24 Stunden, 24 Unternehmen: Hermann-Keßler-Stift

Würdevolles Leben ohne Gestern

Bewohnerin Gertrud Geis freut sich über die Unterstützung von Wohnbereichsleiterin Claudia Schleifer. | Foto: Stefanie Camin2019/09/Quer-oben-a-bissi-aufhellen.jpg

In dieser Serie stellen wir 24 regionale Betriebe aus unterschiedlichen Branchen vor. Jedes Unternehmen bekommt dabei eine Stunde, und das acht Wochen lang; jede Woche drei Firmen. In der Stunde zwischen 7 und 8 Uhr haben wir das Hermann-Keßler-Stift im Laufer Musikerviertel besucht. Während einige Bewohner noch verschlafen im Bett liegen, helfen die Fachkräfte anderen beim Duschen und Anziehen. Wieder andere Bewohner genießen ihr Frühstück oder sind schon fit für eine Runde Brettspiel. In diesem geschlossenen Wohnbereich ist einfach fast alles möglich laut Haus-UN-Ordnung. Wofür diese steht, lesen Sie im Artikel.

Lauf.
Viele Bewohner schlafen noch, einige liegen im Bett und sehen fern, manche sitzen am Tisch im Gemeinschaftsraum und trinken ihren ersten Kaffee, einer spitzt gerade aus seinem Zimmer – er hat links einen grauen Pantoffel und rechts einen blauen Turnschuh an. Es ist 7 Uhr; laut Fachsprache findet jetzt die Grundpflege mit begleitetem Aufstehen statt.
Aber hier geht es nicht um die Fachsprache, sondern um die Menschen. Die 60- bis 95-jährigen Bewohner dieses Wohnbereichs im Hermann-Keßler-Stift in Lauf sind dement; in ihrem Leben ohne Gestern brauchen sie Hilfe in vielen, teilweise sogar in sämtlichen Dingen des Alltags. Für die Mitarbeiter des Wohnbereichs stellt das eine besondere Herausforderung dar. Denn einerseits bieten sie Rituale wie das gemeinsame morgendliche Frühstück, um den Bewohnern Halt und Geborgenheit zu vermitteln. Andererseits verläuft jeder Tag anders als der vorherige. Hat ein Bewohner die vergangenen Wochen bis 9 Uhr geschlafen – was jedem erlaubt ist –, so ist er heute vielleicht seit 5 Uhr morgens auf. Statt wie sonst immer mit den anderen am Tisch zu sitzen, möchte einer heute sein Frühstück alleine im Bett zu sich nehmen. Auch darauf geht das Pflege- und Betreuungsteam ein.

Irmtraud Grillenberger ist hingebungsvoll mit dem XXL-Brettspiel beschäftigt | Foto: Stefanie Camin2019/09/Quer-unten.jpg


Der „Auftrag“ ruft
Alles kann, nichts muss. Fast alles zumindest, denn die Bewohner dürfen nicht eigenständig den per Zahlencode gesicherten Bereich verlassen: Der gesamte Trakt mit 32 Betten, Sanitärräumen, dem großzügigen Gemeinschaftsraum und der Terrasse ist zum Selbstschutz der Bewohner abgesperrt. „Viele Demenzkranke haben eine Hinlauftendenz“, weiß die Wohnbereichsleiterin Claudia Schleifer. Sie laufen dabei nicht davon wie beim „Ausbüxen“, sondern haben einen „Auftrag“, den sie erfüllen wollen. Das kann der Gedanke sein, dass sie dringend einkaufen müssen, weil sie abends 40 Gäste empfangen, oder das plötzliche Gefühl, in die Arbeit gehen zu müssen.
Ansonsten haben die Bewohner alle Freiheiten dieser Erde. Jemand ist müde? Kein Problem, er legt sich einfach ins nächstbeste Bett – das nicht unbedingt sein eigenes sein muss. Eine andere Bewohnerin möchte nicht in ihrem Zimmer schlafen, daher bereiten die Mitarbeiter des Hermann-Keßler-Stifts ihr abends das Sofa im Gemeinschaftsraum für die Nacht her.

