Altdorfer auf Rettungsschiff im Mittelmeer

„Wir fanden sie in letzter Minute“

rettungsschiff eleonore
Gerald Karl unmittelbar nach der Rettung der Geflüchteten (links) und auf der Brücke mit Kapitän Claus-Peter Reisch. | Foto: Jonathan Schörnig2019/08/seenotrettung-1.jpg

ALTDORF – Er war Teil der Crew, als Carola Rackete Ende Juni ihre Sea-Watch 3 ohne Genehmigung in den Hafen von Lampedusa manövrierte. Nun engagiert sich der gebürtige Altdorfer Gerald Karl als Decksmanager auf dem Rettungsschiff Eleonore. Via Facebook und E-Mail beantwortet er die Fragen des Boten.

Die Eleonore ist 20 Meter lang und Sie haben nach Medienberichten 100 Menschen an Bord. Wie stellt sich die Situation auf dem Schiff dar?

Die Menschen haben weniger als einen Quadratmeter an Oberdeck unter freiem Himmel für sich. Wir tun unser Möglichstes, trotzdem schaffen wir es nicht, dass jeder ausgestreckt schlafen kann. Es gibt eine Toilette für alle. Tagsüber wird bei knallender Sonne und in den letzten Tagen schwüler Windstille an Oberdeck unter einer Plastikplane campiert. Es ist schwierig, tagsüber vom Bug zum Heck zu laufen, ohne auf jemanden zu treten, nachts ist dies unmöglich. Trotzdem sind die Geretteten unglaublich diszipliniert und unterstützend.

Wie alt sind die Menschen und wie ist deren Gesundheitszustand?

Der Jüngste ist 13 Jahre alt, die Ältesten dürften um die 30 sein. Durch die Verschleppung in libysche Gefangenenlager und die dortigen Bedingungen haben wir viele Fälle von Krätze, viele Spuren von Misshandlungen sowie ältere Schussverletzungen und natürlich sind einige der Geretteten traumatisiert.

„Das Boot war schon am Sinken“

Wo haben Sie die Menschen aufgenommen? Aus welcher Situation haben Sie diese gerettet?

Wir haben die Menschen 31 Seemeilen vor der lybischen Küste in internationalen Gewässern aufgenommen. Wir hatten in dieser Nacht eigentlich ein anderes Schlauchboot gesucht und waren nur zufällig in dieser Ecke unterwegs, als wir die Menschen in letzter Minute fanden. Das Boot war schon am Sinken, eine Kammer war leer und die Bordwand wurde per Hand von innen hochgehalten, eine weitere Kammer platzte während der Rettung, an deren Ende die lybische Küstenwache mit einem Schiff auftauchte und wir das Boot zur Evakuierung längsseits unseres Schiffes nehmen mussten.

Unter dem Twitter-Account Seegezwitscher wird regelmäßig über die Situation an Bord informiert. In den Kommentaren werden Sie mitunter als Schlepper-Komplizen verunglimpft und aufgefordert, die Menschen zurück nach Afrika zu bringen. Wie sehr beschäftigt Sie das?

Es beschäftigt mich nicht so sehr, wenn jemand seinen unreflektierten Hass ins Internet speit. Ich kenne jeden Einzelnen unserer Geretteten persönlich, kenne ihre Geschichten und weiß, was sie in ihren Heimatländern und in Libyen erlitten haben. Sie haben teils Jahre der Ausbeutung auf allen Ebenen und Folter hinter sich und sind so verzweifelt, dass sie ihr Leben aufs Spiel setzen, um der Situation zu entkommen. Würden wir sie zurück in das von Bürgerkriegsmilizen zerrüttete und kontrollierte Libyen bringen, würden sie in Detention-Camps landen, in denen für sie Folter und Tod auf der Tagesordnung stünden.

„Malta hat unsere Versorgung zuerst abgelehnt“

Wo befindet sich die Eleonore aktuell? Hat Malta Ihnen zunächst tatsächlich die Lieferung von Lebensmitteln und Trinkwasser versagt?

Aktuell treiben und kreuzen wir außerhalb der maltesischen Hoheitsgewässer. Malta hat unsere Versorgung zuerst tatsächlich abgelehnt, dann aber später eingelenkt. Die Kinder der Besatzung des Versorgungsschiffes hatten ihren Vätern übrigens Spielzeug für die Geretteten mitgegeben, welches wir noch zusätzlich bekamen.

Haben Sie damit gerechnet, weder in Malta noch in Italien einlaufen zu dürfen?

In der momentanen Situation muss mit allem gerechnet werden. Zumindest ist Herr Salvini aktuell kein Minister mehr, vielleicht spielt uns das in die Karten.

Sie waren an Bord, als Carola Rackete sich über ein solches Verbot hinweggesetzt hat. Ist dieses Mittel als letzte Wahl auch diesmal denkbar?

Es wäre keine schöne Lösung, aber wenn die Situation noch schlimmer wird, ist das eine Option, über die der Kapitän entscheiden muss, ihm würden in diesem Falle schwere Konsequenzen drohen. Aber ich weiß, dass es ihm zu allererst um die Menschen, die wir hier haben, und deren Wohlergehen geht. Und er weiß uns hinter sich.

„Europa kann es sich nicht leisten, die Augen zu verschließen“

Die Eleonore fährt unter deutscher Flagge. Erwarten Sie mehr Unterstützung seitens der Bundesrepublik?

Die Behörden arbeiten und ich verstehe, dass es Zeit braucht, eine Lösung zu finden, kann es aber gleichzeitig nicht verstehen, die Menschen unter schlimmsten Umständen warten zu lassen.

Welche Lösung wünschen Sie sich für die Situation, in der Sie sich gerade befinden?

Eine schnelle und gute für alle Beteiligten.

Und danach besteigen Sie das nächste Rettungsschiff?

Wenn ich gebraucht werde, auf jeden Fall. Europa kann es sich nicht leisten vor einer humanitären Krise dieses Ausmaßes vor seiner Haustüre die Augen zu verschließen.

N-Land Christian Geist
Christian Geist