RUMMELSBERG – Seit einem Jahr werden in Rummelsberg Mastdarmstörungen bei Querschnittpatienten direkt vor Ort behandelt.
Franz Robl aus Neuburg erlitt 2012 nach einem Motorradunfall eine Querschnittlähmung unterhalb des sechsten Brustwirbelkörpers. Zwar kann er noch gehen, doch die Lähmung macht sich vor allem im Alltag mit dem Darm bemerkbar: „Stundenlang war ich mit der Entleerung meines Darms beschäftigt. Das Abführen hat nicht geklappt, ich hatte ständig ein Druckgefühl, aber es ist nichts gekommen. Ich habe mein Leben nur danach ausgerichtet“, erinnert sich Robl.
Die Diagnose lautete Sigma elongatum – ein krankhaft verlängerter Teil des Dickdarms. „Man muss sich das wie mit einem verdrehten Gartenschlauch vorstellen“, erklärt Chefarzt Dr. Matthias Ponfick. „Auch wenn ich mehr Druck auf den Schlauch gebe, wird am Ende nichts herauskommen, wenn er verdreht oder abgeknickt ist.“
Genau hier kommt seit einem Jahr Chefarzt Sven Henne ins Spiel: Gemeinsam mit der Klinik für Querschnittmedizin entfernte er minimalinvasiv den chronisch überdehnten und beeinträchtigten Darmabschnitt. „Seitdem komme ich sehr gut zurecht und kann einmal am Tag abführen“, sagt Robl. Nach nur fünf Tagen habe er das Krankenhaus wieder verlassen können – eine jahrelange Odyssee wäre ihm erspart geblieben, hätte er früher von dem Angebot in Rummelsberg erfahren.
Auch andere Erkrankungen
Von der neuen Zusammenarbeit profitieren nicht nur Querschnittpatienten: Auch andere neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose können Blasen- und Mastdarmstörungen auslösen. „Bei Parkinson kann Verstopfung beispielsweise als Frühsymptom auftreten“, so Ponfick. Die Symptome reichen von andauernder Verstopfung bis zum lebensbedrohlichen Darmverschluss – aber auch ungewollte Stuhlentleerungen zählen dazu. „Viele Patienten schämen sich in solchen Situationen und machen sich Gedanken über mögliche peinliche Gerüche und Geräusche“, sagt Henne. „Eine Zusatzbelastung, die nicht sein muss“, sind sich beide Chefärzte einig.
Je nach Ursache stehen nach Ausschöpfen konservativer Therapien verschiedene operative Verfahren zur Verfügung: von der Entfernung eines überdehnten Darmabschnitts über ein kontinentes Stoma aus dem Blinddarm zur gezielten Darmspülung bis hin zur Behandlung eines sogenannten Rektumprolaps, bei dem Teile des Mastdarms durch einen erschlafften Beckenboden nach außen treten.
Den beiden Chefärzten ist dabei bewusst, dass es sich um ein schambehaftetes Thema handelt, über das nur ungern gesprochen wird – auch in anderen Fachbereichen werde es bislang kaum adressiert. Durch die Kooperation der beiden Abteilungen entsteht dennoch ein Angebot, das es in dieser Form in der Region bislang nicht gibt. Rund 30 Patienten konnte am Krankenhaus Rummelsberg bereits geholfen werden. Dass Franz Robl inzwischen offen über sein früheres Leiden spricht, hat einen Grund: „Damit anderen Betroffenen mein Leidensweg erspart bleibt.“ Sein Leben, sagt er, müsse sich heute nicht mehr nur um seinen Darm drehen.
