Interview mit Armin Götz

Zwischen Staats- und Automacht

Die Eisenbahn kämpft um eine Lobby in der Politik, weiß Armin Götz. | Foto: IGE, Hendrik Bloem2019/06/Armin_Goetz_von_der_IGE-min.jpg

HERSBRUCK – Erst vor Kurzem hat sich der Kreistag für die Elektrifizierung der rechten Bahnstrecke ausgesprochen. Für die Zukunftsfähigkeit des Eisenbahnverkehrs reicht das aber noch lange nicht, sagt Armin Götz, Chef der IGE Hersbruck.

Die „Bahn“ genießt bei Ihren Kunden überwiegend keinen guten Ruf. Fällt das auch auf Sie als privates Eisenbahnverkehrsunternehmen zurück?

Armin Götz: Ja, wir leiden auch darunter, denn es wird beim ganzen Verkehr auf der Schiene verallgemeinernd von der Bahn gesprochen. 1993 beschloss der Bundestag mit großer Mehrheit die Entschuldung und Privatisierung der einstigen Beamten-Bahn. Der Staat hat sich bis heute weitgehend aus der Verantwortung zurückgezogen, schöpfte aber bis vergangenes Jahr jährlich bis zu 500 Millionen Euro Dividende vom Staatskonzern ab. Der Bund ist der hundertprozentige Eigentümer der DB. Die hat übrigens bis heute erneut einen Schuldenberg von fast 20 Milliarden Euro angehäuft.

Dabei wurde doch kostenintensives Personal an der Basis wegrationalisiert …

Nicht nur das. Das Schienennetz ist seit der Bahnreform nur selektiv ausgebaut und modernisiert worden. Insgesamt hat sich das Gesamtschienennetz seitdem um 20 Prozent reduziert, und zwar vor allem bei den Neben-Fernstrecken, den Überhol- und Abstellgleisen, die der Güterverkehr benutzt hatte. Der musste daher auf Magistralen ausweichen, die dadurch überlastet sind. Die Folge: unpünktliche Züge. Ich finde, die Politik hat die Bahn kaputt gespart.

Seit der Bahnreform hat sich das Schienennetz um 20 Prozent reduziert. Vor allem in den ersten Jahren wurden viele Strecken stillgelegt. | Foto: wikipedia.de2019/06/Stillegungen_seit_1994.wikipedia.jpeg

Und was ist mit der ICE-Strecke von Nürnberg nach Berlin oder „Stuttgart 21“?

Der Staat investiert in Bahnprojekte, die gesamtwirtschaftlich meines Erachtens wenig bringen. Was nutzt der tollste Bahnhof, wenn der Güterverkehr davon nicht profitiert und weiterhin auf bestimmten Steigungsabschnitten Unterstützung von einer teuren Schiebelok braucht? Und bei der ICE-Neubaustrecke von Nürnberg nach Berlin war zwar der Güterverkehr in der Kosten/Nutzen-Planung mit eingerechnet, aber bis heute konnte noch kein Güterzug die Strecke befahren. Es fehlen die passenden Loks und das notwendige Signalsystem.

Viele Menschen entdecken gerade ihr Umweltbewusstsein und wollen mehr Bahn fahren. Zudem wünscht die Politik, dass 20 Prozent mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene zurückgeholt wird.

Unter den aktuellen Bedingungen ist das kaum möglich. Dazu müsste der Bund richtig Geld in die Hand nehmen, denn Neubauten sind die Angelegenheit des Staates. Für den Unterhalt muss DB Netz sorgen. Rund 4,2 Milliarden Euro wären laut einer Studie nötig, um Umfahrungen einzurichten, den Güterverkehr zu beschleunigen und Knotenpunkte zu Gunsten des Nahverkehrs zu entlasten. Auf lange Sicht müssten zwischen 1,6 und drei Milliarden Euro im Jahr ins Schienennetz investiert werden. Aber der Bund steckt das Geld lieber in die Straße – da fällt der Ausbau auch leichter, weil noch die finanziellen Mittel von Ländern und Kommunen dazukommen.

