Mitarbeiter kämpfen um besseren Tarifvertrag

Harte Verhandlungen bei Graphite Cova

Kurze Verhandlungspause am Letten: Mitarbeiter des Conradty-Nachfolgers Graphite Cova setzen ein Signal während der laufenden Tarifverhandlungen und fordern mehr Lohn. Die Vertreter der indischen Delegation (im Vordergrund, mit Roland Nosko von der Industriegewerkschaft BCE) verweisen ihrerseits auf die schwierige Marktsituation. Foto: Sichelstiel2015/06/graphite_cova_verhandlungen.jpg

RÖTHENBACH — Seit der Insolvenz des Röthenbacher Traditionsunternehmens Conradty sind fast 13 Jahre vergangen. Die Rettung war damals die Übernahme durch einen indischen Investor. Doch weil die Stahl­industrie, in deren Schmelzöfen die G­rafitelektroden aus dem Werk im Grünthal verwendet werden, in der Krise steckt, sind die Zeiten auch für den Conradty-Nachfolger Graphite Cova schwer. Die Mitarbeiter kämpfen dennoch um höhere Löhne.

„Wir haben damals ein krankes Baby übernommen“, sagt der Vertreter von Graphite India,
„a sick baby“. Bei den Tarifverhandlungen im Wald­gasthof am Letten sitzt eine kleine Delegation des indischen Mutterkonzerns mit am Tisch, jetzt muss sie sich rund 70 Conradty-Mitarbeitern stellen, die mit ihrem Auftauchen an diesem Freitagnachmittag ein Signal setzen wollen. Sie schwenken Gewerkschaftsfahnen und fordern mehr Lohn, während die Inder ihrerseits auf die schwierige Marktsituation verweisen. Man stehe nach der Übernahme 2004 weiter zum Standort Röthenbach, dort werde gute Arbeit geleistet, aber „um etwas zu geben, muss man erst einmal etwas haben“, wie es Graphite-Cova-Geschäftsführer Adrian Bojilov ausdrückt.

Im Herbst 2013 hat das Unternehmen den Haustarifvertrag gekündigt, weshalb die 2,8 Prozent mehr Gehalt, die die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) branchenweit in diesem Jahr durchsetzen konnte, in Röthenbach bisher nicht angekommen sind. Ohnehin haben die rund 200 Mitarbeiter des Conradty-Nachfolgers seit der Insolvenz auf viel Geld verzichtet. Rund 17 Prozent, so der Betriebsratsvorsitzende Manfred Bezold, liegen die Gehälter inzwischen unter dem Flächentarifvertrag. Laut einem Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, macht das zwischen 300 und 400 Euro im Monat aus.

„Der Abstand vergrößert sich“

Nach der Übernahme durch Graphite India ließ sich der Betriebsrat auf viele Zugeständnisse ein, doch inzwischen sei die Lohnschere zu anderen Unternehmen der Branche groß, sagt Roland Nosko, der Bezirksleiter der IG BCE, „und der Abstand vergrößert sich weiter“. Nach ohnehin entbehrungsreichen Jahren sei dies schädlich für das Vertrauen der Beschäftigten in den Konzern. Noch wird friedlich verhandelt, aber
Nosko lässt keinen Zweifel daran, was die Folgen eines Scheiterns wären: „Dann stehen die Zeichen auf Arbeitskampf.“

Am Nachmittag, ehe die Verhandlungen am Letten fortgesetzt werden, sind die Standpunkte von Arbeitnehmern und -gebern weit voneinander entfernt. Geschäftsführer Bojilov möchte zwar keine Aussage zu seinem Angebot machen, „es braucht Zeit, damit sich die Positionen einander annähern“, doch es ist offensichtlich, dass er ganz andere Vorstellungen als die Tarifkommission hat, die ihm gegenüber sitzt. Die Preise, die die Stahlindustrie für Grafitelektroden bezahle, seien auf dem Niveau von 2004, so Bojilov. Den Flächentarifvertrag könne man außerdem nicht so einfach auf Graphite Cova anwenden, „ich kann mich nicht mit großen Unternehmen wie Bayer messen“. Laut IG BCE möchten die Inder künftige Tariferhöhungen sogar deckeln – was je nach branchenweit erzielten Abschlüssen keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung für die Beschäftigten bedeuten würde.

Laut Gewinn- und Verlustrechnung hatte Graphite Cova im Geschäftsjahr 2013/2014 bei einem Umsatz von 37,5 Millionen Euro mit einem Jahresfehlbetrag von knapp über zehn Millionen Euro zu kämpfen. Für den Mutterkonzern hat das Unternehmen dennoch Bedeutung, „es ist der Zugang zum europäischen Markt“, sagt Gewerkschafter Nosko. Die Inder hätten sich in Röthenbach eingekauft, um hohe Einfuhrzölle zu umgehen.

Friedliche Verhandlungen

Der Bezirksleiter der IG BCE wird vor dem Waldhotel am Letten von den Vertretern von Graphite India freundlich begrüßt, „my brother“, redet ihn ein Vorstandsmitglied sogar an und umarmt ihn. Die beiden kennen sich seit fast elf Jahren, seit der Übernahme und den Verhandlungen um einen Sanierungstarifvertrag. Und so scheint eine einvernehmliche Lösung im Augenblick durchaus möglich. Die Mitarbeiter jedenfalls hoffen darauf. Sein Schwiegervater habe schon bei Conradty gearbeitet, erzählt jemand, auch seine Frau arbeite im Grünthal. Das Schicksal der ganzen Familie hänge also an dem Unternehmen.

N-Land Andreas Sichelstiel
Andreas Sichelstiel