die Inklusion gehörloser Menschen angehe, meint sie, und erinnert an die letzte Staffel der beliebten RTL-Sendung „Let’s Dance“, in der es mit Benjamin Piwko erstmals einen tauben Kandidaten gab. Im Alltag aber sei noch viel zu tun, vor allem im Vergleich mit den USA. Als Beispiel nennt sie Behördengänge. Es existiere entsprechende Software für Tablets, mit deren Hilfe auf Ämtern kommuniziert werden könne, doch die Technik werde – vermutlich aus Kostengründen – viel zu selten eingesetzt.

Gleiches gelte für technische Vorrichtungen in Hotels, etwa visuelle Klopfsignale, mit denen ein Gehörloser erkennen kann, wenn das Zimmermädchen vor der Tür steht. Ein riesiges Problem sieht Judit Nothdurft jedoch darin, dass es für Gehörlose nach wie vor keine Möglichkeit gibt, selbst einen Notruf abzusetzen. Es bleiben nur Angehörige, Nachbarn … oder das Fax. Im Ernstfall keine echte Alternative.

Internetportal für Gehörlose

Um hörbehinderten Menschen ganz praktisch zu helfen, hat sie seit 2010 im Internet das Deafservice-Portal zusammengestellt, eine Seite mit zurzeit 760 Namen und Adressen aus 200 Branchen. Die Gelisteten können alle in irgendeiner Form die Gebärdensprache, aufgeführt sind außerdem Hotels und Unterkünfte mit entsprechendem technischem Equipment.

Inzwischen hat sie sich jedoch bundesweit als Referentin einen Namen gemacht, Unternehmen und Organisationen kommen reihenweise auf sie zu. Den späten Sprung in die Selbstständigkeit hat die 60-Jährige, die vorher bei der GfK arbeitete, nicht bereut.

Für sie persönlich sei es wahnsinnig bereichernd, wenn ein Seminarteilnehmer ihr erzähle, wie er sich freue, auf einmal mit einem gehörlosen Kollegen kommunizieren zu können, den er früher vielleicht nicht einmal gegrüßt habe. „Die hörende und die gehörlose Welt zusammenzubringen, das ist mein Ziel.“

N-Land Stefanie Buchner-Freiberger
Stefanie Buchner-Freiberger