Gespräch mit den Aktivsenioren

Gründer trotzen Corona-Krise

Die Statistik der „Aktivsenioren Bayern“ zeigt, dass die Anfragen insgesamt nur leicht zurückgegangen sind. Vor allem im Bereich Coaching waren die Herren besonders gefragt in Mittelfranken (gelb markiert). Dass die angrenzende Oberpfalz (gelb markiert) im Plus liegt, hat den Grund, dass sich die ehrenamtlichen Berater hier neu aufgestellt haben. | Foto: Pitsch2021/02/Aktiv1.jpg

NÜRNBERGER LAND – „Mein Unternehmen wackelt, ich mach was Eigenes.“ Das hören die „Aktivsenioren Bayern“ auch im Landkreis immer wieder. Trotz der Corona-Krise ging die Zahl der Firmengründungen nicht massiv zurück – und steigt vielleicht aufgrund der Pandemie sogar wieder an.

„Noch schlägt sich die Krise nicht auf den Arbeitsmarkt nieder“, sagt Frank Richartz, Wirtschaftsförderer am Landratsamt Nürnberger Land. Wenn das aber der Fall sei, könne es durchaus zu sogenannten Notgründungen kommen. „Das haben wir während der Finanzkrise erlebt, als zum Beispiel viele Hausmeisterdienste aus dem Boden geschossen sind.“

Aktuell hat Richartz den Eindruck, dass Gründungen im Landkreis „auf ganz kleiner Flamme“ laufen. Lediglich beim Start up-Pitch im Oktober sei alles gewesen wie immer. Diese Beobachtungen können die heimischen Aktivsenioren, die unter anderem bei Firmengründungen beraten, nicht teilen. „In der mittelfränkischen Summe haben wir nur einen kleinen Einbruch zu verzeichnen“, berichtet Regionalleiter Stephan Keßler: 77 Neugründungen stehen 81 im Vorjahr gegenüber; 139 Gesamtanfragen 157 aus 2019.

Stützen statt drängen

Wie es in den einzelnen Landkreisen gelaufen sei, das sei abhängig davon, ob die Sprechtage der erfahrenen und ehrenamtlichen Berater stattfinden konnten. „Das Landratsamt war mit Video-Terminen eher zurückhaltend“, verrät Albert Schneider, der zusammen mit Anton Weiß für den Landkreis zuständig ist. Unabhängig davon seien aber deutlich weniger, nämlich im Regierungsbezirk statt 51 nur 34, Tragfähigkeitsüberprüfungen von der Arbeitsagentur gekommen: „Die haben die Betroffenen lieber gestützt, als sie zur Selbstständigkeit zu drängen“, weiß Keßler.

Die, die sich bei Schneider und Weiß dennoch Tipps, Rat und neutrale Beratung für einen kleinen Pauschalbetrag holten, hatten trotz Corona fast die gleichen Themen wie vorher, erzählen die beiden. Sie meldeten sich vor allem dann, wenn kein Lockdown war. „Klar können wir mit Videobesprechungen rascher reagieren, einfacher Kollegen von uns mit nötiger Fachkompetenz dazuschalten und sind näher dran an den Leuten“, sagt Weiß, „aber der Nasenfaktor ist gerade bei Geschäftsgesprächen wichtig“.

Erst sortieren

Und die führten Weiß und Schneider mit einem „breiten Spektrum an Personen“: Da seien welche gekommen, die schon lange fest vorhatten, zu gründen; andere planen wegen Corona mittelfristig einen Neustart. „Die möchten sich sortieren und wissen, was sie vorbereiten müssen, um in einem Jahr beginnen zu können“, erläutert Weiß. Insgesamt waren die beiden etwas weniger mit Neugründungen beschäftigt, dafür aber mehr mit Betriebsübergängen und der Entwicklung neuer Geschäftszweige. „Viele Ältere haben aufgrund der Digitalisierung und weil neue Geschäftsmodelle nötig sind, jetzt keine Lust mehr und übergeben die Firma“, bestätigt Keßler.

Die, die den Schritt in die Eigenständigkeit wagen wollten, interessierten sich laut Weiß vor allem für „Beratung/Coaching“. „Das sind in erster Linie Menschen aus der Sozialpädagogik und dem Personalbereich.“ Hier werde die Luft aufgrund der Menge zunehmend dünn, warnt Keßler. Auch von neuen Unternehmen im Konsumer-Bereich – beispielsweise ein Fitness-Studio – rät er derzeit ab; nicht aber generell von Firmengründungen. „Durch die super Konjunktur der vergangenen zehn Jahre hatte der Mittelbau viel Geld.“ Corona lasse viele aber den Gürtel enger schnallen. Was das bedeutet in Sachen Erfolg und Umsatz, dabei hilft ein spezielles Programm der „Aktivsenioren“. „Es rechnet Dellen hinein und man kann damit verschiedene Szenarien durchspielen“, so Weiß.

Nackte Zahlen

Und das nutzen die Ratsuchenden: „Könnt ihr mit euren Tools mal nachrechnen, ob wir richtig liegen? Solche Fälle hatten wir mehrfach.“ Da entstand bei Schneider das Gefühl, dass viele Angst um ihren Job haben. Denn viele hätten Anfragen in dieser Richtung gestellt. Keßler denkt daher, dass die Leute vorsichtiger geworden sind, und rät: „Wir helfen auch bei drohenden Insolvenzen von Personengesellschaften, aber man muss kommen, bevor es zu spät ist.“ Die große Pleitewelle komme noch, fürchtet er.

Ebenso wie Frank Richartz: „Das wird ganz massiv den Einzelhandel treffen.“ Damit gehe Lebensqualität in vielen Kommunen verloren. Er schiebt die Schuld aber nicht nur auf Corona: „Das ist ein Brandbeschleuniger, aber nicht der alleinige Grund.“ Stichwort Generationenwechsel. Die Frage werde sein, pflichtet Keßler Richartz bei, wie lange der Lockdown gehe.


Bislang ist Weiß überrascht von der geringen Zahl der Insolvenzen: „Ich hätte erwartet, dass es schlimmer wird“ – auch bei erst kürzlich erfolgten Gründungen. Aber die Chefs seien heutzutage flexibler und breiter aufgestellt: „Einen Ein- bis Zwei-Personen-Betrieb kann man leichter umschwenken als einen großen Dampfer, in dem Prozesse und Personal umgesteuert werden müssen.“

Daher ist Schneider überzeugt, dass der Dienstleistungssektor leichter überleben wird: „Sie sind klein, setzen auf organisches Wachstum statt auf massive Investitionen.“ Bei großen Unternehmen seien dagegen Anpassungen nötig. Daher beraten die „Aktivsenioren“ beim Umbau dieser. „Wir wollen denen helfen, die ihr Geschäft halten wollen“, sagt Keßler – besonders im Bereich Gastronomie und Handel. Da müssten oft Kosten und damit Angebote reduziert werden, andere bräuchten schnellen Rat in Sachen „Click & Collect“.

Wie kleine Ökosysteme

Die Pleite werde die Firmen treffen, die zu lange wie gehabt weitergemacht, die „von ihrer Substanz gelebt“ hätten, prognostiziert Weiß. Überleben würden die, die Netzwerke pflegen und Rücksicht walten lassen. Er sieht die Möglichkeit der Kurzarbeit als Standortvorteil Deutschlands und ist sich mit Schneider und Richartz einig, dass die Stärke der deutschen Wirtschaft in der Bandbreite liegt. Dem kann Keßler nur zustimmen: „Der Mittelstand punktet damit, dass er sich immer neu erfindet.“

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