Einführung der Kantorin Heidi Brettschneider

Königlich zum Einstand

„Cantate Domino“ war das erste gemeinsame Stück von Selnecker-Chor und Kantorin Heidi Brettschneider. | Foto: Michael Scholz2018/05/brettschn.jpg

HERSBRUCK – Als die Orgel schließlich verstummt, scheint das Publikum kurz wie vom Blitz getroffen. Dann folgt großer Applaus für Heidi Brettschneider in der Stadtkirche. Aus den Reihen des Selnecker-Chors auf der zweiten Empore ist sogar das eine oder andere spontane „Boah!“ zu hören. Zum Ende ihrer Einführung beeindruckte die neue Gemeinde- und Dekanatskantorin mit Charles-Marie Widors „Toccata in F-Dur“ − ein von Krönungen bekanntes wahrlich königliches Stück, das schnelle Finger und einen mächtigen Orgelbass braucht.

So war das berühmte Instrumentalstück der Höhepunkt des Gottesdienstes statt des formalen Akts der Einsegnung durch Kirchenrat Manuel Ritter, Dekan Werner Thiessen, Pfarrer Thomas Lichteneber und Kirchenvorstände. Widors Toccata schloss sich an den ersten gemeinsamen Auftritt von Brettschneider mit dem Kantoreichor („Cantate Domino“) an. Gut zu den musikalischen Höhenflügen passte auch die feine Begleitung des Posaunenchors unter der Leitung von Matthias Brunner. Die Bläser setzten einen festlichen Akzent und halfen sozusagen aus, bis die Kantorin nach ihrer Einsegnung die Orgel übernehmen durfte.

Der offizielle Start von Karl Schmidts Nachfolgerin war insgesamt eine gelungene Sache. Und das, obwohl der Club, die Fußballer des 1. FC Nürnberg, zeitgleich in die erste Bundesliga aufstiegen. Manche Redner und Besucher von Gottesdienst und anschließendem Empfang beschäftigte das sehr, selbst Manuel Ritter ging in seiner Predigt kurz darauf ein.

Ritter ist am Landeskirchenamt zuständig für Spiritualität und Kirchenmusik. In Hersbruck spannte er einen Bogen vom zurückliegenden Sonntag Cantate zum aktuellen Sonntag Rogate und damit vom Predigtthema Kirchenmusik zur Beschäftigung mit dem Gebet. Dabei stellte er fest, dass heutzutage die Zwiesprache der Menschen mit Gott allgemein zu wenig üblich sei, außer in Form von Stoßgebeten in der Not, oder eben zum Beispiel dann, wenn der Club den Aufstieg schaffen soll. Mit dieser Bemerkung lockerte der Kirchenrat seine Predigt von der Kanzel etwas auf, während er sonst tief gehend über die Bedeutung des Gebets für eine lebendige Spiritualität sprach, die heutigen Menschen abgehe.

Trotz technisch so vieler Möglichkeiten wie nie zuvor fehle etwas, meinte er und nutzte die Gelegenheit für Kritik am neuen Ministerpräsidenten und dessen Zweckentfremdung des Kreuz-Symbols: „Nur durch ein willkürliches Aufhängen von Kreuzen in Ämtern und Behörden ist ja noch nicht irgendwas geschehen“, sagte Ritter. Es gehe vielmehr darum, Gebete als echte Beziehung zu Gott und auch christliche Gemeinschaft in den Alltag zu integrieren. Dabei könnten Psalmen, Lobgesänge und geistliche Lieder gut helfen: „Ja, unser Glaube braucht dringend das Singen, in Wort gebunden und in unabhängiger Form.“

Ähnlich hatte sich bereits Silke Igel vom Kirchenvorstand geäußert, die in der Kirche die Begrüßung sprach. Musik fördere den Glauben und könne — laut Bibel — heilend wirken. Vor diesem Hintergrund sei es eine großartige Berufung, „Menschen mit Musik glücklich zu machen“, meinte sie in Richtung Heidi Brettschneider.

Dekan Thiessen hieß die neue Kantorin im Gottesdienst „herzlich willkommen in Hersbruck und im Dekanat“ mit seinen 30 evangelischen Gemeinden. Bürgermeister Robert Ilg begrüßte Brettschneider dann beim Empfang im Selneckerhaus. Der Eindruck von ihr sei jetzt bereits gut; er hoffe, dass ihr die Arbeit gut gefalle und dass sie sich so wohl fühle mit den Menschen und in der Landschaft der Hersbrucker Schweiz, dass sie irgendwann mit ihrem Mann aus Nürnberg hierher ziehen werde. Sie sei jedenfalls sehr willkommen.

Willi Seidenfaden, der Vertrauensmann im Kirchenvorstand, freute sich in seiner Grußrede, dass die Kantorei „wieder Fahrt aufnimmt“. Heidi Brettschneiders Vorgänger habe in 38 Jahren eine gute breite Basis gelegt, sie müsse „nicht von vorne anfangen“. Er wünschte ihr „den Mut, das bestehende Vielfältige eventuell zu verändern oder Neues zu versuchen“. Er sei sich sicher, dass mit ihr die beste Kandidatin ausgewählt wurde, deren Handschrift zu lesen sein werde.

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