24 Stunden, 24 Unternehmen: Lebenshilfe Nürnberger Land

Spaß für Behinderte und deren Familien

Regina Fritsch, Einrichtungsleiterin des Familienentlastenden Dienstes, korrigiert Finns Körperhaltung beim Bogenschießen. | Foto: Stefanie Camin2019/10/DSC_6316.jpg

In dieser Serie stellen wir 24 regionale Betriebe aus unterschiedlichen Branchen vor. Jedes Unternehmen bekommt dabei eine Stunde, und das acht Wochen lang; jede Woche drei Firmen. Die Stunde zwischen 21 und 22 Uhr gehört heute dem Familienentlastenden Dienst (FED) der Lebenshilfe im Nürnberger Land. Der lange Name steht dabei für eine liebevolle Betreuung von Behinderten – ob bei ihnen daheim im Rahmen der häuslichen Betreuung oder, wie heute, bei einem Ausflug. Die Pyjama-Party im Jugendtreff Gleis 3 in Eschenau ist in vollem Gange; junge Menschen mit und ohne Behinderung feiern hier gemeinsam. Was der FED noch alles anbietet, lesen Sie hier.

Lauf.
21 Uhr. Heute feiern die Gäste des Jugendtreffs Gleis 3 in Eschenau eine besondere Party, denn alle tragen einen Schlafanzug. Die Gäste der Pyjama-Party, das sind Menschen mit und ohne Behinderung. Oder, wie Regina Fritsch es schmunzelnd ausdrückt: „Jeder von uns hat Einschränkungen; der eine spinnt etwas lauter, der andere etwas leiser.“ Die 41-Jährige ist die Einrichtungsleiterin des Familienentlastenden Diensts (FED) der Lebenshilfe im Nürnberger Land. Gemeinsam mit fünf angestellten Mitarbeitern und 60 ehrenamtlich Engagierten betreut sie Behinderte zu Hause und bietet ein gigantisches Freizeitangebot für jedes Alter, Interesse und für fast alle körperlichen wie geistigen Voraussetzungen. Eines der Angebote ist die besagte Pyjama-Party, auf die sich einige mit schön frisierten Haaren und teilweise geschminkt ganz besonders vorbereitet haben. Und dann geht der Spaß los: geselliges Beisammensein, Tischfußball, Billard, essen und viel gemeinsames Lachen erwartet die Gäste der Feier.
Ich-Zeit für die Eltern
Ein behindertes Kind zu haben, wirbelt für die meisten Eltern das ganze bisherige Leben durcheinander. Neben der Schuldfrage („Was hätte ich in der Schwangerschaft anders machen können?“) kommt auf die Familien eine immense Belastung zu, und das in sozialer, finanzieller und zeitlicher Hinsicht. Zumindest beim zeitlichen Aspekt kann der FED der Lebenshilfe die Eltern im Rahmen der häuslichen Betreuung unterstützen. Die Betreuer kommen zum Behinderten nach Hause und kümmern sich um ihn, während seine Eltern eigene Arzt-Termine wahrnehmen oder sich eine kurze Auszeit gönnen können.
Für die Eltern wie auch für die Behinderten selbst ist dies oft ein großer Schritt: Häufig haben die teilweise erwachsenen behinderten Menschen jahrelang abgeschottet von der Außenwelt gelebt; und dann kommt da „plötzlich“ eine fremde Person ins Wohnzimmer, und will „Mensch ärgere Dich nicht“ spielen. „Wir sind oft der erste Schritt im Loslöse-Prozess“, weiß Regina Fritsch aus Erfahrung. Der „Vertrauensvorschuss“, eine fremde Person ins eigene Heim zu lassen, entpuppt sich allerdings für gewöhnlich als richtig: „Das ist das Beste, das wir machen konnten“, bringen viele Eltern ihre Erleichterung auf den Punkt.

Belinda Oppel (vorne) und Angela Onofrasch haben bereits bei der Vorbereitung auf die Pyjama-Party viel Spaß. | Foto: Stefanie Camin2019/10/DSC_6459.jpg


