Landwirte berichten

Schweinerei? Bauern stehen immer öfter unter Druck

Ferkel-Bauer Reinhard Zimmermann bedauert, dass mit Russland der Markt für fette Schweine weggebrochen ist. Foto: S. Camin2014/11/5_2_1_2_20141118_BAUERN.jpg

HERSBRUCK – Gesetzliche Änderungen lassen Milchbauern im Dunklen, starke Konkurrenz macht den Ferkelerzeugern zu schaffen. Dabei wäre es heute leichter denn je, Schuldige für die sinkenden Gewinne der Bauern zu finden: Putin mit seiner Russlandpolitik, Discounter mit ihrem Preisdruck – doch die Bauern in der Umgebung sehen die Probleme auch an anderer Stelle. Warum sich Milchbauern Kühe mit Wasserhähnen und Ferkelzüchter wieder stabile Preise wünschen:

Los ging alles mit dem Ukraine-Konflikt und den daraus resultierenden westlichen Wirtschaftssanktionen. Russlands Reaktion ließ nicht lange auf sich warten, und Putin verhängte Einfuhrbeschränkungen für Agrarprodukte aus der Europäischen Union. Genau in diesem sogenannten Russland-Embargo sieht Günther Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes Mittelfranken, den Verursacher für die Erlösrückgänge vieler Bauern. Zu viel produzierte Menge auf der einen Seite und Russland als fehlender Nachfrager auf der anderen Seite – und die Discounter nutzen diese Marktveränderungen, indem sie obendrein einen starken Preisdruck ausüben; so lautet Felßners weiterer Vorwurf. „Letztendlich zahlen somit die Bauern die Zeche!“, fasst er zusammen.

Milchbauer Peter Singer bewirtschaftet seinen Hof in Großviehberg seit 30 Jahren und hat rund 90 Milchkühe. Er verdeutlicht: „Im Frühjahr lag der Grundpreis bei 40 Cent pro Liter Milch, inzwischen ist er bei 36 Cent. Auch ohne Russland wäre der Milchpreis zurückgegangen, aber nicht so drastisch.“ Hoffnung auf bessere Zeiten hat er nicht: „Meine Prognose ist eher düster, weil Russland weiterhin keine Importe zulässt. Das trifft uns sehr hart.“ Allein beim Käse war Deutschland bis zu Putins Einfuhrbeschränkung Hauptexporteur. „Vorher haben die Molkereien ein Kilogramm Schnittkäse für 4 Euro an die Discounter verkauft, jetzt liegt der Preis bei 3 Euro. Entsprechend weniger verdienen wir Milchbauern daran. Nur: Man braucht weiterhin 10 Liter Milch, um 1 Kilogramm Käse zu produzieren; an den Kosten hat sich nichts geändert. Wir hoffen alle, dass Putin wieder aufmacht: Die Leute in Russland haben das Geld und wir die gute Qualität.“

Zum Vorwurf Felßners, die Discounter drückten die Preise aufgrund ihrer Marktmacht, gibt Singer folgendes zu bedenken: „Die Discounter geben uns Milchproduzenten den Preis vor, und das fällt ihnen besonders leicht, wenn wir zu viel Milch übrig haben – so wie es aktuell der Fall ist. Sie machen die Lebensmittel zum Lockmittel. Ich verstehe, dass jeder Käufer im Supermarkt günstig seine Milch einkaufen will. Doch ohne Gewinn können wir Bauern nicht leben.“

Daneben drückt der Schuh noch an einer anderen Stelle: Die Unsicherheit, wie es nach dem März 2015 weitergeht, wenn die gesetzlich vorgeschriebene Milchquote abgeschafft wird. Hintergrund ist dieser: Die im Jahr 1983 eingeführte Milch-Garantiemengen-Verordnung (MGV) legte die auf dem jeweiligen Bauernhof im Basisjahr 1983 gelieferte Menge an Milch als Quote fest. Jeder über diese Quote hinausgehende, verkaufte Liter Milch kostete einige Cent Strafe.

Milchbauern konnten während der dreimal jährlich stattfindenden Börsentermine entweder ihre Quote durch Ankauf erhöhen oder durch Verkauf senken; letzteres beispielsweise, wenn Kühe verkauft wurden oder der Hof aufgegeben wurde. Die letzte dieser Börsen fand am 1.10. statt, zum 1.4.2015 wird die MGV abgeschafft. Wer jetzt über seiner erlaubten Quote Milch produziert, hat ein Problem: Der Strafbetrag wird laut Singer für die letzten Monate bis zur Abschaffung der MGV auf etwa 20 bis 25 Cent pro Liter erhöht. Der Milchbauer steht bei einer überschrittenen Quote vor der Wahl, Milch wegzuschütten oder nur noch mit einer minimalen Marge zu verkaufen. Jetzt die Milchproduktion künstlich zu verringern, indem man Kühe verkauft, hält er für keine Lösung, denn ab April 2015 kann jeder so viel Milch liefern, wie er möchte. „Aber mein Vieh hat keinen Wasserhahn, den ich für einige Zeit zudrehen kann“, fasst Singer sein Dilemma für die nächsten Monate zusammen. „Ob die Milchmenge ohne Quote im nächsten Frühling explodiert, ist unklar – andererseits fehlt der Anreiz für Neueinsteiger, da wir aktuell so wenig Geld pro Liter Milch von den Molkereien erhalten.“

Familie Zimmermann in Arzlohe geht ihrem Geschäft als Ferkelerzeuger bereits seit rund 40 Jahren nach. Alle drei Wochen werfen bei ihnen 16 Sauen 180 bis 200 Ferkel. Junior-Chef Reinhard Zimmermann ist am Ende seines Bachelor-Studiums zum Landwirt und wirft einen Blick auf die gesamte Lage. Er sieht das Hauptproblem im Überangebot: Viele Schweinehalter haben die Produktion ausgeweitet. Außerdem gehen Wettbewerber aus den Niederlanden und Dänemark über die großen Mengen, dadurch können sie zu einem günstigeren Preis anbieten. „Der Preiskampf hat längst begonnen, und den Preis legen die Discounter und Supermärkte fest.“ Auch wenn seine Abnehmer eher kleine Landwirte, Metzger oder Mäster sind und keine großen Schlachthöfe, welche die Discounter beliefern, unterliegt er den von Supermärkten vorgegebenen Preisen. Laut Zimmermann fand seit Juli ein Preisverfall statt, der Mitte Oktober seinen Tiefstand erreichte. Das Rekordtief lag bei 25 Euro weniger pro Ferkel, das entspricht einem Minus von 40 Prozent. Zuletzt gab es Anfang 2011 ein so geringes Preisniveau, danach waren die Preise wieder stabiler.

Zimmermann kommt auch auf die Einfuhrbeschränkung Russlands zu sprechen: „Während in Deutschland mageres Schwein nachgefragt wird, fanden fette Schweine oder fette Teile vom Schwein wie der Bauch in Russland dankbare Abnehmer. Und nun fehlt uns dieser Markt – aktuell will keiner mehr fette Schweine.

N-Land Stefanie Camin
Stefanie Camin