Streit auf der Scherau

Droht den Feiern das Aus?

Idyllisch zwischen Weihern liegt der Leinburger Ortsteil Scherau. Doch weil sich die Nachbarn von den Veranstaltungen auf dem Scherauer Hof massiv beeinträchtigt fühlen, ist eine Diskussion um die rechtliche Grundlage entbrannt. Im Sommer waren deshalb sogar Mitglieder des Petitionsausschusses vor Ort.
Idyllisch zwischen Weihern liegt der Leinburger Ortsteil Scherau. Doch weil sich die Nachbarn von den Veranstaltungen auf dem Scherauer Hof massiv beeinträchtigt fühlen, ist eine Diskussion um die rechtliche Grundlage entbrannt. Im Sommer waren deshalb sogar Mitglieder des Petitionsausschusses vor Ort. | Foto: Buchner-Freiberger2019/02/scherauer-hof-diep-schild.jpg

DIEPERSDORF — Wie geht man um mit einem Betrieb, der rechtlich auf wackligen Füßen steht, von dem sich die Nachbarn gestört fühlen, der aber über Jahre genau so von den Behörden geduldet war und sich überregional ein großes Renommé erarbeitet hat? Vor dieser Frage steht die Gemeinde Leinburg. Seit über 20 Jahren werden im Scherauer Hof von Helga Bock Hochzeiten und runde Geburtstage gefeiert, Tagungsgäste aus ganz Deutschland kommen in den Weiler südlich von Diepersdorf. Doch jetzt droht eine Nutzungsuntersagung, weil zumindest die Scheune als Feier-Location laut Landratsamt nicht genehmigt ist.

Das Unbehagen, für das das Thema Scherau bei allen Beteiligten sorgt, war bei den letzten beiden Sitzungen des Leinburger Gemeinderates förmlich greifbar. Von einer „schwierigen Angelegenheit“ war da unter anderem die Rede, die Mienen bei Bürgermeister Joachim Lang und den Gemeinderäten betreten.

Das Problem ist: Der Scherauer Hof hat sich in den letzten 30 Jahren von einer Landwirtschaft zu einem Veranstaltungsort samt Direktvermarktungsbetrieb mit Metzgerei entwickelt. Seit 1988 arbeitet Helga Bock, gelernte Metzgermeisterin und ländliche Hauswirtschafterin, im elterlichen Betrieb mit und startete mit Catering und Partyservice, außerdem führte sie den Hofladen ihrer Eltern fort.

1998 kam die Scheune als Veranstaltungsraum hinzu, zuletzt wurde das ehemalige Wohnhaus zum Tagungshaus umfunktioniert, der frühere Schweinestall beherbergt die sogenannte „Werkstatt“, einen Raum für Seminare und Workshops. Gäste schätzen die idyllische Lage zwischen den Weihern, auch mit Küche und Service hat sich Helga Bock, die vor zehn Jahren die erste Staffel der BR-Sendung „Landfrauenküche“ gewann, weithin einen Namen gemacht.

Behörden reagierten nicht

Doch nun steht die Frage im Raum, ob all dies rechtens war. Den Stein ins Rollen gebracht hat die Nachbarsfamilie Sußner, deren Wohnhaus im Osten direkt an den Scherauer Hof angrenzt. Seit dem Ausbau der Scheune, also schon seit 1997, haben sich Martin und Birgit Sußner immer wieder an Landratsamt und Gemeinde gewandt und die Rechtmäßigkeit der Baumaßnahmen angezweifelt.

Die Scherau liegt im sogenannten Außenbereich, wo andere Vorgaben gelten als innerorts. Reagiert haben die Behörden laut den Sußners nur „seltenst“, die meisten ihrer Schreiben blieben unbeantwortet. Anfang letzten Jahres schalteten sie schließlich den Petitionsausschuss des Bayerischen Landtags ein, dessen Mitglieder sich im Sommer die Situation vor Ort anschauten.

„Die Petition war für uns die letzte Möglichkeit“, sagt Martin Sußner. „Uns geht es darum, dass hier endlich öffentliches Recht angewandt wird, was 20 Jahre lang nicht passiert ist.“ Die Sußners fühlen sich durch die Feiern und Tagungen nebenan massiv in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. „Wenn man, sobald es das Wetter zulässt, an fast jedem Freitag und Samstag, den schönsten Tag des Lebens live miterlebt, ist das nicht mehr lustig“, erzählt Martin Sußner und meint damit die Hochzeiten und Geburtstagsfeiern in der Scheune und im Hof.

Die ständige Lärmbelastung, die Vielzahl der Veranstaltungen, Musik, die durch die Mauern dringt, Raucher im Hof, Flaschen, die beim nächtlichen Aufräumen in Glascontainer geworfen werden, der Geschirrwagen, der nachts immer wieder übers Pflaster rattert … die Liste der Beeinträchtigungen, die die Sußners anführen, ist lang. Den Feiernden könne man keinen Vorwurf machen, „die sind sich ja gar nicht bewusst, dass nebenan Menschen leben“, sagen Martin Sußner und seine Tochter Miriam. Betroffen seien nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Mieter in einem etwas weiter östlich liegenden Haus. Insgesamt wohnen in diesem Teil der Scherau zwölf Personen. Zudem gebe es auf den Wiesen noch Tiere, die anderswo nicht vorkommen.

