Mit Liebe und Teddy weiterschlafen

Institutsleiterin Mechthild Gahbler mit der kleinen Carla. | Foto: Stefanie Camin2019/09/Quer-oben-1.jpg

In dieser Serie stellen wir 24 regionale Betriebe aus unterschiedlichen Branchen vor. Jedes Unternehmen bekommt dabei eine Stunde, und das acht Wochen lang; jede Woche drei Firmen. Was in der Stunde zwischen 4 und 5 Uhr im Blindeninstitut Rückersdorf passiert, lesen Sie hier. Um diese Zeit betreuen Daniela Holfelder und Sabine Thomys, beide Mitarbeiterinnen der Nachtschicht, die Kinder und Jugendlichen, die im Blindeninstitut Rückersdorf leben. Tröstende Worte, eine liebevolle Umarmung, ein russisches Lied, der in den Arm gelegte Teddy … die beiden und ihre Kollegen wissen genau, was diese ganz besonderen Menschen brauchen, wenn sie nachts nicht schlafen können.

Rückersdorf.
Es ist vier Uhr morgens. Ein Mädchen weint in ihrem Zimmer – sie hat von grünen Monstern geträumt, jetzt hat sie Angst und kann nicht weiterschlafen. Ohne nachzudenken, weiß Daniela Holfelder: Das ist die achtjährige Sarah. Sofort geht sie in ihr Zimmer, nimmt die Kleine tröstend in die Arme, schunkelt sie leicht, spricht beruhigend auf sie ein. Daniela Holfelder ist medizinische Fachkraft im Blindeninstitut Rückersdorf und hat gerade Nachtschicht. Hier am Dachsberg schlafen 40 wunderbare und spezielle Kinder wie Sarah, die ihre ganz eigenen Bedürfnisse und Themen im Leben haben: Diese Kinder sind blind oder sehbehindert sowie geistig und teilweise auch stark körperlich behindert.
Russisches Schlaflied
Während Daniela Holfelder die kleine Sarah überzeugt, dass alle Monster verjagt sind, kümmert sich ihre Kollegin, Kinderkrankenschwester Sabine Thomys, im Nachbargebäude um den neunjährigen Grigor. Er ist blind und körperlich schwerbehindert – und ihm ist ein kleines Malheur passiert. Während sie seine Windeln wechselt, singt sie ihm ein Schlaflied aus seiner Heimat vor. Auf Russisch. Dieses Lied hat sie extra für Grigor gelernt. Und es funktioniert: Nach den ersten Takten des ihm bekannten Liedes huscht ein Lächeln über seine Lippen, und er kuschelt sich wieder zurück ins Bettchen.

Patricia kann nicht schlafen, deswegen kuschelt Sabine Thomys sie liebevoll in den Schlaf. | Foto: Stefanie Camin2019/09/Quer-unten-bitte-minimal-aufhellen-_naechtliche-Stimmung-mit-Taschenlampe-soll-erhalten-bleiben.jpg


Die beiden Mitarbeiterinnen betreuen in ihrer Nachtschicht jeweils 20 Kinder, die in kleinen, überschaubaren Gruppen zusammenleben und die alle ihr eigenes Zimmer haben. Die Kinder sind Daniela Holfelder und Sabine Thomys sowie all ihren Kollegen aus den anderen Schichten über die vielen Jahre hinweg extrem vertraut geworden und ans Herz gewachsen.
Hier im Blindeninstitut Rückersdorf sind manche Kinder teilweise körperlich so eingeschränkt, dass sie sich nicht selbst umdrehen können – dann ist es die Aufgabe der Fachkräfte, sie umzulagern, damit sie nicht wundliegen. Einige Kinder benötigen regelmäßig Medikamente, die sie – teilweise per Sonde – erhalten. Bei anderen handelt es sich um sogenannte Anfallkinder; sie leiden unter epileptischen Anfällen. Wenige Kinder schlafen durch; die meisten liegen wegen ihrer Behinderung nachts oft und lange wach. Für jedes Kind haben die Betreuer ein individuelles „Rezept“: Bei Maria hilft es, Licht anzuschalten, Max mag klassische Musik und Hannah wiederum beruhigt es, wenn man ihr den Teddy in den Arm drückt.
Schule am Dachsberg
Sobald die Nacht vorbei ist, wird sich der Hof mit 40 Kleinbussen füllen: Neben denen, die hier wohnen, besuchen rund 90 weitere Kinder die Schule am Dachsberg. Diese bietet den Unterricht in der Grund-, Mittel- und Berufsschulstufe in jahrgangsübergreifenden Klassen an. Was diese Schule besonders macht, sind einerseits die Kinder und andererseits der hauseigene Ansatz, jedes Kind ganz individuell im Rahmen seiner Möglichkeiten zu unterstützen und es so zu fördern, dass es möglichst selbständig handeln kann.
Einen großen Raum nimmt das Thema Sehen ein: Die Lehrkräfte und Pädagogen unterstützen die Kinder dabei, vorhandenes Sehvermögen bewusst einzusetzen und zu trainieren. Auch die weiteren Sinne werden hier gestärkt: Hören, Riechen, Tasten oder Schmecken werden spielerisch vermittelt. Freude und Begeisterung gibt es auch bei den Klassenausflügen, die einen gigantischen Aufwand hinter den Kulissen bedeuten. Jedes der Kinder im Rollstuhl (Rolli) braucht dabei einen Helfer, der ihn schiebt. Hier kommen ehrenamtlich engagierte Menschen ins Spiel, die dazu beitragen, den Kindern diese Freude zu bereiten.

