24 Stunden, 24 Unternehmen: Montessori Schule

Wirgefühl mit individueller Note

Diesen beiden Schülerinnen liegen die Zahlen zu Füßen: Tamina sagt Isabell anhand von Kärtchen, wohin sie auf dem 100er-Teppich gehen soll. | Foto: Stefanie Camin2019/10/Oben-quer-bitte-die-im-grauen-Kleid-schaerfen.jpg

In dieser Serie stellen wir 24 regionale Betriebe aus unterschiedlichen Branchen vor. Jedes Unternehmen bekommt dabei eine Stunde, und das acht Wochen lang; jede Woche drei Firmen. Die Stunde zwischen 19 und 20 Uhr gehört heute der Montessori Schule in Lauf. Um diese Zeit folgen zahlreiche Eltern der Einladung von Rektorin Bettina Steinward-Schröder, am Info-Abend zu erfahren, welches Konzept hinter der Monte steckt. Welche Exkursionen die Schüler im Rahmen der „Lebenspraktischen Tage“ unternehmen, was „Freiarbeit“ oder „Kosmische Erziehung“ bedeutet, erfahren Sie hier.

Lauf.
19 Uhr. Diese Uhrzeit verbinden die wenigsten Menschen mit einer Aktivität in einer Schule. Doch die Montessori Schule (Monte) in Lauf ist eben anders als viele weitere Schulen – da wundert es nicht, dass die Aula der Grundschule um 19 Uhr brummt. Allerdings sind zu so später Stunde dann doch kaum Schüler zu sehen, sondern Eltern: Heute findet ein Info-Abend statt, an dem Eltern von der Rektorin Bettina Steinward-Schröder erfahren, was die Monte alles bietet. Und das ist reichlich.
Drei Ganztages- und vier Halbtages-Lerngruppen (die typischen „Schulklassen“ gibt es bei der Monte nicht) stehen zur Auswahl; wobei Schüler der Halbtages-Lerngruppen sowie Kinder von anderen Grundschulen nach Schulschluss den Monte-Hort besuchen können und auch dort ein vielfältiges pädagogisches Angebot bekommen. Einmal die Woche gibt es den „lebenspraktischen Tag“, bei dem die Schüler beispielsweise einen Bauernhof oder ein Kunstatelier besuchen. Dabei werden die Kinder allerdings nicht „einfach so“ auf den nächsten Bauernhof gefahren, sondern sind aktiv an der Frage beteiligt, wie sie dort hinkommen. Was kostet die Fahrkarte, ist eine Gruppenkarte günstiger, wie bedient man den Automaten? Die Klärung dieser und weiterer praktischen Fragen bereitet die jungen Menschen bestmöglich auf das spätere Leben vor. Ältere Schüler berichten am Info-Abend mit glänzenden Augen von ihrem Schülerdasein und den „coolen“ Ausflügen. Einer von ihnen stellt allerdings klar: „Mitschüler der Halbtagesklasse waren oft traurig, weil sie bei den regelmäßigen Exkursionen nicht dabei sein konnten. Das gibt es nur im Ganztag.“ Das Thema dieses Ausflugs greifen die Lehrkräfte und Pädagogen, von denen je einer pro Klasse anwesend ist, im Unterricht auf und lassen die Schüler das neue Wissen in der Freiarbeit vertiefen.

Emma und Matteo genießen die Pause auf dem Sofa in der FOS, | Foto: Stefanie Camin2019/10/Unten-links_Schatten-weg-nachbearbeiten.jpg
während diese beiden gemeinsam den Unterrichtsstoff begreifen: Sarah zeigt Luisa, wie sie mit den „Cuisenaire-Stäbchen“ addiert. | Foto: Stefanie Camin2019/10/Unten-rechts.jpg