„Baurechtswidriger Zustand“

Seit dem Einschreiten des Petitionsausschusses sind Landratsamt und Gemeinde Leinburg zum Handeln gezwungen. Von einem „baurechtswidrigen Zustand, der schon seit Längerem vorhanden ist“, sprach der Leinburger Bauamtsleiter Christian Lades in der letzten Gemeinderatssitzung. Knackpunkt ist die Scheune. Diese sei „so nicht genehmigt und auch nicht genehmigungsfähig“, wie Franz Bezold, Abteilungsleiter „Öffentliche Sicherheit“ des Landratsamts auf Anfrage der PZ einräumt. Erlaubt sei hier nur eine landwirtschaftliche Nutzung, zusätzlich neun Veranstaltungen pro Jahr auf der Freifläche. „Mit Landwirtschaft hat das aktuell aber nichts mehr zu tun“, so Bezold.

Helga Bock will sich dazu nicht äußern. „Das ist ein schwebendes Verfahren. Wir stehen in enger Abstimmung mit dem Landratsamt und der Gemeinde und sind an einer allseits befriedigenden Lösung interessiert.“ Verschiedene Bauanträge von Helga Bock liegen derzeit beim Landratsamt zur Bearbeitung. Zahlreiche Auflagen habe sie seit 1998 erfüllt, erklärt sie, zum Beispiel was die Parkplätze, den Immisionsschutz und den Brandschutz betreffe. Gerade hinsichtlich des Lärmschutzes habe sie viel investiert, immer wieder Gutachten vorgelegt.

„Große Belastung für alle“

„Wenn in der Scheune Musik gespielt wird, müssen die Türen geschlossen bleiben und ich habe einen Sicherheitsdienst am Hof, der für die Ruhe in der Nacht zuständig ist“, erzählt sie. In 20 Jahren sei nie die Polizei am Hof gewesen und habe eine Lärmbelästigung festgestellt. Die derzeitige Situation sei für alle eine große Belastung, beschreibt Helga Bock ihre Gefühlslage. Vor allem wegen ihrer Beschäftigten, für die sie Verantwortung trage. Für sie ist der Betrieb ihre Existenzgrundlage und der Beruf, den sie erlernt hat.

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Der Scherauer Hof hat sich in den letzten 30 Jahren von einer Landwirtschaft zu einem Veranstaltungsort samt Direktvermarktungsbetrieb mit Metzgerei entwickelt. 1998 kam die Scheune als Veranstaltungsraum hinzu. | Foto: Buchner-Freiberger2019/02/scherauer-hof-gebaude.jpg

Zwar steht eine Nutzungsuntersagung tatsächlich im Raum, wie Franz Bezold vom Landratsamt bestätigt. „Ein ,weiter so‘ geht nicht mehr, wir machen schon zu lange rum“, räumt er ein. Allerdings wolle man im Interesse aller Seiten „den Status quo des Scherauer Hofs in trockene Tücher bringen“. Im Januar fand ein Gespräch mit Behördenvertretern und Betroffenen im Leinburger Rathaus statt, das dem Vernehmen nach konstruktiv war.

Landratsamt prüft Konzept

Helga Bock musste inzwischen eine Betriebsbeschreibung samt neuer Emissionsgutachten vorlegen. „Denkbar wären zum Beispiel bauliche Maßnahmen, die einen Puffer zum Nachbarn erzeugen“, sagt der Leiter der Abteilung „Öffentliche Ordnung“. Das Konzept wird nun geprüft. Anschließend müsste die Gemeinde Leinburg laut Bezold eine Satzung erlassen, damit der Betrieb in der Scherau planungsrechtlich genehmigungsfähig werde. Doch Franz Bezold weiß: „Einfach ist das alles nicht.“

Auch für Familie Sußner ist „eine Lösung nur schwer ersichtlich“. Eine hohe Mauer, die den Lärm mindern würde, ist für sie keine Antwort auf das Problem. „Denn die würde den kleinen Ort mit seinem Erscheinungsbild, seiner gewachsenen Struktur nachhaltig zerschneiden und verschandeln“, meint Martin Sußner. Zudem ist das Herrenhaus der Sußners, das sie über Jahre aufwendig restauriert haben, denkmalgeschützt, sodass fraglich ist, ob eine Mauer überhaupt zulässig wäre. Sie wehren sich dagegen, dass am Scherauer Hof weiterhin „einfach Tatsachen geschaffen werden“. Zuletzt sei mit dem Seminarbetrieb eine weitere Lärmquelle unter der Woche hinzu gekommen.

Auch Leinburgs Bürgermeister Lang spricht von einem „Dilemma“. Einerseits sei der Scherauer Hof ein Aushängeschild für die Gemeinde. Andererseits müsse natürlich der Rechtslage und dem Ruhebedürfnis der Nachbarn Rechnung getragen werden. Der „Schneeball“ sei einfach immer größer geworden, sagt er. Man werde sich nun das neu vorgelegte Betriebskonzept anschauen und überlegen, was in der Scherau möglich ist.

„Wir müssen uns fachlich und rechtlich gut aufstellen“, betonte Lang in der letzten Gemeinderatssitzung. Helga Bock selbst will nach eigenem Bekunden „einfach in Frieden leben und den Hof mit ihrer Arbeit erhalten“. Der Ausgang ist offen.

N-Land Stefanie Buchner-Freiberger
Stefanie Buchner-Freiberger