Daniela Holfelder, 49, medizinische Fachkraft:
„Ich arbeite seit 22 Jahren hier. Pro Nachtschicht betreue ich 20 Kinder im gelben Stern – die drei Wohnhäuser sind sternförmig angeordnet, und damit wir sie unterscheiden können, hat jedes eine andere Farbe. Ich mache stündlich einen Kontrollgang, ansonsten höre ich es, wenn ein Kind weint oder schreit. Mir gefällt der Mix aus medizinischen und pädagogischen Anforderungen in meiner Arbeit.“
| Foto: Stefanie Camin2019/09/Daniela-Holfelder_aufhellen.jpg
Sabine Thomys, 48, Kinderkrankenschwester:
„Im Krankenhaus hat man ein Kind eine Woche lang, hier darf ich es jahrelang betreuen. Ich lerne die Kinder ganz anders kennen; was sie brauchen, was sie mögen, was sie beruhigt. Eines zum Beispiel beruhigt sich durch den Ton einer Klangschale. Sie wachsen einem in der langen Zeit einfach ans Herz! Ich arbeite gern hier, weil es ein wertschätzendes Miteinander ist.“
| Foto: Stefanie Camin2019/09/Sabine-Thomys_Gelbstich-raus.jpg


Einige der Kinder werden direkt nach der Schule nach Hause gebracht, andere verbringen den Nachmittag in der heilpädagogischen Tagesstätte. In dieser erhalten die Kinder ein leckeres und gesundes Mittagessen, individuelle Ruhezeiten, sehbehinderten- und blindenspezifische Übungen, Aktivitäten wie den „Rolli-Tanz“ oder gemeinsame Zeit am geländeinternen Spielplatz, auf dem auch nichtbehinderte Kinder aus Rückersdorf und Umgebung willkommen sind.
Zwei glückliche Jungs
Flankierend erhalten die Kinder medizinische oder psychologisch-päda-gogische Therapien. Institutsleiterin Mechthild Gahbler erzählt, wie sie immer wieder selbst von so manchem Erfolg überrascht und gerührt ist: Lukas und Leon, zwei schwerstbehinderte zehnjährige Buben, die für gewöhnlich im Rollstuhl sitzen oder die Welt liegend vom Bett aus sehen, wurden mithilfe sogenannter Stehständer aufgerichtet. Dass durch diese aufrechte Haltung ihr Stoffwechsel, das Herz-Kreislauf-System, die Atmung und auch die Verdauung stabilisiert und angeregt werden, war den beiden weder bewusst noch hat es sie interessiert. Aber plötzlich passierte ein Feuerwerk in ihrer beider Mimik; sie sahen sich gegenseitig an, und obwohl sie nicht miteinander reden können, haben sie dennoch in derselben Sprache kommuniziert.
Das gesamte Angebot des Blindeninstituts Rückersdorf steht unter www.blindeninstitut.de, wo auch unter der Rubrik „Kunst & Kultur“ die Termine von Ausstellungen und Konzerten regionaler Künstler zu finden sind.

FAKTEN Blindeninstitut Rückersdorf
Gründung: 1984, Neubau in Rückersdorf 1994
Größe: nutzbare Fläche ca. 8600 m² auf großem, zum Teil waldbestandenem Grundstück
Mitarbeiter: ca. 300 + 20 Ehrenamtliche
Das Herz des Blindeninstituts: 160 Kinder zwischen 3 und 20 Jahren

KONTAKT
Blindeninstitut Rückersdorf
Dachsbergweg 1
90607 Rückersdorf
09 11 / 95 77 – 0
www.blindeninstitut.de

N-Land Stefanie Camin
Stefanie Camin