Es ist Mittwoch. Der Mittwoch ist lila. Er ist eine Kugel. Und er ist ein Ton, der unverwechselbar klingt. So wie jedem Wochentag in der schulvorbereitenden Einrichtung eine Farbe, ein Ton und eine Form zugeteilt ist. Dadurch lernen die Kinder im Blindeninstitut Rückersdorf, die Wochentage zu unterscheiden und die damit verbundenen Aktivitäten einzuordnen.
Ob Schwimmen, Mittagessen, Therapie oder andere feste Bestandteile des Tages: Farben, Formen, Töne und wiederkehrende Abläufe helfen ihnen, sich im Alltag zurechtzufinden. Diese Unterstützung ist ein wichtiger Teil der schulvorbereitenden Einrichtung, kurz SVE. Sie richtet sich an Kinder ab drei Jahren bis zum Schuleintritt. Hier werden sie individuell gefördert und auf den späteren Schulbesuch vorbereitet. Wahrnehmung und Orientierung gehören ebenso dazu wie das Erleben in der Gemeinschaft und verlässliche Tagesabläufe.
Ein Zuhause mit Gemeinschaft
Ferdi ist vier Jahre alt und lebt seit April 2025 im Blindeninstitut Rückersdorf. Auch sein kleiner Bruder wohnt hier, die beiden teilen sich ein Zimmer. Für Ferdi ist das Blindeninstitut längst mehr als Förderung und Betreuung. Es ist sein Zuhause. 33 Kinder leben derzeit in den Wohngruppen. Die Kinder und Jugendlichen sind zwischen drei und 21 Jahre alt. Die Zahl der Wohnplätze ist eng mit den Schulplätzen verbunden, Schule und Wohnen gehen ineinander über. Teilweise leben die Kinder 365 Tage im Jahr hier. In den kleinen Wohngruppen geht es familiär zu, es geht um Gemeinschaft und zugleich darum, die eigenen Wünsche und Möglichkeiten zu berücksichtigen. Ferdi gehört zur Gruppe „Freunde“, in der sechs Kinder leben. Insgesamt kümmern sich dort acht bis zehn Mitarbeitende sowie eine Nachtwache um die Kinder. Dass unterschiedliche Altersgruppen zusammenleben, hat sich bewährt, denn häufig haben sie ähnliche Bedürfnisse, etwa nach Bewegung und Sinneserfahrungen.

Therapie, Förderung und gemeinsame Erlebnisse
Der Tag beginnt für Ferdi wie für andere Kinder auch: mit Zähneputzen, Waschen und der morgendlichen Pflege. Er wird über eine Sonde ernährt, sitzt aber trotzdem mit den anderen Kindern am Tisch. Von 8 bis 12.30 Uhr besucht er die SVE. Danach gibt es Mittagessen und anschließend Mittagsschlaf bis etwa 14.30 oder 15 Uhr. Am Nachmittag folgen Aktivitäten und Therapien, darunter Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie. Am Abend stehen Abendessen und weitere Pflege an, gegen 19 Uhr geht es ins Bett. Eine eigene Küche sorgt für die Mahlzeiten und kann auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder eingehen.
Ein fester Wochenplan gibt den Rahmen für die verschiedenen Angebote. Dazu gehören beispielsweise Übungen und Aktivitäten in aufrechter Position mithilfe orthopädischer Hilfsmittel wie eines Stehständers zur Förderung von Knochengesundheit, Muskulatur und Körperwahrnehmung.
Im Sehförderraum ist alles kontrastreich gestaltet. Auch der Snoezelenraum gehört zum Angebot. Dort können die Kinder zur Ruhe kommen und verschiedene Sinneseindrücke wahrnehmen. Jede Wohngruppe plant ihre Woche für sich. Mittwochs ist beispielsweise Schwimmtag, an anderen Tagen geht es in die Turnhalle oder ins Gelände.
Auch der angrenzende Wald bietet Möglichkeiten für besondere Sinneserfahrungen: Vögel, Blätterrauschen und unterschiedliche Untergründe können hier wahrgenommen werden. Ergänzt wird das Angebot durch die regelmäßige Musiktherapie und tiergestützte Angebote für einzelne Kinder mit Hunden, Hühnern oder Hasen. Den Tag beschließt der Abendkreis, bei dem die Kinder noch einmal zusammenkommen. Dort gibt es Angebote zum Sehen, Hören und Fühlen.
Am Wochenende schlafen manche Kinder und Jugendliche gerne aus. Die Wohngruppe unternimmt gemeinsam etwas, Kinder mit familiärer Anbindung bekommen Besuch oder werden von ihren Familien abgeholt. Ein Highlight im Sommer war der Ausflug zum Classic Open Air.

Wir freuen uns über Ehrenamtliche
„Die Kinder geben einem so viel zurück“, sagt Tanja Brehmer, Gruppenleitung bei den „Freunden“. Gleichzeitig wünscht sie sich mehr Zeit für die Kinder. „Wir haben sehr viele Dokumentationsaufgaben. Manchmal fehlen einfach zwei Hände.“ Kathrin Neuerburg-Nitz, verantwortlich für PR, würde sich über „mehr Sichtbarkeit, mehr Wertschätzung und mehr Teilhabe“ für die Arbeit des Blindeninstituts und die dort lebenden Kinder freuen.
Katrin Tragelehn, Ressortleitung Wohnen, fände es schön, noch individueller auf die Kinder eingehen zu können. „Es braucht jeden“, sagt sie mit Blick auf die wichtige Aufgabe für die Gesellschaft und die vielen Familien, die Unterstützung benötigen. „Jeder bringt seinen Anteil ein.“ Mehr Ehrenamtliche wären deshalb willkommen: „Ich würde mich über mehr Ehrenamtliche freuen, die das Team im Alltag unterstützen.“ Egal ob beim Vorlesen, beim Schieben eines Rollstuhls oder bei gemeinsamen Aktivitäten: „Melden Sie sich gerne.“
Eine wichtige Zukunftsinvestition ist der geplante Neubau. Die bestehenden Gebäude sind teilweise in die Jahre gekommen und sollen in den kommenden Jahren durch neue Häuser ersetzt werden. Entstehen soll ein moderner, umfassend barrierefreier Lern- und Lebensort für rund 160 Kinder und Jugendliche. Der Neubau soll auch den gestiegenen Anforderungen an Mobilität und Barrierefreiheit sowie dem Platzbedarf für Rollstühle und Hilfsmittel gerecht werden. Der Baubeginn ist für Herbst 2027 vorgesehen.
I. Lederer
INFO
Blindeninstitut Rückersdorf
Dachsbergweg 1
90607 Rückersdorf
Telefon: 0911 9577-0
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