24 Stunden, 24 Unternehmen: Retorte

Selen: toxisches und lebensnotwendiges Spurenelement in einem

Grit Monse, Leiterin Qualität bei der Retorte, hält ein Reaktionsgefäß mit einem halben Gramm Natriumselenit hoch, das schlussendlich in rund eine Tonne Futter vermischt den Tieren das Spurenelement Selen zuführt. Fotos: Stefanie Camin2020/08/24h-20-retorte-01.jpg

Von wegen, nur New York ist die Stadt, die niemals schläft. Auch hier in dieser Serie stellen wir 24 regionale Betriebe aus unterschiedlichen Branchen vor. Jedes Unternehmen bekommt dabei eine Stunde, und das acht Wochen lang; jede Woche drei Firmen. Die Stunde zwischen 2 und 3 Uhr gehört heute der Retorte GmbH.

Röthenbach. In diesem großen Gebäude am östlichen Ortsrand von Röthenbach dreht sich alles um ein Produkt, das faszinierende Eigenschaften besitzt: Zu wenig davon ist schädlich – und zu viel auch. Anders gesagt: Der Grat zwischen lebensnotwendig und lebensbedrohlich ist bei diesem Element sehr schmal.

Damit dieser Spagat gelingt, hat sich die Firma Retorte in den vergangenen 70 Jahren zum weltweiten Spezialisten für Selen entwickelt. Selen ist ein Halbmetall der sechsten Hauptgruppe und eng mit Schwefel verwandt. Dieses Spurenelement spielt unter anderem eine wichtige Rolle als Antioxidans (bekämpft schädliche freie Radikale), im Immunsystem sowie bei der Produktion von Schilddrüsenhormonen und von Spermien. Ein Mangel betrifft den gesamten Organismus; Anzeichen können sein: Krankheitsanfälligkeit, Fingernägel mit weißen Flecken, schuppige und blasse Haut, Störung der Leber, Gelenkbeschwerden, Bluthochdruck oder Müdigkeit.

Der Körper – ob vom Menschen oder vom Tier – kann Selen nicht selbst herstellen. Das Spurenelement Selen kommt vor allem in Fisch und Meeresfrüchten, Eiern, Getreide sowie Milchprodukten vor. Allerdings hängt der Selengehalt der Nahrungsmittel von der Selenkonzentration im Boden ab; und der ist in Mitteleuropa generell sehr niedrig. Insofern ist es für uns hier lebende Menschen schwierig, den Selenbedarf durch die Nahrung ausreichend zu decken. Zu den wichtigsten Selenlieferanten zählen tierische Lebensmittel.

Dosis macht das Gift
Schon Paracelsus sagte: „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Seine Aussagen treffen auch heute noch in vielen Bereichen zu, beispielsweise im Sport, beim Alkohol oder eben beim Selen. Eine Überdosierung kann zu Durchfall, Übelkeit, Bauchschmerzen, Müdigkeit oder Haarausfall führen.

Know-how seit Jahren
So begann alles: Im Jahr 1948 hat der Nürnberger Ulrich Scharrer das kleine Nürnberger Chemieunternehmen RETORTE gekauft und stellte das Sortiment schon bald um von Schuhcreme, Zahnpasta und Friseurbedarf auf Reinselen. 1972 hat er seinen Betrieb an die NORDDEUTSCHE AFFINERIE verkauft, die heute unter Aurubis AG firmiert. Im Jahr 2007 trug man der Tatsache Rechnung, dass das Unternehmen 90 Prozent seines Umsatzes auf dem Weltmarkt generiert, und benannte die Firma um in RETORTE GmbH Selenium Chemicals & Metals.

Nebenprodukt Selen
Die Aurubis AG mit Sitz in Hamburg hat sich als international größter Kupfer-Recycler etabliert und gewinnt aus Kupferkonzentraten, Altkupfer sowie Recyclingstoffen hochreines Kupfer, das sie weiterverarbeitet. Bei Kupfer handelt es sich übrigens um ein Metall, das beliebig häufig ohne Qualitätsverluste recycelbar ist. Kupfer findet sich überall: Wegen seiner extremen Leitfähigkeit in der Kommunikationstechnik und in elektrischen Leitungen, in Autos (über 23 Kilogramm in klassischen Wagen, etwa dreimal so viel im E-Auto) in Gebäuderohren oder in Dächern.

