Simone Solga in Röthenbach

Kanzlerflüstern geht auch ohne Merkel

Simone Solga zeigte sich in der Stadthalle als wandelbare und bestens informierte Vertreterin des politischen Kabaretts. | Foto: Miehling2021/11/DSC_5739-crop-scaled.jpg

Röthenbach – Zapfenstreich in der Karl-Diehl-Halle: Mit einem Soloauftritt von Simone Solga hat sich die Röthenbacher Stadthalle in die coronabedingte Veranstaltungspause begeben. Gerade einmal 100 Besucher waren zugelassen. Diese brauchten diesmal neben ihrer Eintrittskarte zusätzlich Personalausweis, Impfzertifikat oder Genesenenbestätigung, einen aktuellen Testnachweis und – trotz genau ausgemessenen Sitzabständen – für die nächsten zweieinhalb Stunden die Maske im Gesicht. Simone Solga zollte ihrem Publikum für dieses disziplinierte Verhalten größten Respekt und legte dann zwei mal 60 Minuten los.

Die Leipzigerin war mit ihrem dritten Soloprogramm „Ihr mich auch“ nach Franken gereist. Wer nun gedacht hätte, dass Simone, die Kanzlerflüsterin, nach „Bei Merkels unterm Sofa“ und „Im Auftrag der Kanzlerin“ einen Abgesang auf die scheidende Bundeskanzlerin anstimmen und selbst auf Jobsuche gehen würde, wurde von einer höchst wandelbaren, stets informierten Vertreterin des politischen Kabaretts eines Besseren belehrt.

Simone Solgas Lieblingspolitikerin wird sich zwar mit „für mich soll‘s rote Rosen regnen“ verabschieden, doch am Horizont ist längst die neue Politikerriege aufgetaucht. Wer Simone Solga nur in Ansätzen kennt, weiß: sie kennt keine Gnade. Wozu auch? Die Steilvorlagen für ihr Programm liefern sie alle selbst: Olaf Scholz und Annalena Baerbock, Robert Habeck und Heiko Maas, Claudia Roth, die zukünftige Kulturstaatssekretärin, und Christian Lindner, Saskia Esken und ihr alter Gefährte, dazu Kevin, der designierte Neue. Solga kennt den erst zwei Tage alten Koalitionsvertrag, das Gerangel um Ministerposten und baut die aktuellen Schlagzeilen in ihr Programm ein. Dabei lässt Solga die „Mistakes“ der Politikerinnen und ihrer männlichen Genossen stets wiederkehren. Olafs Rolle bei den CumEx-Geschäften oder Annalenas Abschreiberei: Von Solga aufgelesen, zusammengestellt und pointiert vorgetragen, bietet Berlins politische Bühne feinstes Kabarett.

Natürlich kommen auch die Verlierer vor: Armin, der „Nachfolger Karls des Großen und am Ende doch nur ein Faschingsprinz“, Helge, der – „so sieht er aus“ – Peter Altmaier aufgegessen hat, Markus und Jens, die im Sommer irgendetwas verpennt haben und sich jetzt über Corona wundern.

Kein Wunder, wenn es nun bei Simone Solga heißt: „Ihr mich auch“. Denn so doppel- und dreideutig sind ihre Sätze. Dabei wird eines deutlich: Solga trifft die Themen derer, die da sind und die heute bewegen: Klima, fridays for future, Gendern, Migration, Frauenquote und Männererziehung. Es sind aber die kleinen Nebenbemerkungen, die Doppeldeutigkeit ihrer Sätze, die Solgas Programm so interessant machen. „Ich wäre gern ein guter Mensch“, und an ihr Publikum gewandt: „Sie doch auch?“ Und dann hält Solga ihrem Publikum den Spiegel vor, weil es darauf hinausläuft, dass „die anderen ihr Leben ändern“. Das sitzt, zustimmendes Nicken und die Fans jubeln.

Nach 120 Minuten Dauerprogramm kommt unausweichlich die Frage nach dem: „Was bleibt?“ Neben 18 zusammenfassenden Thesen gibt Solga die Antwort selbst: „Einfach ein gutes Gefühl. Hier in Röthenbach ging‘s mir gut!“ Das meint auch das Publikum. Zur Bestätigung gab es tosenden Applaus.

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