Exklusives Interview mit Bernd Pflaum alias Bird Berlin

„Wir sind alle Bird Berlin“

Spontan von der Interviewerin Stefanie Camin gebeten, etwas auf das Flip-Chart zu malen, zeichnete Bird Berlin einfach drauf los. Heraus kam etwas, das zu seiner letzten Ausstellung namens „7. 000. 000$ & 6. 000. 000$“ passte, in der es um bionische Körperteile, ganz wie in der Serie aus den 1970ern „Der Sechs-Millionen-Dollar-Mann“, geht. Foto: S. Camin2015/03/5_2_3_2_20150327_BIRD.jpg

HERSBRUCK/NÜRNBERG – Man kennt ihn. Er ist in Hersbruck zur Schule gegangen, hat Erfolge mit der Band The Audience gefeiert und ist inzwischen solo unterwegs. Von wem die Rede ist? Bernd Pflaum, inzwischen besser bekannt als Bird Berlin.

Du hast auf der Bühne einen stark psychedelischen Einschlag. Bist du gaga?

Bird Berlin (lacht): Jeder darf selber entscheiden, ob ich gaga bin. Nein, ernsthaft: Ich bin ein normaler Mensch, der sich angemessen an die Gepflogenheiten der Gesellschaft anpasst.

Bei mir kommen einfach viele Sachen, die ich liebe, auf die Bühne. Als ich ein Kind war, hat meine Mutter viel ABBA gehört; ich glaube, diese kitschigen Melodien haben einen Einfluss auf mich.

Warst du schon immer so ein extrovertierter Mensch?

Das ist wie ein Ventil auf der Bühne, da kann ich Sachen machen, die in mir schlummern. Ich kann Freude, Liebe, Spaß verbreiten – und ich lasse alles raus, was in dem Moment hochkommt.

Beim Video „Dein wildes Haar“ starrst du minutenlang in die Kamera. War das geplant oder wie kam es dazu?

Das passiert dann, wenn ein „Schub“ kommt, das ist wie Magie und das ist schön; und spontan.

Wie kamst du zur Bühne?

Seit ich denken kann, singe ich in Chören. Das erste Mal war ich mit der Operette „Der gestiefelte Kater“ in Hohenstadt auf der Bühne, da wohnen meine Mutter und Oma immer noch.

In der Schule ging es dann mit Rock und Pop weiter, als ich in den ersten Bands gespielt habe. Die erste hatte keinen Namen, dann kam „Andersch“ und dann „The Audience“.

Trauerst du dieser Zeit mit The Audience nach?

Es gibt wehmütige Momente. Gerade, wenn ich alleine unterwegs bin, fehlt es mir schon, mit der ganzen Entourage auf Tour zu sein. Aber ich freue mich auch, unabhängig zu sein und keinen logistischen Aufwand zu haben.

Ich habe gelesen, du hast als Heilerziehungspfleger gearbeitet – immer noch?

Nach dem Zivildienst habe ich die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger absolviert und dann bis 2006 in dem Beruf gearbeitet.

Dann habe ich zwei Semester Theater- und Medienwissenschaften studiert und anschließend drei Jahre als Erzieher für schwer erziehbare Kinder gearbeitet. Seit drei Jahren bin ich komplett selbständig.

War diese Arbeit nicht extrem krass als Gegensatz zum heutigen Bird Berlin?

Gar nicht. Es war irgendwie eine wilde Zeit, wir sind viel in die Welt hinausgegangen mit den Leuten.

Wir Betreuer haben immer versucht, eine Normalität zu gestalten und waren mit den Kindern und Jugendlichen in Kneipen, auf Konzerten und sogar im Urlaub im Ausland.

Ihr wart in Kneipen?

Es war eine sehr selbständige Klientel, da ging das.

Wir haben geklärt, dass du in Hersbruck geboren bist und seit zehn Jahren in Nürnberg lebst. Wo in Nürnberg und mit wem?

Ich lebe in Nürnberg-Gostenhof in einer WG mit einem Kumpel, der auch Musik macht.

Wie alt bist du?

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Erzähl mir mehr über die Kunstfigur Bird Berlin. Wie kamst du darauf: auf den Namen, den entblößten Oberkörper, das ins Brusthaar rasierte Herz, das Outfit, die Leggins, einfach alles.

Die Figur Bird Berlin ist etwa im Jahr 2002 entstanden. Ich hatte eine Anfrage für ein Konzert und noch keinen Namen.

Als Fan vom Basketballspieler Larry Bird stand schon lange fest, dass „Bird“ ein Teil des Namens wird. Mit meinem Hang zu Alliterationen wollte ich ein „BB“ und weil damals sehr viel elektronische Musik wie Techno oder House aus Berlin kam, habe ich den Namen dieser Stadt gewählt.

Was das Outfit angeht: Erst habe ich Jeans getragen, dann kamen die Leggins ins Spiel, die ich noch vom Speerwerfen hatte.

Und das Herz kommt daher, weil ich Comicstrips faszinierend finde. Erst hatte ich einen Kasten rasiert, aber der war zu hart. Das Herz entspricht eher meinem Wesen – zumindest momentan. Es kann morgen ein Stern werden.

