Sigmund Gottlieb über „Harte Zeiten für Medienmenschen“

Bohlen läuft besser als Seehofer

BR-Chefredakteur Sigmund Gottlieb (Mitte) im Gespräch mit Lions-Präsident Reiner Anselstetter (li.) und Lions-Präsidiumsmitglied Michael Wengler (re.). | Foto: Blinten2017/02/Gottlieb.jpg

ALTDORF – Im Raiffeisen-Saal in Altdorf hat Sigmund Gottlieb auf Einladung des Lions Clubs über „Harte Zeiten für Medienmenschen“ gesprochen. Den Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft mit Lions-Präsident Reiner Anselstetter. 

Jenseits des Weißwurst-Äquators, im Norden, zwischen Castrop-Rauxel und Fehmarn, mag Sigmund Gottlieb als schwärzester Journalist Deutschlands gelten. Staunend verfolgen die WDR- und NDR-genormten Fernsehzuschauer seine konservativen Kommentare in den Tagesthemen. Eigentlich sei er ein Punk, schreibt die Huffington-Post, ein Journalist, der gegen den Strom schwimmt. Doch das Lob der digitalen Zeitung ist vergiftet.

Gottlieb schwimmt gegen den Strom, weil er sich nicht an das hält, was für andere Journalisten selbstverständlich ist, an die Überparteilichkeit nämlich, unterstellt der Autor des Beitrags. Gottlieb sei ein Mann der CSU, seine Beiträge glichen Bewerbungen für den Chefsprecher-Posten bei den Christsozialen. Die Huffington Post ließ es vor  zwei Jahren also richtig krachen.

Starker Tobak für Gottlieb, dessen Kommentare bei einem Teil des Publikums keineswegs so ankommen, wie in der Digital-Postille putzig dargestellt. Viele Zuschauer schätzen Gottliebs klare konservative Kante als Gegenentwurf zum weichgespülten Mainstream.

Unüberschaubares Umfeld

Klare Worte, deutliche Positionen – das erwarteten sich die Zuhörer im Raiffeisensaal in Altdorf, als der Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks über Journalismus im digitalen Zeitalter sprach.

Politisch wurde der schwärzeste Journalist Deutschlands allerdings nur ein einziges Mal – dazu später. Er blieb zunächst bei der Analyse der journalistischen Arbeit in einem immer unüberschaubareren Umfeld.

Die digitale Revolution hat den Journalismus im Griff. Sie macht alles schneller, verführt damit zu Fehlern, wie etwa bei der Berichterstattung über das NPD-Verbot, als plötzlich viele große Online-Medien meldeten, das Verfassungsgericht habe die Partei verboten, obwohl das Gegenteil der Fall war. „Der Supergau“, sagt Gottlieb, dessen Online-Redaktion beim Bayerischen Rundfunk nur durch einen Zufall vor der Verbreitung der Falschmeldung bewahrt wurde.

Schwierige Zeit

Noch nie habe er in seiner jahrzehntelangen Arbeit eine so schwierige Zeit für Journalisten erlebt wie gegenwärtig, sagt Gottlieb, der seine ersten journalistischen Erfahrungen als freier Mitarbeiter bei der Nürnberger Zeitung sammelte. Noch nie habe es einen vergleichbaren Vertrauensverlust gegeben.

Ursachen gibt es viele. Journalisten bleiben zu oft nur an der Oberfläche, ohne in die Tiefe zu gehen, sagt Gottlieb. Was wiederum zusammenhängt mit dem täglichen Kampf in den Medien zwischen den Verfechtern des Banalen und den Kämpfern für die Relevanz. Dieter Bohlen läuft besser als Seehofer.

Seinen jungen Kollegen rät der BR-Chef: Hütet Euch vor Skandalisierung, Trivialisierung und Generalisierung. Schreibt und sendet auch mal gegen den Zeitgeist. Eine ganz wichtige Aufgabe für Journalisten: Fake News identifizieren und richtig stellen. Wer das macht, wer Zusammenhänge gut erklärt und aus den Müllbergen digitaler Information die Wahrheit heraus sortiert, der macht einen guten Job.

Fehler zugeben

Und wenn er Fehler macht, muss er öffentlich dazu stehen. „Journalisten tun sich schwer, Fehler zuzugeben“, sagt Gottlieb, auch selbstkritisch. „Aber wir sind in der Pflicht, dafür Verantwortung zu übernehmen.

Gibt es so etwas wie ein Schwarmverhalten bei den Medien? Einen Herdentrieb? Durchaus. Für Gottlieb ist die Berichterstattung über die Inthronisation von Martin Schulz und die darauf folgende Entwicklung bei der SPD ein gutes Beispiel. Und jetzt wird der schwärzeste Journalist Deutschlands doch einmal, das einzige Mal an diesem Abend, politisch: „Ich bin enttäuscht über die Art und Weise, wie die deutschen Medien das begleitet haben.

Guter Journalismus ist im digitalen Zeitalter wichtiger denn je, fasst Gottlieb am Ende zusammen. Er ermöglicht die Urteilsbildung, erhält die Demokratie, geht den Dingen auf den Grund und ist unnachgiebig, fair und nachhaltig.

N-Land Alex Blinten
Alex Blinten