Swen Heckel von der IHK im Interview

Firmen müssen bei Azubis punkten

Swen Heckel | Foto: HZ-Archiv2016/08/7096224.jpeg

HERSBRUCKER SCHWEIZ – Heute startet das neue Ausbildungsjahr, doch längst nicht alle Plätze sind besetzt. Dass es für viele Firmen und kleine Betriebe immer schwieriger wird, einen „Stift“ zu finden, gilt auch für den Landkreis. Was hinter der Tendenz stecken könnte und welche Herausforderungen auf die Unternehmen zukommen, weiß Swen Heckel, Vorsitzender des Hersbrucker Gremiums der Industrie- und Handelskammer.

Im Landkreis Nürnberger Land sank die Zahl der IHK-Auszubildenden von 1487 (2010) auf 1455 (2014) leicht. Wie ist die Lage in Hersbruck und Umgebung?
Swen Heckel: Nachdem wir im Landkreis drei IHK-Gremien haben, ist das nicht so einfach zu sagen, denn eine Erhebung erfolgt immer landkreisweit. Tendenziell haben aber auch wir hier immer weniger Schulabgänger und damit auch Auszubildende. Derzeit liegt die Zahl der geschlossenen Verträge noch ein Stück weit hinter der vom Jahresende. Dabei wäre genügend Beschäftigung vorhanden. Das heißt, es hat schon jetzt eine besondere Bedeutung, junge Leute zu gewinnen.

Wie packt man das an?
In Kooperation mit den beiden anderen IHK-Gremien haben wir im Juli das Ausbildungs-Weekend erstmals auf die Beine gestellt. Die Hersbrucker Firmen scheinen die Not weniger zu spüren, in Lauf aber gab es bei den Teilnehmern viele gute Gespräche. Es ist doch so: Im Ballungsraum Nürnberg gibt es viele große und namhafte Firmen. Diese Bekanntheit spielt bei den jungen Leuten und gerade auch bei den Eltern als Entscheider eine Rolle bei der Wahl. Hier müssen wir im Rahmen solcher Aktionen unsere Leistungsfähigkeit präsentieren. Viele wissen nämlich gar nicht, was hier alles hergestellt wird. Deshalb müssen Firmen die Tore aufsperren, ihre Attraktivität nach außen zeigen und die jungen Leute samt Eltern dahinterschauen lassen. Nur dann bleibt der Nachwuchs vor Ort. Ich denke aber, dass das großen Betrieben leichter fällt als kleinen.

Warum gibt es diesen Trend? Will sich kein junger Mensch mehr die Hände schmutzig machen oder liegt es an der gesellschaftlichen Haltung, dass nur Abi und Uni zählen?
Die Akademisierung spielt sicher eine Rolle und wird auch noch länger anhalten. Persönlich kann ich das auch nachvollziehen, aber wir müssen analysieren, wo Bedarf besteht, während die Unis verstopfen.

Eine Lösung wäre …
… Praxis, also Ausbildung, mit Studium verknüpfen. So finden die jungen Leute die Bindung an die Wirtschaft, was ihnen oft nach dem Hochschulabschluss schwer- fällt. Aber immer mehr junge Leute erkennen das bereits. Als Ausbildungsbetriebe sind wir aber vielleicht auch selbst schuld an diesem sich immer weiter drehenden Rädchen: Gerade bei interessanten Stellen wird genau auf den Abschluss geachtet. Ich denke, der richtige Weg ist es, aus einer sicheren Basis heraus eine Weiterbildung aufzubauen, zum Beispiel in Form eines dualen Studiums.

Sind die Ansprüche der Azubis gewachsen?
Das nicht, aber sie haben sich verändert. Generell weisen junge Menschen eine andere Dynamik in ihrer Erwartung auf als meine Generation. Wenn sie zwei Jahre gearbeitet haben, dann verlangen sie nach einer Position. Bei einem hohen Schulabschluss sind sie meist noch ungeduldiger. Viele sind heutzutage getrieben von der persönlichen Karriereplanung. Dabei sollten die Jungen verstehen, dass Theorie wichtig ist, aber erst Lebens- und Berufserfahrung sie zu einem vollwertigen Mitarbeiter macht.

Die Bezahlung spielt ja auch eine Rolle.
Teils ist das Lohnniveau schon niedrig, in der Regel aber ordentlich. Schließlich bringen die jungen Menschen von Beginn an Arbeitskraft mit ein und der Lohn ist wichtig für das Erlernen finanzieller Unabhängigkeit. Auch hier ist die Innovationskraft der Firmen gefragt – als Stichwort Bezahlen des Führerscheins – denn die Auszubildenden können heute zwischen drei oder vier Stellen wählen. Der Wettbewerb hat sich umgekehrt: Firmen duellieren sich um Bewerber.

Was bedeutet ein Lehrling für einen Betrieb?
Arbeit und das Übernehmen von Verantwortung. Ich kann jetzt nur die Raiffeisenbank Hersbruck als Beispiel geben: Wir orientieren uns an der Maßgabe, nach der Ausbildung vollwertige Mitarbeiter zu haben. Durch einen Kennenlern-abend mit Einladung zum gemeinsamen Essen der drei neuen Azubis und ihren Eltern mit einigen Mitarbeitern und einem gemeinsamen Frühstück der älteren Lehrlinge für die Neuen bauen wir eine emotionale und intensive Bindung zueinander auf. Das bedeutet für uns natürlich Aufwand und das Abstellen von Ressourcen. Auch wenn wir nicht alle übernehmen können, alle sind vorbereitet für den Beruf. Wir kümmern uns also im weiteren Sinne um diese jungen Menschen.

Oft wollen die fertigen Auszubildenden gar nicht in der Firma bleiben oder werden durch ebenfalls billige Nachfolger ersetzt.
Letzteres ist eine kulturelle Sache in den Unternehmen. Ich finde, dass die Nachwuchsgewinnung und die Bindung des Mitarbeiters zum Beispiel auch durch interne Weiterbildungen höchste Priorität haben sollte. In der Tat ist es seltener geworden, dass junge Mitarbeiter bleiben. Viele Azubis suchen den Weg auf die Überholspur. Als Firma ist es nötig, früh vernünftige Perspektiven für den Angestellten zu finden und ihm Angebote zu machen.

Sterben kaufmännische und Handwerksberufe irgendwann aus?
Das ist durchaus möglich. Ausschließen kann ich es nicht, zum Beispiel wenn ich an ausländische Subunternehmen in der Baubranche denke. Mit eigenen Nachwuchskräften werden wir bestimmte Berufsbilder in Zukunft wohl wirklich nicht mehr füllen können. Zudem entwickelt sich das wirtschaftliche Leistungsspektrum immer weiter in Richtung Dienstleistungen, wobei beispielsweise in den Pflegeberufen die Azubis auch nicht Schlange stehen. Da warten einige Herausforderungen.

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