57-jähriger Burgthanner leitete „Sea-Eye“-Hilfsaktion

Mission vor Libyen

Kaum zu glauben, dass die Menschen auf diesem Floß überlebten. Lange hätten sie sich nicht mehr über Wasser halten können, ans rettende Ufer wären sie mit diesem Raft nie und nimmer gelangt. | Foto: privat2016/10/sea-eye4-als-Smart-Objekt-11.jpg

BURGTHANN – Wir alle kennen diese Nachrichten aus den Medien, hören Zahlen von Geretteten oder solchen, die nicht überlebt haben, sehen Bilder in aufwühlenden Fernsehreportagen: hoffnungslos überfüllte Flüchtlingsboote im Mittelmeer, erschöpfte Menschen, die an den rettenden Strand krabbeln, mitunter Tote, darunter Kinder. Irgendwann möchte man wegzappen. Einer der nicht weggezappt, sondern sich der Flüchtlingsproblematik mit vollem Einsatz gewidmet hat, ist Klaus Köhlein aus Burgthann. Gut zwei Wochen war der gelernte Kapitän für die private Hilfsorganisation Sea-Eye aus Regensburg mit einem 60 Jahre alten ehemaligen Fischkutter vor der Libyschen Küste unterwegs und hat in dieser Zeit geholfen, Tausenden von Menschen auf offener See das Leben zu retten.

Erst im vergangenen Jahr hat sich die Organisation „Sea-Eye“ gegründet mit dem Ziel, schiffbrüchige Flüchtlinge auf ihrem lebensgefährlichen Weg von Afrika nach Europa zu retten. Als er von Sea-Eye hörte, fühlte sich der ehemalige Berufsseemann sofort angesprochen. Qualifizierte Leute wie ihn suchten die Organisatoren, deren Hilfsprojekt sich allein aus Spenden finanziert und nur mit engagierten Freiwilligen zu stemmen ist. Bereits einen Tag, nachdem er seine Unterlagen abgegeben hatte, klingelte das Telefon „und ich war als Schiffsführer für den Kutter angeheuert“, erzählt er.

Schon mit 18 Jahren war der gebürtige Fürther zur Bundesmarine gegangen und schließlich als Kapitän in der Handelsschifffahrt um die Kontinente geschippert. Als er 2001 die New Yorker Twin Towers im Fernsehen einstürzen sah und den Zusammenhang von Terrorismus, Krieg und Schifffahrt erkannte, war für ihn von heute auf morgen Schluss. Er schulte um auf Altenpfleger und übernahm nun nach 15 Jahren wieder das Steuer eines Schiffes, freilich unter gänzlich anderen Vorzeichen.

Ein bisschen Vorlaufzeit war natürlich nötig, schließlich musste Urlaub für den Einsatz eingereicht werden, bevor Köhlein am 18. September nach Malta flog, wo er zum ersten Mal den Kutter sah und die Crew kennen lernte. „Mit der Besatzung hatte ich Glück“, fand der 57-Jährige, alles motivierte, meist junge Leute, darunter ein Rettungssanitäter, aber auch ein erfahrener Maschinist, der die Geheimnisse der Maschine in dem alten Pott kannte. Während der Schipper ungefähr wusste, was auf sie zukommen würde, war das für die Mannschaft neu: Für die Zeit an Bord gab es kleine Kajüten, eine Kombüse, für alle zehn Crew-Mitglieder eine Dusche, ein Klo. Nach 27 Stunden war man vor den lybischen Hoheitsgewässern angelangt, nördlich von Tripolis.

Abhängig vom Wetter

Dann hieß es, Flüchtlingsboote orten und schnell die Erstversorgung einleiten. Doch wie findet man die Menschen in Seenot auf dem weiten Meer? Köhlein wusste, dass die Flüchtenden abhängig von Wetter und Dünung in unterschiedlicher Intensität aufs Wasser geschickt werden. Wenn wieder eine Welle mit Tausenden von Schwarzafrikanern nahte, war es nicht schwer, die auszumachen. Außerdem, so der Kapitän, signalisierten spanische Marineflieger aus der Luft, wo sich noch Schiffbrüchige befanden. Die Zusammenarbeit mit anderen NGOs muss gut funktioniert haben, wenn man dem Schiffsführer zuhört. Da die Sea-Eye nur einer kleiner Kutter ist, konnten die zahllosen geretteten Personen nicht an Bord genommen werden. Sie wurden mit Motorbooten zu größeren Schiffen gebracht, etwa von „Médecins sans Frontières“ (Ärzte ohne Grenzen), der AWO, von Privatunternehmern oder auf Kriegsschiffe, die in gleicher Mission im Einsatz waren.

Die Helfer wurden schnell mit diesem abenteuerlichen Lebensabschnitt der Flüchtlinge konfrontiert. Sie sahen deren Not und Angst, begegneten vielen Kranken, Schwangeren, Müttern mit Babies und erlebten Geburten auf den überfüllten Flüchtlingsbooten. Ihr erster Einsatz begann nachts um eins und endete am Folgetag abends um 20 Uhr.

