Christian Springer überzeugte mit „Trotzdem“

Die Ironie der Leitkultur

Lions-Spende für die Arbeit des Gründers von „Orienthilfe e. V.“: Lions Präsident Prof. Dr. Reiner Anselstetter (Mitte) und Vizepräsident Dr. Thomas Hildebrandt (rechts) mit Kabarettist und Autor Christian Springer. | Foto: Voss2016/09/springer-gruppe.jpg

ALTDORF – Als junger Student hat er zwei rohe Eier auf Franz-Josef Strauß geworfen. Und nicht getroffen. Zumindest nicht physisch. Der selige bayerische Landesvater hat trotzdem Anzeige wegen Körperverletzung erstattet und Christian Springer zu einer saftigen Strafe verdonnern lassen. Nun ist aber „vox populi“ nicht zwangsläufig „vox Rindvieh“. In Springers Fall erwuchs aus diesem Erlebnis ein hinreißend resilienter Kabarettist und Autor, der auf Einladung des Lions Club Altdorf Präsidenten, Prof. Dr. Reiner Anselstetter, im Rahmen einer Benefizveranstaltung in der ausverkauften Mittelschule Altdorf sein aktuelles Programm „Trotzdem“ vorstellte. Unter den zahlreichen Zuhörern waren neben vielen Gönnern des Lions Clubs auch Bürgermeister Erich Odörfer und stellvertretender Landrat Norbert Reh.

„Als Kabarettist musst du dir nichts mehr einfallen lassen, nur noch erzählen, wie es ist“, sagt Springer. Dass er viel zu sagen hat, ahnt das Publikum schon bei der Begrüßung durch den Lions-Präsidenten, der Springer als vielfach ausgezeichneten Künstler mit herausragendem ehrenamtlichen Engagement im Nahen Osten würdigt.

Und dann springt der Münchner auf die Bühne und damit ohne Umweg in medias res. Vom Burka-Verbot spannt er den Bogen zu einer – seiner – Herzensangelegenheit: der „Deutschen Leitkultur“, die er als Konstrukt gegen die diffuse Angst vor dem Szenario eines Multikulturalismus sieht. „Mir san mir.“ So weit, so möglicherweise gut. Was aber, wenn „die anderen auch mir san?“ Springer, der u. a. Semitistik, die Wissenschaft, die sich mit den semitischen Sprachen und Kulturen beschäftigt, studiert hat, erzählt Geschichten, und er weiß in vielerlei Hinsicht, wovon er redet. Darin eingebettet ist sein Engagement im Nahen Osten und die auf erkennbar profundem Wissen fußende Erkenntnis, dass es um die viel zitierte „Deutsche Leitkultur“ weitaus anders bestellt ist, als man es mutmaßen könnte. Springers Erzähltempo ist atemberaubend, aber das Publikum nimmt es an und lauscht mehr als einmal verblüfft; auch darüber, dass das empfunden urdeutscheste aller Kulturgüter, die Nationalhymne, einen eher unerwarteten kroatischen Ursprung hat.

Den Spiegel vorhalten

Springer erzählt seine Geschichten ohne Effekt- und Pointenhascherei. Was er sagen möchte, erschließt sich, während er redet und dem Publikum einen Spiegel, der mancherlei Unwissen demaskiert, vorhält. Vielleicht ein zufälliger, vielleicht ein beabsichtigter, sicher aber ein gut gesetzter Kontrapunkt zum hohen Erzähltempo.

Köstlich sind sie, die verbalen Klimmzüge des Katholiken Springer auf die Frage eines Syrers, ob die Christen denn gar nichts während ihrer Fastenzeit essen. Kurzerhand muss eine schwäbische Maultasche für einen eigentlich unzutreffenden Terminus herhalten. Durch die könne Gott eben nicht hindurchschauen, was immer auch darin versteckt sei. Versteckt in diesem Bild ist er auf jeden Fall, dieser ehrliche Blick auf die eigene Unvollkommenheit.
Springer kommt an diesem Abend direkt aus Ägypten. Mehrmals monatlich ist er im Nahen Osten, um vor Ort Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Im Jahr 2012 hat er den Verein „Orienthelfer e. V.“ gegründet und er wird merklich leiser, als er berichtet, dass Flüchtlinge ihm immer wieder sagen: „Wir möchten zurück nach Hause und unsere Heimat besser aufbauen als zuvor.“

Und dann verrät Springer noch, dass er einen Brief geschrieben hat: „Kabarettist an Seehofer: Eilt!“ „Landesvater, cool down“: Das sind 80 in drei Tagen verfasste Seiten, die es auch in Buchform gibt. Geschrieben von dem Menschen und Kabarettisten, „der nicht die Klappe halten kann.“ (Springer über Springer). Soll er auch nicht. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, ob unsere Kultur in Gefahr ist und dabei einen Blick vor die eigene Haustür zu werfen.

Zum Abschluss des Abends übergeben Lions-Präsident Prof. Dr. Anselstetter und Vize Dr. Thomas Hildebrandt Christian Springer einen Scheck zur Unterstützung seines ehrenamtlichen Engagements. Man sieht ihm an, wie sehr er sich darüber freut, dieser Mensch und Künstler, der einmal zwei rohe Eier geworfen hat.

N-Land Susanne Voss
Susanne Voss