„Heute Niedriglohn, morgen Altersarmut“

Bürgermeister Günther Steinbauer (von links), der Vorsitzende des DGB-Ortskartells, Eduard Schottenhammer und dessen Stellvertreter Kurt Meindl begrüßen die zahlreichen Zuhörer der Maikundgebung am Luitpoldplatz. Foto: Chemnitz2011/05/21115_New_1304272862.jpg

RÖTHENBACH — Der 1. Mai als Tag der Arbeit hat Tradition in Röthenbach. Auch gestern fanden wieder rund 150 Interessierte den Weg zur Maikundgebung des DGB-Ortskartells am Luitpoldplatz. Vorsitzender Eduard Schottenhammer, der kurzfristig für den im Stau stecken gebliebenen Robert Günther vom DGB Bayern als Referent einspringen musste, zeigte sich kämpferisch. Er kritisierte Leiharbeit, Mini-Jobs, Niedriglöhne und die Finanzwelt, die offenbar nichts aus der Krise gelernt habe.

Zum zweiten Mal fand die Maikundgebung am Luitpoldplatz statt. Einen passenderen Ort könne es dafür gar nicht geben, sagte erster Bürgermeister Günther Steinbauer in seiner Begrüßung. Sei dieser Platz im Herzen der Conradty-Arbeitersiedlung doch seit über 100 Jahren untrennbar mit der arbeitenden Bevölkerung in der Pegnitzstadt verbunden.

Eng verbunden sind die Röthenbacher auch mit der SPD und den Gewerkschaften – auch wenn in diesem Jahr nicht alle Bänke voll besetzt waren, was wohl nicht zuletzt den vielen gleichzeitig stattfindenden Kommunionen und Konfirmationen geschuldet war. Die Frage, ob sich der 1. Mai überlebt habe, stelle sich laut Edi Stottenhammer nicht. Solange versucht werde, Gewerkschaften loszuwerden, Menschen in Armut lebten, Kinder zur Arbeit gezwungen würden, Menschen kaum genug verdienten, um zu überleben, und die Schere zwischen Arm und Reich immer größer werde – solange brauche es auch den 1. Mai.

Manche, so Schottenhammer, hätten den „Tag der Arbeit“ wohl missverstanden. „Er heißt so, weil an diesem Tag seit 125 Jahren die Interessen der Arbeiternehmer in den Mittelpunkt gestellt werden und nicht, weil die Beschäftigten an diesem Tag in den Läden arbeiten sollen“, wetterte er gegen verkaufsoffene Sonntage, die von der Wirtschaft als „Zaubermittel zur Rettung toter Innenstädte“ gesehen würden. Der Sonntag sei ein wichtiges Gut, die Arbeit am Wochenende müsse auf das notwendige Maß reduziert werden.

Schottenhammer kritisierte die fast sieben Millionen Mini-Jobs in Deutschland. Fast jeder fünfte Beschäftigte arbeite zudem zwischenzeitlich für einen Niedriglohn. Er forderte eine Lohnuntergrenze. „Mini-Jobs und Niedriglöhne heute führen dazu, dass wir in Zukunft wieder Altersarmut haben werden“, prophezeite er. Wer heute im Monat brutto 1300 Euro verdiene, bekomme später eine Rente von 620 Euro. „Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel“, findet Schottenhammer. Die Rente mit 67 hält er für ein „gigantisches Rentenkürzungsprogramm“.

Wenn von Fachkräftemangel gesprochen werde, dürfe es nicht nur darum gehen, qualifizierte Kräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu holen. „Wer morgen Fachkräfte will, muss sie heute ausbilden“, machte Schottenhammer die einfache Rechnung auf. Dabei müssten alle Menschen mit einbezogen werden – egal ob jung oder alt, Mann oder Frau, mit oder ohne Migrationshintergrund.

Mit scharfen Worten wandte er sich auch gegen die Leiharbeit. „Viele Unternehmen verlagern ihre Risiken auf die Beschäftigten“. Gleichen Lohn für gleiche Arbeit müsse es geben. „Leiarbeiter werden zu Hungerlohn-Beschäftigten degradiert. Und das, obwohl sie genauso produktiv sind und genauso viel leisten.“

So sieht das auch Manfred Paetzolt, Betriebsratsvorsitzender von Graphite Cova (ehemals Conradty), die in Röthenbach rund 200 Mitarbeiter beschäftigt. Auch seine Firma beschäftige Leiharbeiter, die feste Arbeitsplätze ersetzten. „Leiharbeit ist moderner Menschenhandel“, sagte er und erntete viel Applaus. Die Stahl- und Elektrodenindustrie habe sich noch nicht in vollem Umfang von der Krise erholt. Schuld sei unter anderem der Preis für Koks, der von 500 Euro pro Tonne im Jahr 2004 auf heute 1500 Euro gestiegen ist.

Für Diehl Metall, mit rund 1250 Mitarbeitern größter Arbeitgeber in Röthenbach, sprach der stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats, Thomas Gumbrecht. Es herrsche zwar keine „Goldgräberstimmung“ wie bei MAN, Siemens oder Bosch, der Aufschwung mache sich verhalten aber stetig bemerkbar. Der Betrieb stelle inzwischen zwar wieder ein – jedoch hauptsächlich befristet. Der Weltmarktpreis für Kupfer stehe in keinem Verhältnis zum Verbrauch und werden von Zockern am Kapitalmarkt bestimmt.

Diehl BGT Defence beschäftigt etwa 420 Menschen in Röthenbach. Der zweite Vorsitzende des Betriebsrats, Wolfgang Froschauer, musste von drei Betriebsschließungen seiner Firma berichten. Eine vierte sei im Gespräch. Konnte man 2010 noch gute Gewinne aus Aufträgen vor der Krise erzielen, sei die Auftragslage 2010 dramatisch zurückgegangen. Problematisch sei vor allem die Ungewissheit in Sachen Bundeswehr, die der größte Auftraggeber für Diehl Defence ist.

Die Maikundgebung wurde wie gewohnt von der Röthenbacher Stadtkapelle musikalisch umrahmt. Auch für das leibliche Wohl war gesorgt.

N-Land Tina Chemnitz
Tina Chemnitz