Die Erstversorgung, die die Retter leisten, bedeutet zunächst, sich behutsam dem Flüchtlingsboot, das manchmal nicht mehr als ein aufblasbares Floß ist, zu nähern und den Notleidenden klar zu machen, dass man ihnen nichts Böses will. „Da ist es immer wichtig, dass wir auf unserem Boot auch eine Frau dabei haben“, erklärt Köhlein. Alle Gewalt, die die Fliehenden auf ihrer langen Fluchtgeschichte erfahren haben, ging ja stets von Männern aus. Daher kann eine weibliche Retterin eher Vertrauen aufbauen. Wichtigste Maßnahmen beim ersten Kontakt: die Übergabe von Schwimmwesten, die sofort angelegt werden sollen, und von Wasserflaschen, denn in den übervollen Booten mit 120 bis 150 Passagieren ist kein Platz für Wasser oder Proviant. Oft sind die Flüchtlinge bereits nach ein bis zwei Tagen, die sie unterwegs sind, schon ausgetrocknet und matt. Zu den schwierigeren Aufgaben beim ersten Kontakt gehört auch das Bergen von Verletzten und oftmals auch von Toten.

Das Wichtigste bei der Erstversorgung: Die Helfer bringen auf ihrem kleinen Motorboot Schwimmwesten zur Sicherheit, bevor die Bergungsaktion beginnt.
Das Wichtigste bei der Erstversorgung: Die Helfer bringen auf ihrem kleinen Motorboot Schwimmwesten zur Sicherheit, bevor die Bergungsaktion beginnt. | Foto: privat2016/10/sea-eye1-als-Smart-Objekt-1.jpg

 

Manche überleben gerade noch die Rettung, sterben dann aber an Bord vor Erschöpfung. Wie das psychisch zu verkraften sei, will man vom Schiffsführer wissen. Zum Glück hat man da so viel zu tun, dass man nicht viel zum Nachdenken und Grübeln kommt, „Man macht eben seinen Job“, erinnert sich der Wahl-Burgthanner. Dennoch hat sich ihm ein schlimmes Erlebnis besonders ins Gedächtnis eingebrannt. Eine kranke junge Frau versorgten sie mit dem Nötigsten, doch fünf Minuten, nachdem sie sie in ihr Boot geholt hatten, starb sie vor den Augen der Helfer. „Sie war höchstens 16.“

An einem anderen Tag mussten sie 80 Tote bergen. Und manchmal stießen sie nur noch auf leere Boote. Wütend machen ihn kriminelle Araber, die die Seelenverkäufer abpassen, um ihnen mit gezückten Schusswaffen den Motor abzumontieren. Dabei läuft Treibstoff ins Boot und vermischt sich mit Wasser zu einem gefährlichen, ätzenden Gemisch. Während des jüngsten Einsatzes, der erst vor wenigen Tagen zu Ende ging, machten die Räuber von ihren Waffen Gebrauch. Viele der Flüchtlinge sprangen vor Angst ins Wasser, 30 ertranken.
Die großen Schiffe bringen die Geretteten in italienische Flüchtlingslager, von wo es für die Schwarzafrikaner aber direkt wieder nach Hause geht. Um zu vermeiden, dass Schlepper die Boote noch einmal verwenden, werden sie noch auf See abgefackelt. Diese Verbrecher schrecken vor nichts zurück. Die Besatzung der Sea-Eye hat Boote entdeckt, bei denen der Boden mit zusätzlichen Planken verstärkt wurden, damit sie noch mehr Menschen aufnehmen konnten, indem man einfach Nägel in den Boden trieb. Erstens stellten die herausragenden Nägel eine erhöhte Verletzungsgefahr für die Passanten dar, zweitens dringt nach einiger Zeit Wasser ein. Als einzige Sicherheitsmaßnahme gaben die Kriminellen den Passagieren abgeschnittene Plastikflaschen zum Schöpfen mit an Bord!

Sind die Flüchtlinge in Sicherheit, geht es mit den überlebensotwendigen Schwimmwesten wieder zurück auf die Sea-Eye. Dort werden sie wieder sauber gemacht, denn durch die unsäglichen hygienischen Zustände auf den Booten sind sie oft mit Fäkalien oder Erbrochenem verunreinigt. Einen genauen Überblick, wie viele Menschen sie in den zwei Wochen gerettet haben, gibt es nicht. „An einem Tag waren es 6000, die Sea-Eye hat 800 davon versorgt“, erinnert sich der 57-Jährige, der eingesteht, dass er nach dem Einsatz einen richtigen Urlaub hätte gebrauchen können. Kaum zu Hause wurde er schon wieder angefragt. Doch auch wenn die physische und psychische Belastung ungeheuer groß ist, wird er wohl nächstes Jahr wieder in gleicher Mission in See stechen. Ein Glück, dass seine Frau dieses Engagement mitträgt.

Weitere Helfer gesucht

Interessierte Personen, die sich vorstellen können, ebenfalls bei der Rettung schiffbrüchiger Flüchtlinge mitzuhelfen, können sich gern an Klaus Köhlein wenden (Tel. 09183-4080312 oder 0152-23149516).

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler