Feuchter Autorin Stephanie Grüns zweiter Roman

Lenesias letzte Reise

Auch die Radierung mit dem Titel „Chimäre“ auf dem Cover ihres zweiten Romans stammt von der Autorin.2016/07/Feucht-Lenesias-letzte-Reise-Romancover.jpg

FEUCHT – „Lenesias letzte Reise“ ist Stephanie Grüns zweiter Roman, der 2015 im Eigenverlag über die Plattform epubli erschien und seit 2016 auch im Taschenbuchformat und als e-Book erhältlich ist. Die in Nürnberg geborene Autorin lebt und arbeitet in Feucht.

Grün erzählt die Geschichte der neunjährigen, herzkranken Magdalena Zjawa, die mit ihrer Familie im Polen der 1980er Jahre lebt. Das Land befindet sich in Aufruhr, Verhaftungen und Repressionen durch das Volksregime stehen auf der Tagesordnung. Vater Marek kämpft als Solidarnosc-Aktivist. Familie Zjawa fürchtet täglich um sein Leben.

Aber nicht nur das Leben des Vaters, auch das der kleinen Magdalena – Lenesia, wie ihre Mutter sie nennt – steht auf dem Spiel. Lenesia besitzt eine Besonderheit: Sie kam mit einem univentrikulären Herzen – einem Herzen mit nur einer Kammer – zur Welt, inoperabel im Polen jener Zeit. Allein das Medikament Lanitop sichert Magdalenas Überleben. Dieses ist jedoch äußerst schwer zu bekommen.

Unterwegs in den Westen

Als die Herztropfen zur Neige gehen, sehen sich Mutter und Tochter gezwungen, den beschwerlichen Weg in den Westen auf sich zu nehmen. Mit dem regierungstreuen Polizisten Stary dürfen sie ausreisen. Der allerdings bringt sie zunächst in die DDR. Von dort gelangen sie mit einiger Hilfe schließlich auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs, nach Erlangen und Nürnberg – eine rettende Operation in den USA gerät in greifbare Nähe.

Während das Kriegsrecht für viele Polen und ihr eigener gesundheitlicher Zustand zunehmend bedrohlicher werden, flüchtet Lenesia sich in ihr geliebtes Buch und eine Schwärmerei für Tempelritter Kazimierz, Held jener Geschichte aus dem 13. Jahrhundert. Die Abenteuer ihres Helden beflügeln die Phantasie Lenesias und beeinflussen ihre Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Stephanie Grün lässt die Leser ihres Romans sehr nah an die Figuren heran. Ihr personaler Erzähler schildert deren Perspektive, zumeist die kindliche, phantasievolle Lenesias oder die ängstliche, hoffende der Mutter Ewa. Mutter und Tochter hadern mit politischen und sprachlichen Barrieren. Vieles darf nicht gesagt werden. Der Umgangston von Schwestern, Ärzten und Beamten ist ruppig. Die Freiheiten im Westen stellt Grün demgegenüber im unbeschwerten Reden und Handeln der deutschen Figuren, der Unterstützer der Zjawas, dar.

Malerische Sprache

Dass die Autorin auch als Malerin tätig ist, merkt man am Plastischen und Bunten ihrer sprachlichen Bilder. Die Zeit des Wartens in Krankenhäusern wird in Ewas Wahrnehmung zu einer „zähen Flüssigkeit“, zu „unsichtbarem Gelee“, durch das ein Krankenhauswägelchen sich den Gang hinunter quält. Gleichzeitig erscheint Ewa die Zeit, im Bangen um ihre Tochter, wie „kostbarer Goldstaub“, der ihr zwischen den Fingern zerrinnt.

Mit breiter Farbpalette schmückt Grün Menschen, Situationen und Räume: Die blauen, blutleeren Lippen der Herzkranken, die rosigen Lippen der Matrosinnen, das gespenstische Weiß der Krankenschwestern, das sterile Weiß der Spitäler. „Magdalena versuchte, sich von unbestimmten Gedanken, die in ihr aufkeimen wollten, abzulenken, Gedanken, die sie wieder ins Meergrün hineindrückten, so dass sie Sorge hatte, darin zu ertrinken.“

Eine Stärke des Romans ist, dass Grün ihre Leser tief in die Gefühls- und Gedankenwelt der Figuren eintauchen lässt. Einerseits schafft das eine große Nähe, andererseits kann es jedoch die Orientierung erschweren. Gerade zu Beginn der Lektüre verlangt Grün dem Leser viel ab, durch Überlagerungen von erdachtem und wirklichem Geschehen, Sprünge zwischen Zeitebenen, aufgrund polnischer Einsprengsel im Deutschen und einem Dickicht aus Namen und Kosenamen. Hat der Leser sich jedoch erst einmal eingefunden und auf die bildhafte Sprache Grüns eingelassen, belohnt die Autorin ihn mit einer Reise in eine andere Zeit und die Welt eines phantasievollen und kämpferischen Mädchens.

Stephanie Grün: „Lenesias letzte Reise“, 2015. Erhältlich im Taschenbuchformat (ISBN 9783741818806) oder als e-Book (ISBN 3741825689).

N-Land Julia Hornung
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