Wenn ich durch die Städte, nein, durchs Leben laufe, dann passiert es einfach – ich sehe etwas und lasse mich inspirieren.

Daraus entsteht dann der Glitzer, die Stulpen oder auch der Nagellack, der übrigens viele Leute verstört. Ich mag es bunt, grell, kitschig. Die Farbenpracht macht mir Spaß.

Lebst du in zwei Parallelwelten (Bernd Pflaum und Bird Berlin) – oder wie kann ich mir dein Leben vorstellen?

Diese beiden Personen vermischen sich immer mehr. Natürlich ist die Bühnen-Szene immer anders als die Nicht-Bühnen-Situation.

In einem Interview hast du verraten, du machst keinen Sport. Ist das immer noch so?

Stimmt, ich habe früher Fußball gespielt und habe Speer- und Diskuswerfen betrieben und Kugelstoßen. Aber seit Jahren mache ich keinen Sport mehr. Mir reicht der auf der Bühne.

Woher kommt dann der Bauchschwung? Übst du doch heimlich mit dem Hula-Hoop-Reifen?

Nein, ich habe Lust, mich zu bewegen und etwas auszuprobieren.

Bleiben wir beim Bauch. Wie bist du darauf gekommen, deinen Oberkörper samt Wanne zu entblößen?

Ich will mich frei bewegen, und ich fühle mich wohl so, wie ich mich zeige.

Ich mache das nicht, um zu provozieren, sondern aus rein praktischen Gründen, aus dem Spagat in eine andere Position hineinzuspringen.

Kostet dich das Überwindung? Oder würdest du inzwischen am liebsten permanent ohne Hemd herumlaufen?

Ich habe nicht so ausgeprägte „Koordinaten“, mich interessiert es nicht, ob ich einen Waschbrettbauch habe. Mir ist wichtig, dass ich mich körperlich wohl fühle. Es ist überhaupt keine Überwindung für mich, sondern die Situation verlangt das.

Woher kommen die Inspirationen für neue Songs?

Das passiert nicht aktiv, sondern intuitiv. Wenn ich in der U-Bahn sitze, kommt mir eine neue Melodie, die ich sofort auf dem Handy aufnehme. Sobald ich dann Zeit habe, nehme ich diese Melodie im Studio auf und perfektioniere sie.

In welches Studio gehst du?

Ich habe ein mobiles Studio zu Hause.

Wie bereitest du dich auf die jeweilige Show vor?

Sicherlich nicht im herkömmlichen Sinne. Ich bin immer früh bei der jeweiligen Veranstaltung, um mit dem Publikum in Kontakt zu kommen und die Stimmung, die Befindlichkeit herauszufinden. Dabei analysiere ich nicht, sondern ich stimme mich ein. Ich brauche dieses Gespür für den Raum. Wenn ich die Leute mitnehmen will, kann das nicht isoliert vom Backstage aus passieren – ich hole die Leute da ab, wo sie sind. Statt Sender – Empfänger zu spielen, „wuppen“ wir den Abend gemeinsam.

Was steht für Bernd-Bird 2015 auf dem Programm?

Ich mache eine Lesereise durch Deutschland und stelle mein neues Buch „Bitterhonig und der Klang des Taumelns“ vor. Und ich bin als Moderator beim Brückenfestival in Nürnberg im August gebucht.

Was machst du in zehn Jahren?

Ich hoffe auf eine Welttournee (lacht). Angekündigt hatte ich sie für 2015, aber das wird eng. Mein Ziel ist es, auf jedem Kontinent zu spielen. Mit The Audience bin ich ja schon weit herumgekommen.

Und wo warst du schon überall mit The Audience?

Wir waren zum Beispiel in Norwegen oder auf Sizilien.

Wer ist dein Vorbild?

(lacht): Vor zehn Jahren hätte ich gesagt: Joe Cocker oder Freddie Mercury. Inzwischen habe ich keines mehr, ich eifere niemandem nach. Grundsätzlich finde ich Peter Gabriel, Frank Zappa und David Bowie toll.

Wer ist Bernd Pflaum privat?

(lacht): Wer bin ich? Es gibt keinen Unterschied zwischen mir und Bird Berlin, wir verschmelzen.

Bist du in einer Beziehung?

Seit eineinhalb Jahren habe ich eine Freundin. Aber auch bei Männern ziehe ich da nicht so eine enge Grenze. Ich kann auch Männer lieben, nur fehlt da meist die sexuelle Komponente. Ich ziehe jedenfalls viele schwule Männer an, die mir zum Beispiel auf Konzerte nachreisen.

Wie viel Bird Berlin steckt in jedem Menschen?

Wenn Bird Berlin für die Fähigkeit steht, offen zu sein, dann steckt das in jedem – auch, wenn es bei manchen verschüttet ist. Ich glaube, wenn man zu den Leuten schön ist, dann sind sie auch schön zu einem; und ich werde nie aufhören, schön zu Menschen zu sein. Ich glaube, wir sind alle Bird Berlin.

N-Land Stefanie Camin
Stefanie Camin