Wolfgang Haffners bejubelter Auftritt im Uni-Hof

Der Oma sei Dank

Genießt die heimische Kulisse: Wolfgang Haffner vor der ausverkauften Tribüne.2015/07/haffner_New_1436187901.jpg

ALTDORF – „Wen kenn ich hier eigentlich nicht?“, fragt Wolfgang Haffner zu Beginn seines Konzerts vor der voll besetzten Wallenstein-Tribüne und guckt in viele bekannte Gesichter. Dass er sich freut, vor vielen Freunden und Bekannten auf der Bühne zu stehen, ist keine Koketterie. Man merkt, dass er ehrlich Spaß hat, vor heimischem Publikum aufzutreten. Und diese gute Laune springt über auf seine Mitmusiker und auf die Ränge, wo ganz viele sitzen, die den Wolfgang schon so lange kennen. Und so wird auch dieses vom Lionsclub unterstützte Konzert des Edel-Drummers ein runder Erfolg, denn das Konzept Spielfreude plus Können geht auf – wie all die anderen Male, in denen er das Rahmenprogramm der Festspiele mit einer Haffner-Combo bereichert hat.

Dieses Mal geht er mit seinem Trio mit Hubert Nuss am Piano und Christian Diener am Kontrabass an den Start. Als special guest hat er den Sänger Jeff Cascaro eingeladen, einen Swing- und Scat-Spezialisten, der erstaunliche Dinge mit seiner Stimme anstellen kann und so auch gleichzeitig das Musik-Genre des Gigs definiert, zumindest bei den Gesangsnummern: Soul-, Jazz- und Swing-Standards des vergangenen Jahrhunderts.

Zunächst aber steigen die drei Instrumentalisten mit einer solide interpretierten Komposition von Miles Davis ein, „So what“ servieren sie lässig und entspannt, aber mit flotten solistischen Einlagen, wie man sie von den langjährigen Begleitern des Schlagzeugers, Komponisten und Produzenten Haffner kennt. Doch dann kommt der Sänger, der auf Swing-Nummern à la Frank Sinatra und Nat King Cole geeicht ist, allerdings mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem lautmalenden und Instrumenten imitierenden Scat-Gesang, der sich mitunter hin zu wilden und ekstatischen Bebop-Parts entwickelt.

Singen kann jeder, scheint das Prinzip des Sängers zu sein, mit einer enormen Oktav-Spannweite Instrumente nachahmen jedoch nicht. So swingt und scattet er sich durch Gershwins „Our love is here to stay“, „London town on a foggy day” oder Coles „Let’s face the music and dance”, während die anderen Jungs sich die Soli aufteilen. Wolfgang Haffner hält sich dezent im Hintergrund, wie er es immer getan hat, wenn er Gäste dabei hatte, auch wenn er hier der Star ist. Als man gerade befürchtet, er ließe sich zum sensiblen Drum-Begleiter degradieren, setzt er an zu seinem ersten Solo: Kraftvoll, leidenschaftlich und trotzdem unangestrengt lässt er Schlägel und Sticks wirbeln, grinst dabei und kassiert begeisterten Beifall.

Text wird überbewertet

Als es auf die Pause zugeht, läuft Cascaro mehr und mehr zur Spitzenform auf. Text wird überbewertet, so sein Credo, lass die Stimme Instrument sein. Und reißt dabei die anderen Musiker mit, was zu schwindelerregenden Läufen am Piano führt und zu dröhnender Untermalung am Bass.

Nach der Unterbrechung gibt es noch mal Bar-Jazz vom Feinsten, Haffner gönnt den Zuhörern kleine Anekdoten, erwähnt nebenbei seine ernste Erkrankung im vergangenen Herbst, die er gänzlich überwunden zu haben scheint, und nimmt dann einen langen Anlauf zum nächsten Trommelfeuer, lässt sich ein auf einen Dia- und Trialog mit seinen Mitmusikern und zieht alle Register. Bevor der Sänger wieder auf die Bühne zurückkehrt, schrauben die Drei nochmal das Tempo runter, spielen mit „Silent way“ eine schöne, langsame Komposition, keine coole, wie man sie von Haffners Fusion-Phase her kennt, sondern eine getragene, minimalistische, anrührende Weise, die ebenso gut ankommt wie seine Drum-Feuerwerke.

„Walking my baby back home“ präsentiert Stimm-Akrobat Cascaro nur mit Bass-Begleitung, ein überzeugendes Experiment, das zudem dem Ausnahme-Basser Diener Gelegenheit gibt, sich von seiner Schokoladenseite zu zeigen – eine unglaublich intensive Nummer. Vor dem offiziellen Ende gibt Haffner nochmal den Vielseitigkeitsdrummer. Da ist er alles auf einmal an seinem Instrument: Rhythmiker, Orchester, Melodiker, Taktgeber, Percussionist und ein bisschen der Clown, der sich tierisch freut, wenn das Publikum mitgeht. Und genau auf solche Momente hat das ja den ganzen Abend gewartet.

Vokalgelenkig wie Jarreau

Am Ende kommt es, wie es kommen muss: Das Publikum erklatscht sich Zugaben und muss dafür selber ran. Noch einmal dreht der Scatter auf. Was haben wohl seine Stimmbänder, was andere nicht haben? Bei diesen tonalen Ausflügen fällt einem eigentlich nur ein Name ein, der mithalten kann: Al Jarreau. Cascaro jedenfalls schreibt seiner Oma einen entscheidenden Part bei der Berufswahl zu: Sie hat ihm vor vielen, vielen Jahren eine Ray-Charles-Platte auf dem Ramschtisch gekauft. Und dann war es passiert. Danke, Oma!

N-Land Gisa Spandler
Gisa Spandler