Wegen neuer EU-Norm fürchten Metallbetriebe um ihre Existenz

DIN EN 1090: Das Aus fürs kleine Handwerk?

Bei Schweißerarbeiten, wie sie Robert Lindner hier in seiner Werkstatt in Eschenbach ausführt, schaut die EU den Schlossern künftig ganz genau auf die Finger. Foto: M. Strauß2014/09/5_2_1_2_20140924_DIN.jpg

NÜRNBERGER LAND — Robert Lindner ist sauer. Wegen einer neuen EU-Norm fürchtet der Maschinenbaumeister aus Eschenbach um seine Existenz (die HZ berichtete): Seit Juli braucht er nicht nur ein Zertifikat, sondern muss auch zusätzliche Bürokratie erledigen. Das kostet ihn wertvolle Arbeitszeit. Von den Interessensverbänden fühlt er sich nicht richtig vertreten. Deshalb bittet er die Politik um Hilfe.

„Das kleine Handwerk wird systematisch kaputt gemacht“, schimpft Robert Lindner. „Mittlerweile verbringe ich die Hälfte meiner Zeit mit Schreibarbeit. Als kleiner Betrieb kann ich das gar nicht bewältigen, selbst wenn ich das will!“

Der Maschinenbaumeister mit Schweißerausbildung leitet eine kleine Firma in Eschenbach. Unternehmen wie seins – Kleinst- und Einmannbetriebe – trifft die neue EU-Norm besonders: Seit dem 1. Juli dürfen Metallbaubetriebe Gegenstände wie Treppengeländer nur noch dann herstellen, wenn sie ein EU-Zertifikat haben. Das kostet allerdings 8000 Euro. Zusätzlich müssen sie eine werkseigene Produktionskontrolle (WPK) einrichten, um ihre Arbeit kontinuierlich zu überwachen und zu dokumentieren. Dadurch sollen die Arbeitssicherheit erhöht und Produktionsschritte jederzeit nachvollziehbar werden.

Lindner, der als Unterstützer von Gustl Mollath bekannt geworden ist, sieht dadurch seine Existenz gefährdet: „Größere Firmen bewältigen das mit Leichtigkeit, für die ist das kein Problem. Aber allein für die Schreibarbeit müsste ich eine zusätzliche Kraft einstellen. Das kann ich mir nicht leisten.“ Von den Interessenverbänden fühlt er sich im Stich gelassen: „Da setzt sich leider keiner für die kleinen Handwerker ein.“ Deshalb wandte er sich an die Politik. Die soll nun das richten, was Lindners Meinung nach von den Handwerkskammern und nationalen Verbänden versäumt worden ist.

Unterstützung bekommt er vom Landtagsabgeordneten Hubert Aiwanger (FW): „Es kann nicht sein, dass kleinere Metallbauer und Dorfschlossereien durch völlig überzogene Vorschriften seitens der EU und der Bundesregierung in Zukunft de facto nicht einmal mehr ein kleines Treppengeländer bauen können, da die Schreibarbeit mehr Zeit frisst als das Bauen des Geländers selbst“, so steht es in dessen Presseerklärung.

Sein Parteikollege Thorsten Glauber pflichtet ihm bei: „Es ist Fakt, dass es ein Problem für die kleinen Handwerker ist. Durch die höhere Dokumentations- und Nachweispflicht verdienen sie weniger.“ Glauber sieht die Fehler bei den Verbänden und der Bundespolitik: „Es wurde versäumt, ein klares Wort für das deutsche Handwerk und den Meistertitel auszusprechen. Unser Ausbildungssystem muss wieder mehr in den Fokus gerückt werden.“

Gegen eine Angleichung europäischer Standards habe er nichts, aber es gebe Länder, deren Handwerker in puncto Arbeitssicherheit und Dokumentation größere Probleme hätten als Deutschland. Da wäre es wichtiger, sich zuerst darum zu kümmern. Auch er fordert eine stärkere Einflussnahme der Interessensverbände.

Einer davon ist die Handwerkskammer Mittelfranken in Nürnberg. Sie beschäftigt sich schon länger mit der neuen EU-Norm DIN EN 1090 und hat mehrere Informationsveranstaltungen für Betriebsinhaber organisiert. Deren Sorgen sind den Mitarbeitern der HWK bekannt.

„Bis zu einem gewissen Grad kann ich den Ärger der kleinen Unternehmen durchaus nachvollziehen,“ sagt der Leiter der Abteilung Bildungszentren, Arne Stüber. „Diese grundsätzliche Ablehnung verstehe ich aber nicht wirklich. Weder die Kosten noch die Anforderungen sind so immens hoch, wie gerne dargestellt wird. Außerdem ist die Norm nun wirklich keine Überraschung.“

An Din EN 1090 wurde bereits seit 1988 gearbeitet und immer wieder Zwischenstände veröffentlicht. Die mehrjährige Übergangsfrist bis zur Einführung verschob sich auf Druck der Unternehmen von 2010 auf 2012. Genügend Zeit zur Vorbereitung und Informationen hätte es also gegeben, so Stüber. Auch die Vorgängernorm wäre inhaltlich ähnlich gewesen und hätte vergleichbare Vorschriften und Anforderungen enthalten.

„Die Tragweite war lange nicht abzusehen“, sagt Lindner. Er hofft, dass die Politik „nun nachjustiert“. Auf schnelle Ergebnisse hofft er indes nicht: „Längerfristig sehe ich aber schon eine Chance, dass sich etwas tut. Wenn nicht, werden wohl viele Betriebe zumachen müssen.“

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N-Land Dominik Heinz
Dominik Heinz