Offene Behindertenarbeit
Ein weiteres Angebot der Lebenshilfe im Nürnberger Land ist die offene Behindertenarbeit. Alle möglichen Freizeit- und Ferienprogramme von Bowling über Tretbootfahren bis zum Wandern lassen keine Wünsche übrig. Zu den regelmäßigen Events gehören unter anderem inklusive Angebote im Jugendtreff Gleis 3 wie die Pyjama-Party oder Gruppen, die gemeinsam in die Kneipe, in die Disco oder zum Sport gehen. Junge Damen ab zehn stehen auf den „Mode & Beauty“-Nachmittag mit Nägeln lackieren und schminken. „Wasserwellness“ richtet sich in vier Gruppen an die unterschiedlichen Schwimmkünste: Von der Gruppe 1 für Schwimmer bis zur Gruppe 4 für schwerbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die einer besonderen Unterstützung bedürfen. „In dieser Gruppe habe ich einen hochgradig spastischen Jungen im Boot auf dem Happurger Baggersee einfach nur gehalten. Durch die leichte Bewegung des Bootes hat er sich so entspannt, wie ich ihn vorher noch nicht erlebt hatte“, schwärmt Regina Fritsch von einem Erlebnis.
Gemeinsam mit dem Hospizteam Nürnberg hat die Lebenshilfe einen weiteren, ganz besonderen Treff ins Leben gerufen: Kinder, deren Geschwister behindert oder todkrank sind, müssen oft besonders viel Rücksicht nehmen und zurückstecken. In diesem Rahmen können sie offen über ihre Belastung reden („Darf ich auch mal sauer sein auf meinen behinderten Bruder?“), mit anderen Gleichgesinnten ungezwungen spielen und Spaß haben. Die Nachfrage war so groß, dass die Kinder und Jugendlichen inzwischen auf zwei Gruppen aufgeteilt sind.

Larissa Hopferwieser, 51, Erzieherin: „Beim Familienentlastenden Dienst bin ich seit zwei Jahren und organisiere viele der Gruppenaktionen, zum Beispiel die ‚Wasserwellness‘. Ich mag meinen Job, weil ich hier kreativ sein kann. Privat bin ich beim Kickboxen, jetzt möchte ich bei der Lebenshilfe ein entsprechendes Projekt ins Leben rufen. Wir geben behinderten Menschen die Chance, an ‚ganz normalen‘ Aktivitäten teilzunehmen.“ | Foto: Stefanie Camin2019/10/Larissa-Hopferwieser.jpg
Dagmar Cersowsky, 65, ehrenamtliche Mitarbeiterin: „Nachdem ich vorher 15 Jahre im Wohnbereich gearbeitet habe, betreue ich seit meinem Ruhestand seit fast einem Jahr Angehörige, die mal eine Weile ‚durchschnaufen‘ möchten. Ich gehe mit den Behinderten spazieren, ein Eis essen, unterhalte mich mit ihnen, lese die Zeitung vor … Mir gefällt es, mich ganz auf den jeweiligen Menschen einzulassen und ein paar schöne Stunden mit ihm zu verbringen.“ | Foto: Stefanie Camin2019/10/Dagmar-Cersowsky.jpg


Ehrenamtliche gesucht
Jeder, der mit diesen besonderen Menschen zusammenarbeiten darf, weiß die „großen Momente“ zu schätzen. Für Regina Fritsch ist dies ihr „Gänsehaut“-Erlebnis: Ein extrem behinderter Junge, der nicht sprechen kann, hatte sich von Anfang an aggressiv verhalten. Er zerstörte alles, was nicht schnell genug in Sicherheit gebracht werden konnte, und wenn sie sich nicht rasch geduckt hätte, wäre der Einrichtungsleiterin sogar eine Kaffeetasse an den Kopf geflogen. Eines Tages ließ sie ihn im Nessenbach neben dem Gebäude der Lebenshilfe in Lauf-Schönberg spielen. Mit leuchtenden Augen lief der klatschnasse Junge auf sie zu – und umarmte sie.
Um den Behinderten und ihren Angehörigen ein paar schöne Stunden zu ermöglichen, bedarf es vieler engagierter Ehrenamtlicher. Wer gerne mit Menschen zu tun hat, über 18 ist und einen Führerschein besitzt, kann sich gerne bei Regina Fritsch melden: (09123) 97 50-288 oder [email protected].

FAKTEN
FAMILIENENTLASTENDER DIENST DER LEBENSHILFE:

Angebot: Entlastung von Familien mit behinderten Menschen und offene Behinderten-arbeit mit großem Freizeitangebot
Gründung: 1989 Familienentlastender Dienst, 1969 Lebenshilfe im Nürnberger Land
Mitarbeiter: 5 Angestellte, 60 Ehrenamtliche
Motto: Spürbar menschlich

KONTAKT Lebenshilfe im Nürnberger Land e. V.:
Nessenmühlstraße 35
91207 Lauf/Schönberg
(09123) 97 50 0
www.lebenshilfe-nbg-land.de

N-Land Stefanie Camin
Stefanie Camin