Wöhrl-Interview

„Ein Plan B ist Aufgabe des Staates“

Hans Rudolf Wöhrl hat eine klare Meinung zur Corona-Krise und dem Vorgehen der Politik. | Foto: PR2020/05/Hans-Rudolf-Woehrl.jpg

REICHENSCHWAND – Leidenschaftlicher Flieger, erfolgreicher Geschäftsmann und ein Mann, der seine Meinung hat und damit polarisiert: Das ist Hans Rudolf Wöhrl. Als Unternehmer und Kenner der Flugbranche treibt auch ihn Corona um.

Wie haben Sie vom Coronavirus erfahren und was war Ihr erster Gedanke?

Aufmerksam auf das Coronavirus bin ich durch die Abriegelung der Stadt Wuhan geworden. Als diese Quarantänemaßnahmen eingeleitet wurden, dachte ich mir, das wird ernst.

Hätten Sie gedacht, dass sich das so entwickelt?

Leider ja, ich hatte das sofort befürchtet. Wenn die Chinesen eine Region mit 50 Millionen Menschen abriegeln, dann ist „Feuer“ unterm Dach.

Sie schreiben Gastkolumnen für das Magazin „Nürnberg life“. Was macht Ihnen daran Freude?

Zu vielen Themen habe ich eine klare Meinung und die entspricht nicht immer dem Mainstream. Ich freue mich, wenn ich die Gelegenheit bekomme, meine Meinung zu teilen, denn ich schreibe seit meiner frühesten Jugend Leitartikel. Heute unter meinem richtigen Namen, früher habe ich häufig ein Pseudonym verwendet. Mir geht es nicht darum, ein großes Publikum zu erreichen. Wichtig ist für mich, dass ich es nicht nur „gesagt habe“, sondern, dass man es auch Nachlesen kann. Daher freue ich mich sehr über die Kooperation mit Thomas Wagner vom Magazin „Nürnberg Life“, denn ich schreibe einfach gerne.

In den letzten beiden Beiträgen haben Sie die Corona-Krise thematisiert.

Corona ist eine ernstzunehmende Viruskrankheit. Aber sie ist nicht so schlimm, dass man deswegen die ganze Welt in eine wirtschaftliche Krise manövrieren muss. Das hat man bei Sars, bei Ebola und vielen anderen, schlimmeren Krankheiten, auch nicht getan. Auch als Aids unbehandelbar war und Millionen Menschen daran gestorben sind, hat man auf Eigenverantwortung und nicht auf staatlich verordnete Einschränkungen gesetzt. Ich bin der Meinung, dass Corona bewusst oder unbewusst gehypt worden ist und dies am Ende zu einer echten Hysterie geführt hat. Nochmals, ich unterschätze die Gefahr von Covid-19 nicht, aber ich sehe auch die verheerenden wirtschaftlichen Folgeschäden, die es hinterlassen wird, und mahne deswegen zur Besonnenheit. Erfreulicherweise scheint sich dieser Normalisierungsprozess jetzt auch einzustellen. Spät, aber hoffentlich nicht zu spät.

Sie kritisieren, dass es keinen Notfallplan im Vorfeld gab. Warum?

Es ist die Aufgabe eines Staates, es ist die Aufgabe eines Unternehmers und es ist die Aufgabe einer Familie, sich Gedanken darüber zu machen, was man tut, wenn die Dinge einmal nicht mehr wie gewohnt laufen, und einen Plan B für den Notfall in der Schublade zu haben. Doch 75 Jahre Sicherheit und Wohlstand haben die Menschen nachlässig werden lassen. Die Kaskomentalität, die ja von der Sozial- und Umweltpolitik seit Jahrzehnten das Geschehen bestimmt, macht uns extrem angreifbar. Wenn sich ein Kind auf dem Spielplatz an einer Glasscherbe den Fuß aufschneidet, dann steht das in der Zeitung. Es wird eine Arbeitsgruppe eingerichtet und die Obrigkeit ultimativ aufgefordert, etwas zu tun, damit sich das nicht wiederholt. So wachsen wir mehr und mehr in eine Staatsgläubigkeit, die jede Eigenverantwortung überflüssig erscheinen lässt. Was sich im privaten Bereich abspielt, gilt auch für Politik und Staat. Man plant ein Feuerwehrhaus, wenn es brennt, lässt nach Monaten aber den Bau wegen der Kosten im Gemeinderat scheitern. Genauso wird es nach Corona gehen. Wenn die Welle abgeflaut ist, wenn eine Immunisierung durch Impfung oder wegen einer ausreichenden Durchseuchung eingetreten ist, werden die Rufe nach ausreichender Schutzkleidung oder anderer Vorsorgemaßnahmen ebenso schnell verstummen, wie sie heute ausgerufen werden – wetten wir!

Auch die Hilfsmaßnahmen der Regierung halten Sie nicht für zielführend.