Hier geht es ums „Wir“
Überhaupt ist „gemeinsam“ ein Stichwort, das bei der Monte tatsächlich gelebt wird. Die Schüler verbringen die Schulzeit in altersgemischten Lerngruppen von der ersten bis zur vierten Klasse gemeinsam im Unterricht, am ersten Schultag führen die älteren Kinder die Erstklässler durchs Haus und zeigen ihnen die Räume. Die „Großen“ rutschen dabei automatisch in eine Vorbildrolle und fühlen sich dadurch gestärkt, die „Kleinen“ fühlen sich wörtlich abgeholt. „Wir helfen uns gegenseitig“, lautet eine Art inoffizielles Credo der Monte. Bei allem Wirgefühl kommt allerdings der individuelle Mensch nicht zu kurz. „Jedes Kind hat seinen eigenen Lernweg, darauf gehen wir konsequent ein“, erklärt die Schulleiterin der Laufer Monte, Bettina Steinward-Schröder. Im Rahmen der sogenannten Darbietung führen die Lehrkräfte ein neues Thema ein und bieten für die unterschiedlichen Schüler diverse (zusätzliche) Materialien an. Ansonsten dürfen die Schüler während der „Freiarbeit“ selber wählen, womit sie sich am heutigen Tag beschäftigen. „Dabei entscheiden sie allerdings nicht, ob sie überhaupt etwas tun, sondern womit sie sich beschäftigen“, räumt Bettina Steinward-Schröder mögliche Fehlinterpretationen aus dem Weg.

Jürgen Thoma, 37, Leitung FOS: „Ich bin seit fünf Jahren ein Teil der Monte, seit einem Jahr bin ich Schulleiter. Dabei versuche ich, alles Organisatorische in geregelte Bahnen zu lenken und den Lehrkräften dabei möglichst viele Freiheiten in ihrer pädagogischen Kreativität zu geben. Mir macht es Spaß, diese junge Schule mitzugestalten. Wir leben hier vom tollen Feedback der Schüler.“ | Foto: Stefanie Camin2019/10/Interview_Juergen-Thoma.jpg
Stefani Rehberg-Reidel, 58, Geschäftsführerin der Montessori-Verwaltungsgesellschaft mbH:„Seit 19 Jahren sorge ich an der Monte dafür, dass die Pädagogen die geeigneten Rahmenbedingungen vorfinden, um sich auf ihre pädagogische Arbeit konzentrieren zu können. Ich kümmere mich um Themen wie Geld, Räume, Infrastruktur, Anträge und vieles mehr. Wenn ich erfolgreich bin, können die Lehrkräfte gut arbeiten – gibt es eine sinnstiftendere Arbeit für einen BWLer als meine?“ | Foto: Stefanie Camin2019/10/Interview_Stefani-Rehberg-Reidel.jpg


Selbstdisziplin ist gefragt
Die Schüler führen selbstständig ihren Wochenplan, „Tagebuch“ genannt, den die Lehrkräfte und Pädagogen bei Bedarf mit ihnen durchsprechen. Zum Beispiel kommt dann durchaus die Frage, warum der Schüler sich zum fünften Mal die „kosmische Erziehung“ ansehen möchte, aber Mathe vermeidet. „Kosmische Erziehung“ steht dabei für eine Art HSU, Heimat-, Sachunterricht. Die Gründerin Maria Montessori wollte nicht zusammenhanglos unterschiedliche Fächer unterrichten, sondern ein Verständnis für die Wechselbeziehungen zwischen den Menschen und der Natur wie auch der Menschen untereinander vermitteln.
Dieses Konzept zieht sich auch in den höheren Schulklassen durch. In der Mittelschule können die Fünft- bis Achtklässler zwischen dem Outdoorzweig und dem musischen Zweig wählen. Eine Lerngruppe der Mittelschule hat sich das „grüne Klassenzimmer“ auf einem Nachbargrundstück gebaut. Und wenn es regnet, bietet das neue Kuppelhaus Schutz.
Einzig bei der Fachoberschule (FOS) ist die Monte etwas eingeschränkter: Es gibt keine Jahrgangsmischung; der Unterricht im Pflichtprogramm ist fachspezifisch. Ansonsten erwartet die FOS-Schüler die im Monte-Stil selbstbestimmte Studierzeit
sowie Projektphasen mit individuellen Schwerpunkten und in wechselnder Gruppenzusammensetzung. Die Schüler der Monte-FOS können zwischen den vier Zweigen Gestaltung, Sozialwesen, Gesundheit und Internationale Wirtschaft wählen.

FAKTEN: MONTESSORI SCHULEN LAUF
Gründung: 1990/91 Trägerverein, 1992 Schule
Standorte: Lauf und Altdorf
Schüler: 510
Abschlüsse: allesamt staatlich anerkannt


KONTAKT:
Montessori Schule
Daschstraße 16
91207 Lauf an der Pegnitz
Telefon: (09123) 18 349 0
https://www.montessori-lauf.de/

N-Land Stefanie Camin
Stefanie Camin