Hersbrucker Gremium hatte Experten eingeladen

IHK-Abend zum Thema Zuwanderung

Raiffeisenbankvorstand Swen Heckel (links) sprach als Hersbrucker IHK-Gremiumssprecher die einleitenden Worte beim Informationsabend über „Chancen und Risiken“ der Zuwanderung. Foto: Scholz2016/02/6984285.jpg

HERSBRUCK – Die massenhafte Zuwanderung kann nur gelingen, wenn die Neubürger rasch und gut integriert werden. Dafür brauchen sie Jobs. Aber bis dahin ist es für viele der etwa 2400 Asylbewerber im Landkreis oftmals noch ein weiter Weg, wie bei einer Informationsveranstaltung des IHK-Gremiums Hersbruck deutlich wurde. Die Kammer warb vor heimischen Unternehmern für diese potenziellen Fachkräfte, ermöglichte aber auch einen ungeschminkten Blick auf die tatsächliche Lage.

Einige Äußerungen bei der Veranstaltung vor knapp 20 Firmenvertretern im Stadthaus am Schlossplatz ließen aufhorchen. Holger Zeiske zum Beispiel, der für die Arbeitsagentur Nürnberg federführend für Flucht und Asyl zuständig ist, sagte sehr deutlich, dass — außer in Einzelfällen — aktuell noch gar nicht von einer Beschäftigung der Zuwanderer gesprochen werden könne.

Inzwischen gebe es zwar „sehr viele gute Instrumente“ und die Agentur steige früh ein, selbst wenn ein Asylbewerber noch nicht anerkannt ist, aber: „Es hat sich gezeigt, dass nicht jeder den Integrationskurs im ersten Anlauf besteht.“ Es klingt an, dass dies häufiger der Fall ist. Die fehlende Kenntnis der lateinischen Schrift sei dabei ein großes Thema, sagt Zeiske, weil die meisten Asylbewerber aus Syrien und dem Irak kommen und darum lediglich arabische Zeichen beherrschen. Wer allerdings schon Englisch kann, sei rasch bereit für Bewerbungen.

Bekanntermaßen ist Sprache für jeden Zuwanderer die Eintrittskarte zu weiterer Bildung und damit zur Integration ins Alltags- und Berufsleben. Aber es geht nicht nur ums Mündliche: Heutige Arbeitnehmer müssen auch passabel bis gut lesen und schreiben können. Sonst scheitern sie schon bei den Prüfungen, die in Deutschland zwingend in deutscher Sprache bewältigt werden müssen. Eine Firmenvertreterin sprach kurz das Thema Führerschein an, den Arbeitnehmer zum Beispiel im Dreischichtbetrieb brauchen. Diese Prüfung, die derzeit bei den Fahrschulen prinzipiell in elf Sprachen möglich ist, aber nicht auf Arabisch, setzt dennoch gewisse Mindestkenntnisse auch in Deutsch voraus. Von den Kosten ist da noch gar nicht die Rede.

Bei all dem geht es natürlich nicht nur um Jugendliche, aber Michael Gebhards Bericht von den Beruflichen Schulen in Lauf beleuchtete stellvertretend die momentane Gesamtsituation. Demnächst unterrichten Berufsschullehrer im Landkreis 13 Klassen mit jeweils etwa 20 Asylbewerbern. Wie viele denn schon in Ausbildung seien, wollte jemand aus dem Publikum wissen. Da sei man noch lange nicht, antwortete Gebhard. Längst gelte nicht mehr, dass Asylbewerbern ein Jahr Vorbereitung genügen müsste, um fit für eine Lehre zu sein. „Jetzt sagt man: Nur die Leistungsstärksten werden es nach dem zweiten Jahr packen“, so der stellvertretende Berufschulchef.

Die Talente und Fähigkeiten seien in einer Klasse zwar nicht anders verteilt als bei Einheimischen, aber: die mangelnde Schriftkenntniss und „fehlende kulturelle Selbstverständlichkeiten“ seien ein echtes Hindernis. Gebhards Beispiel: „Statt zu wissen, dass sie einen Vertrag rechts unten unterschreiben müssen, finden sie die Stelle nicht und malen dann eher Bildchen darunter statt zu unterschreiben.“ Sie müssten vieles von Grund auf lernen.

Am Ende könnten diese jungen Menschen aber durchaus zu guten Fachkräften werden. Dies bestätigte Markus Prögel von der Zeitarbeitsfirma „lfh Nürnberger Zeitarbeit gmbh“, der sich aktiv um Asylbewerber bemüht. Freilich sei nicht jeder geeignet, aber er habe bereits „ganz hervorragende Erfahrungen“ gemacht. Aktuell habe er sechs Zuwanderer zwischen 39 und 45 Jahren beschäftigt, einer habe bereits den Sprung in einen unbefristeten Job geschafft.

Auch er berichtete davon, dass „die Barrieren andere sind“ als bei Einheimischen. Prögel: Manche bräuchten Dinge eben zweimal erklärt, seien dann aber sehr zuverlässig. Er erinnerte daran, dass der Arbeitsmarkt dringend neue Fachkräfte braucht. Gebhard stimmt ihm zu, aber „die Jugendlichen wollen nicht Metzger oder Bäcker werden“, weiß er aus erster Hand. Ihre Erwartungshaltung sei viel höher. Den Fachkräftemangel mit Zuwanderern aufzufangen, hält er für „eine Utopie“.
Werben für Berufe

Frank Richartz von der Wirtschaftsförderung des Landkreises entgegnete, dass an dieser Stelle auch die Arbeitgeber gefragt seien. „Es gilt, Werbung zu machen für bestimmte Berufsbilder.“ Mitte des Jahres gehen die ersten Absolventen der Asylbewerber-Klassen auf Lehrstellensuche.

Doch der Fokus muss erweitert werden: „Auch die Erwachsenen sind eine sehr wichtige Personengruppe“, sagte Yvonne Wetsch von der IHK Nürnberg. Knapp die Hälfte der erfassten Asylbewerber ist über 25 Jahre alt. „Sie, die Väter und Großväter, geben zu Hause die Kultur vor“. Das heißt: Ob sie Arbeit finden, wirkt sich direkt darauf aus, ob die Integration gelingt.

Arbeitsagentur und IHK stellten an dem Abend viele Instrumente für einen Einstieg in Ausbildung und Arbeitsmarkt vor. Notwendig scheint zunächst aber vor allem eines: „Haben Sie Geduld!“, bat Yvonne Wetsch.

Kontakt zur IHK: Florian Kelch, Tel. 0911/1335-223.

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