Man muss zwischen echten Hilfsmaßnahmen und Krediten unterscheiden. Echte Hilfsmaßnahmen wären dort angebracht, wo den Menschen und den Firmen durch die Quarantänemaßnahmen ein echter Schaden entstanden ist, der nicht durch die üblichen Versicherungen abgedeckt wird. Wenn ein Blumenhändler seine Blumen nicht verkaufen kann, wenn ein Gastwirt sein Frischfleisch und Gemüse in die Tonne werfen muss, dann ist das ein Schaden, der durch die Maßnahmen des Staates bedingt ist, und der gehört ersetzt. Wenn ein Geschäft wegen staatlicher Maßnahmen nicht betrieben werden darf, dann müssen nicht nur die Gehälter, sondern auch die Mieten vom Staat kompensiert werden. Es ist einfach unfair, ein Darlehen zu gewähren, welches mit Zinsen irgendwann zurückbezahlt werden muss, denn damit bleibt der Schaden dennoch bei dem Geschädigten und nicht beim Verursacher hängen.

Kann ein Staat überhaupt finanziell das Auffangen, was durch die Krisenmaßnahmen verloren geht?

Vermutlich nicht und genau deswegen versucht man die Lasten so weit wie möglich doch dem Bürger aufzubürden.

In Ihrer Kolumne schreiben Sie, dass man den richtigen Weg zwischen Schutz von Leben und wirtschaftlich Machbarem finden muss. Welches Vorgehen wäre Ihrer Meinung nach das Richtige gewesen?

Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble war mutig, als er sagte, man kann dem Schutz des Lebens nicht alles unterordnen und man kann nicht jedem alles geben! Das hat sonst kaum ein Politiker gewagt, obwohl es offensichtlich ist. Wenn ein Rettungshubschrauber zu einem Massenunfall gerufen wird, dann musste schon immer der Notarzt in Minuten entscheiden, wen er als ersten in ein Krankenhaus bringt. Er entscheidet nach zwei Kriterien, wer ist am schwersten verletzt und wer von diesen hat die größte Überlebenschance. Das ist das Leben und nicht anders hätte man bei Corona verfahren müssen. Die richtige Vorgehensweise wäre eine umfassende Information über den besten Eigenschutz gewesen. Also möglichst wenig Kontakte, insbesondere für ältere und gefährdete Menschen. „Bleibt zu Hause, dort seid ihr sicher!“ Abstand halten und außerdem hätte ich von Anfang an zu Mund- und Nasenschutz geraten. Getreu dem Motto, schaden kann es nichts. Als staatlichen Eingriff wäre in meinen Augen lediglich das sofortige Verbot von Großveranstaltungen erforderlich gewesen. In etwa also das schwedische Modell.

Ist der Mensch nicht mehr fähig, eigenständig zu denken, sondern verlässt sich nur noch auf den Staat?

Ja, genau das ist das Problem. Denken und die daraus resultierende Eigenverantwortung werden zunehmend zur Mangelware. Deswegen habe ich auch so große Probleme mit ständig neuen Gesetzen und Verordnungen. Weil sie nicht nur unsere Freiheit einschränken, sondern weil sie auch zu einer gewissen Verblödung führen.

Welche Folgen für die Gesellschaft und auch für politische Strömungen sehen Sie in der Krise? Ist es wirklich Solidarität oder kommt früher oder später der Kampf um den eigenen Wohlstand, weil wir nicht mehr auf Verzicht getrimmt sind?

Mich erschreckt, wie demütig, ja oft sogar mit großem Zuspruch der Verlust unserer Grundrechte von breiten Schichten der Bevölkerung hingenommen wird. Das macht mir Angst und dass die Blockwartmentalität geradezu eine Auferstehung feiert. Einen Nachbarn zu denunzieren, die Polizei zu rufen, weil er mit ein paar Freunden auf dem Balkon ein Bier trinkt und damit gegen das Kontaktverbot verstößt. Wenn wir den Menschen verbieten, im Interesse der eigenen Gesundheit, ihr Leben zu leben, dann müssten Alkohol, Zigaretten, Zucker und fettes Essen verboten werden, denn daran sterben wirklich viele Menschen.

Wie ist die Lage in der Flugbranche?

Bescheiden wäre geprahlt. Diese und die Tourismusbranche sind wohl am härtesten betroffen und werden sehr lange brauchen, um zur Normalität zurückzufinden. Die Reisefreiheit, allen voran der Schengenraum, auf den wir alle so stolz waren, sind dem Virus zum Opfer gefallen. Das schmerzt mich ganz besonders, denn ich kenne noch die Zeit von Visa und Grenzkontrollen.

Welche Lehre ist aus der Corona-Krise zu ziehen?

Bitte nicht noch einmal!

Rascher Aufschwung oder Offenbarung struktureller Probleme – welches Zukunftsszenario ist für Sie denkbar?

Ich weiß es wirklich nicht!

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren