DGB-Kundgebung in Röthenbach

In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?

Maikundgebung
Rudi Lutz, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Nürnberg, rief die über 200 Zuhörer am Röthenbacher Luitpoldplatz dazu auf, sich für eine gerechtere Gesellschaft stark zu machen. | Foto: Braun2017/05/maikundgebung-dgb-roth-rudi-lutz-publikum2.jpg

RÖTHENBACH — Kämpferisch gaben sich die Redner der Maikundgebung des DGB-Ortskartells Röthenbach auf dem Luitpoldplatz. Vor über 200 Zuhörern warnten sie am Tag der Arbeit vor Niedriglöhnen, steigender Alters­armut und einem Rechtsruck in der Gesellschaft.

Passend zum diesjährigen Motto „Wir sind viele – wir sind eins“ wies Eduard Schottenhammer, der Vorsitzende des DGB-Ortskartells Röthenbach, auf die Bedeutung der Gewerkschaften hin. Deren Aufgabe sei es, sich weiter für gute Arbeitsbedingungen, gerechte Bezahlung und Mitbestimmung einzusetzen und so der wachsenden Spaltung der Gesellschaft entgegen zu wirken. Für Schottenhammer selbst, der die Veranstaltung am 1. Mai seit Jahren organisiert, gab es viel Lob von allen Seiten. Er ließ es sich – trotz angeschlagener Gesundheit – nicht nehmen, die vielen Ehrengäste und Interessierten zu begrüßen.

Bürgermeister Klaus Hacker  freute sich über die Toleranz und Offenheit der Röthenbacher Bürger. Es stimme in traurig, dass es in anderen Kommunen Proteste gegen geplante Soziale Wohnbauprojekte oder die Ansiedlung von Flüchtlingen in der Nachbarschaft gebe. Es mache ihn stolz, dass es in Röthenbach dagegen einen aktiven Asylhelferkreis und keinerlei Beschwerden beispielsweise gegen das Soziale Wohnbauprojekt in Steinberg II gebe.

„Armut in einem Land hat auch immer mit Reichtum zu tun“, sagte Hauptredner Rudi Lutz, zweiter Bevollmächtigter der IG Metall Nürnberg. Denn damit Einer immer reicher wird, müssten viele Andere für wenig Geld schuften. Minijobs, Niedriglöhne und Leiharbeit sorgten dafür, dass Beschäftigte gute Arbeit leisteten, ohne entsprechend entlohnt zu werden. „Eine Familie kann man davon nicht ernähren“, betonte Lutz. Das „Allerletzte“ seien Unternehmen, die sagten: „Wir sind gut, weil wir den Mindestlohn zahlen“, so Lutz. „Nein, das seid ihr nicht! Ihr haltet euch nur an das Gesetz. Ich bin doch auch kein Held, weil ich keine Banken überfalle!“, schimpfte er und erntete dafür Applaus.

Auch mit der Politik ging der Gewerkschafter hart ins Gericht. Die Einführung von Hartz IV habe Menschen erst in den Niedriglohnsektor getrieben: „Früher hätten sie für so wenig Geld nicht gearbeitet. Aber heute werden ja gleich Bezüge gestrichen, wenn man einen Job ablehnt.“ Lutz reichen die Korrekturvorschläge von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nicht aus. „Wir müssen Hartz IV grundlegend ändern.“

Denn niedrige Löhne führten später zu niedrigen Renten, leitete er über zum nächsten Kritikpunkt. Dabei sei die Rente nicht nur ein Thema für Senioren, sondern auch für die Jugend. Denn die müsste sich schon heute Gedanken machen, wie sie im Alter genügend Geld zum Leben haben soll. „Wer heute weniger als 2800 Euro netto hat, wird später Grundsicherung im Alter brauchen, wenn wir so weitermachen“, warnte er.

Wer 45 Jahre in die Rentenversicherung einbezahlt hat, habe heute einen Anspruch auf durchschnittlich 1300 Euro Rente – 2030 werden es noch knapp über 1000 Euro sein. „Wie soll man denn in ein System vertrauen, in das man einbezahlt und am Ende fast nichts rausbekommt?“ „Es kann doch nicht sein, dass eine der reichsten Gesellschaften der Welt sich ältere Menschen nicht leisten kann“, wetterte er. Deutschland brauche eine Rente, die ein menschenwürdiges Leben ermögliche.

Da wundere es ihn nicht, „dass irgendwelche Wahnsinnigen der AfD hinterher laufen“. Er sei froh, dass Frauke Petry es nicht geschafft habe, „diesem faschistischen Verein einen bürgerlichen Anstrich zu geben.“ An die Politiker gerichtet sagte er, die CSU solle „nicht am rechten Rand fischen“ und die SPD sich über die Fehler der Vergangenheit klar werden und wieder „echte Sozialpolitik machen.“

Berichte aus den Betrieben

Wie es in den größten Röthenbacher Unternehmen aussieht, zeigten die kurzen Berichte der Betriebsräte. So investiert Diehl Metall in diesem Jahr 17 Millionen Euro in eine neue Presse für den Messing-Bereich. Bei den Stahlsynchronringen soll die Produktion verschlankt werden, sodass man die derzeit 40 beschäftigten Leiharbeiter wohl zum Ende des Jahres nicht mehr benötigen werde. Neue Mitarbeiter sucht dagegen Diehl Defence, die derzeit 410 Mitarbeiter beschäftigt.

Schwere Jahre hat Graphite Cova hinter sich. Das Unternehmen spürt bis heute die Auswirkungen der Wirtschaftskrise und konnte nur durch die Unterstützung des Mutterkonzerns Graphite India überleben, so Betriebsratsvorsitzender Klaus Höninger. Auch wenn der Markt für Grafitprodukte derzeit wieder anziehe, sei die Produktion in Röthenbach noch nicht voll ausgelastet.

Zum ersten Mal stellten sich auch die Diepersdorfer Bolta-Werke vor, unter deren 1400 Mitarbeitern viele Röthenbacher sind. Das Unternehmen ist in einer enormen Wachstumsphase, betonte Betriebsratsvorsitzender Erwin Neidiger. Allein 2016 wurden 126 neue Kollegen eingestellt, 70 Leiharbeiter in unbefristete Arbeitsverhältnisse überführt und 15 Auszubildende unbefristet übernommen.

Viel Applaus gab es für Kabarettist Bernd Regenauer, der die Zuhörer mit lustigen, aber auch gesellschaftskritischen Tönen zu unterhalten wusste. So nahm er nicht nur Markus Söder und sein Heimatministerium auf die Schippe, sondern auch den Franken an sich, der, trotz allem, mit seinem besonderen Charme überzeuge („Mir sin‘ a mir, odder?“).

Umrahmt wurde die Veranstaltung außerdem von einem Sketch der Gruppe „ANA“ (Aktionsgemeinschaft Nürnberger Arbeitsloser) aus Nürnberg und der Röthenbacher Stadtkapelle. Für das leibliche Wohl war gesorgt.

Maikundgebung Röthenbach Ehrung Schreier
Erich Schreier (links) wurde von Bürgermeister Klaus Hacker und Edi Schottenhammer (rechts) für 70 Jahre Mitgliedschaft in der Gewerkschaft geehrt. | Foto: Braun2017/05/schreier-hacker-schottenhammer-maikundgebung-dgb-roth.jpg
N-Land Tina Braun
Tina Braun