Das heißt, die Eisenbahn hat keine Lobby?

Ja, bisher kaum. Das entwickelt sich gerade erst langsam. Prinzipiell ist die Schiene günstiger und schneller. Aber solange klare Bekenntnisse zu einer entsprechenden Verkehrspolitik und zur Bahn fehlen, zweifelt auch die Wirtschaft eine Leistungsfähigkeit der Schiene an. Zudem haben wir in Deutschland eine starke Automobilindustrie. Von der kommt auch die Idee, Straßen zu elektrifizieren. Das ist aber noch teurer als die Schiene und passt auch nicht zu einer zukunftsweisenden Klimapolitik. Wenn es um Eisenbahn geht, dann interessiert sich der Bund zunächst für seine eigene Bahn: So hat das statistische Bundesamt in der Vergangenheit lediglich die Zahlen der DB Cargo erfasst. Die sind jedoch rückläufig, der Güterverkehr insgesamt aber ist wachsend. Wir haben es im vergangenen Jahr geschafft, dass auch die privaten Eisenbahnunternehmen mit erfasst werden.

Spielt für das Fehlen einer richtigen Lobby die Rentabilität eine Rolle?

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Eisenbahn Geld kostet. Autofahren ist dank vieler Steuern eine gute Einnahmequelle für den Staat. Bei der Bahn funktioniert das nicht. Die zentrale Frage ist also: Will der Staat das Verkehrsmittel Eisenbahn oder nicht und was ist ihm das wert? Die Entscheidung pro Schiene muss ganz oben, also im Kanzleramt, fallen.

Wie kann die Verkehrswende gelingen?

Dazu braucht es entsprechendes Personal und Know-how. Eisenbahn funktioniert nicht ohne Menschen, man muss dran sein am Kunden im Zug und am Bahnsteig. Das System Bahn wurde für die Leute und deren Bedürfnisse geschaffen. Außerdem müsste die Staatsbahn wieder ein positives Image aufbauen. Dazu fehlt ihr aber der entsprechende Rückenwind, weil der Vertrauensverlust in der Bevölkerung enorm ist.

Warum kommen die privaten Unternehmen nicht gegen die Macht der DB AG an?

Sie bekommt Rückendeckung vom Eigentümer Bund als institutionelle Größe und beherrscht nahezu allein mit ihrer DB Netz AG die Infrastruktur. Aber der privatisierte Güterverkehr hat sich mittlerweile einen Marktanteil in Deutschland von über 50 Prozent erarbeitet. Damit bekommen wir schon Gehör. Wir müssen in verschiedenen Arbeitskreisen oft zeigen, dass es auch anders geht.

In der Zukunft wird die Eisenbahn …

das Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts sein – wenn wir unsere Klimaziele erreichen und die Verkehrsverlagerung auf die Schiene wirklich wollen. Derzeit mangelt es an einem Konzept für ein vernünftiges Miteinander der Verkehrsträger. Stichworte sind Park & Ride, intelligentes Umladen von Gütern. Die Bahn kann nicht überall hinfahren. Die Basis ist das Netz – daran ändert auch die Digitalisierung nichts.

Was wünschen Sie sich für den Schienenverkehr?

Dass er mit Hilfe einer leistungsfähigen Infrastruktur Städte und Fernstraßen entlastet. Ich frage mich, warum man beispielsweise nicht nachts mit der U-Bahn Güter in speziellen Containern zu Verteilpunkten in der Innenstadt bringen kann, statt unzähliger Kurierdienstfahrten? Man müsste vielmehr in die Richtung der Mikrologistik denken und Behälter entwickeln, die schnell und vollautomatisch umladbar sind. Da macht Digitalisierung dann Sinn!

N-Land Andrea Pitsch
Andrea Pitsch