Elisabeth Hauenstein, 62, Sozialpädagogin: „Ich arbeite hier seit 18 Jahren. Unter anderem gebe ich jede Woche ein anderes Thema vor für das Gedächtnistraining, zum Beispiel die Farbe Blau, Herbst, Rosen, Tiere, oder die Vornamen der Bewohner beziehungsweise ihre Spitznamen. Ansonsten betreue ich die Bewohner einzeln, unterstütze die Neuen beim Eingewöhnen. Und ich organisiere mit Kollegen Veranstaltungen wie das ‚Oktoberfest‘ hier im Haus.“ | Foto: Stefanie Camin2019/09/DSC_4203.jpg
Yasmin Oguzhan, 40, Pflegehelferin:
„Ich liebe Kinder und alte Menschen – das hat man quasi bei Demenzkranken in einer Person. Meine Aufgaben sind zum Beispiel die Grundpflege, Zimmer aufräumen, Essenseingabe, Medikamente verabreichen, bei Toi­lettengängen begleiten, mit den Bewohnern reden und spielen … Ich bin so froh, dass ich hier arbeiten darf; mir gefällt das Miteinander. Ich würde das Keßlerstift nie verlassen.“
| Foto: Stefanie Camin2019/09/Bitte-aufhellen.jpg


„Haus-UN-Ordnung“
All dies und viel weiterer Freiraum für die Bewohner ist in der internen „Haus-UN-Ordnung“ geregelt, in der das Pflege- und Betreuungsteam die „Nicht-Spielregeln“ festgelegt hat. Ein Punkt lautet zum Beispiel: „Die Kleidungsstücke passen nicht zusammen, aber ich habe mich alleine angezogen.“ Das dazu passende Ziel der Mitarbeiter: „Wir unterstützen unsere Bewohner in ihrer noch vorhandenen Selbstständigkeit.“
Die Kombination aus Rückzugsmöglichkeit im Einzel- beziehungsweise Doppelzimmer mit dem sozialen Gefüge von gemeinschaftlichen Aktivitäten bietet den Bewohnern das Gefühl eines „normalen“ Alltags. Vom Laufer Neurologen Dr. med. Michael Braun betreut, wenden die Mitarbeiter die Vorgaben des sogenannten Werdenfelser Wegs an, bei dem körperliche Fixierungen oder medikamentöse Ruhigstellung vermieden werden. „Wir wollen niemanden sedieren, sondern unsere Bewohner sollen aktiv am Leben teilnehmen“, steht für Heimleiter Michael Strauß außer Frage. „Solange er sich und andere nicht gefährdet, darf jeder so bleiben, wie er ist“, ergänzt Claudia Schleifer lächelnd.
„Der Anfang der Demenz ist schwer“, wird sie wieder ernst. Denn der Betroffene merkt, dass „etwas“ nicht stimmt, dass sein Leben nicht mehr so reibungslos wie vorher läuft. Ist derjenige erst in der Demenz angekommen, geht es ihm hingegen gut – denn ab dann er lebt in seiner eigenen Welt. „Das ist dann die harte Phase für seine Angehörigen“, weiß die Wohnbereichsleiterin. „Damit umzugehen, dass der eigene Vater einen nicht mehr erkennt, ist für die meisten sehr schwer.“ Dabei bringt das Bedauern dem Demenzkranken nichts – den Sinn der Worte erkennt er nicht mehr. Er erinnert sich nur, wie er sich beim letzten Besuch der Tochter gefühlt hat. Und wenn die Tochter traurig wegen des schleichenden Verlustes war, so hat der Demenzkranke diese Trauer selbst oft aufgenommen.
„Deswegen ist es auch so wichtig, dass unsere Mitarbeiter in sich ruhen“, schlägt Claudia Schleifer den Bogen zum Fachkräftemangel. Wer ausgeglichen und geistig flexibel ist, kann sich hier langfristig einbringen – auch Quereinsteiger werden hier angelernt.

FAKTEN HERMANN-KEßLER-STIFT:
Gründung: 1374 Glockengießer Spitalstiftung St. Leonhard
2013 Hermann-Keßler-Stift
Kapazität: 120 Plätze, davon 32 im geschützten Wohnbereich
Das Besondere: Wir wollen unseren Bewohnern eine lebenswerte Zeit ermöglichen
Mitarbeiter: 122

KONTAKT:
GLOCKENGIESSER Alten- und Pflegeheime
Glockengießer Spitalstiftung St. Leonhard
Hermann-Keßler-Stift
Beethovenstraße 44
91207 Lauf a.d. Pegnitz
Telefon: (09123) 96 94 9 – 0
www.glockengiesser-lauf.de

N-Land Stefanie Camin
Stefanie Camin