Bei der Verarbeitung von Kupfer wird Selen aus den sogenannten Anodenschlämmen quasi als Nebenprodukt abgetrennt. Aus einer Tonne Kupferkonzentrat gewinnt Aurubis gerade einmal rund zehn Gramm Selen. Und hier kommt die Retorte ins Spiel.

Neben der industriellen Produktion wie Selen-Pulver, -Granulat oder -Pellets verarbeitet die Retorte Selen in chemischen Prozessen zum Verbindungsstoff Natriumselenit. Denn Selen ist nicht wasserlöslich, es kann weder vom menschlichen noch vom tierischen Körper aufgenommen werden. Weiterverarbeitet zu Natriumselenit kann es dagegen seine Wirkung im Nahrungsergänzungsmittel für Menschen oder im Futtermittel für Nutztiere entfalten.

2020/08/24h-20-retorte-03.jpg

Die Mischung macht‘s
Ein halbes Gramm Selen wird letztendlich durchschnittlich in einer Tonne Tierfutter verteilt. Bildlich dargestellt: Zwei größere Sandkörner (eines wiegt rund zwei Milligramm) kommen auf das Gewicht eines Bullen. Weil Selen jedoch bei einer Überdosierung toxisch wirken kann und die Dosierung entsprechend kritisch ist, bietet die Retorte ihren Kunden einen besonderen Service: Sie verdünnt das Natriumselenit mit einem neutralen Stoff namens Futterkalk. Letzteres deckt den Calciumbedarf der Tiere ab und neutralisiert das giftige Natriumselenit. Eine Tonne der Mischung als übliche Charge für Futtermittelhersteller besteht aus 100 Kilogramm Natriumselenit und 900 Kilogramm Futterkalk. Der Futtermittelhersteller gibt dann das jeweilige Futter zu. Und das nicht nur bei großen (Nutz-)Tieren, Selen findet sich unter anderem auch im Katzen- oder Hundefutter.

„Die Milch der Kühe erhalten nicht die Kälber, sondern der Mensch“, so Grit Monse, Leiterin Qualität bei der Retorte. „Von den Tieren wird viel erwartet; sie sollen schnell wachsen und viel Milch geben … neben der Wirtschaftlichkeit geht es bei der optimalen Ernährung mit Selen ums Tierwohl.“ Ihr Kollege Markus Roas, Produktmanager Futtermittelzusatzstoffe, ergänzt: „Heute gebären Sauen oft mehr Ferkel, als sie Zitzen haben. Früher wären diese überzähligen Tiere durch die Natur oder durch den Bauern selektiert worden, heute haben die Muttertiere genug Milch für alle Ferkel, weil sie bestmöglich mit Selen & Co. versorgt werden.“

Markus Roas, Produktmanager Futtermittelzusatzstoffe, steht vor einer Tonne abgepacktem Natriumselenit gemischt mit Futterkalk.2020/08/24h-20-retorte-02.jpg

Und damit die strengen Vorgaben eingehalten werden, reguliert die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) den Futtermittelsektor sehr streng. Der Futtermittelhersteller oder -zulieferer muss in einem ausführlichen Zulassungs-Dossier beweisen, dass seine Zusatzstoffe dem Tierwohl dienen. Die Retorte kann dies belegen; sie ist nach der FAMI-QS zertifiziert, einem Qualitäts- und Sicherheitsmanagementsystem für Futtermittel.

FAKTEN & KONTAKT:
Branche: Chemie
Gründung: 1866 Aurubis, 1948 Retorte
Mitarbeiter: 40
Export: 90 % weltweit

RETORTE GmbH
Selenium Chemicals & Metals
Sulzbacher Straße 45
90552 Röthenbach
(09 11) 95 33 74-0
www.retorte.de

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren