Ehrenamt

Aktivsenioren Bayern beraten Existenzgründer

Ein umfassendes EDV-Programm hilft Anton Weiß (links) und Albert Schneider, einen Finanzplan für eine Geschäftsgründung zu erstellen. | Foto: A. Pitsch2020/07/IMG-7862.jpg

HERSBRUCK – „Ich hab‘ da mal eine Idee“: Das hören Anton Weiß und Albert Schneider öfter. Doch so einfach ist es nicht, ein Geschäft zu gründen.

Ob Schuhputzstand vor der Lorenzkirche, Transportangebot mit dem Lastenrad oder Brautmode für fülligere Damen – die beiden Aktivsenioren haben bei ihren Existenzberatungen schon vieles zu hören bekommen. Ein paar Dutzend Fälle, so überschlagen sie, betreuen der Betriebswirt und der Diplomingenieur im Jahr.

Bei 20 Prozent davon sprächen Zahlen und Gefühl für ein „Ja“ zur Gründung, die dann etwa die Hälfte auch wagen. „Viele scheitern am Tun, denn das Geschäft aufbauen, das muss jeder selbst“, erklärt Schneider.

Denn die Aktivsenioren – 59 gibt es in Mittelfranken – beraten nur. Doch dafür nehmen sie sich Zeit – etwas, das laut Schneider beispielsweise Banken oder Jobcentern fehle. Daher und dank eigens entwickelter, professioneller EDV-Programme könnten die Aktivsenioren eben so ins Detail gehen. „Wir können berechnen, wann das Unternehmen in die roten Zahlen rutscht oder schauen, ob es bei extremem Erfolg überhaupt so schnell mitwachsen kann“, sagt Weiß. Teuerungsrate, Saisongeschäft, Franchising, Zahlungsmoral, Lohnkosten – alles lasse sich einbauen.

Erfahrung zählt

Daneben sei aber auch das Bauchgefühl, sprich die Erfahrung der Herren ein echtes Pfund, finden die beiden. Denn die Aktivsenioren sind Rentner, die in verantwortlichen Positionen tätig waren. Wer mitmachen möchte, bewirbt sich; sind die Voraussetzungen passend, wird man im Verein aufgenommen, entsprechend eingelernt und regelmäßig geschult, erzählen die beiden.

So stünden laut Schneider unter anderem Banker, Ingenieure, BWLer für die Beratungen bereit. „Wir können so ziemlich alle Branchen abdecken.“ Unterwegs sind die Aktivsenioren meist zu zweit in wechselnder Besetzung – je nach Fragestellung und eigenem Wissenstand. Um sich auf den Termin vorbereiten zu können, müssen die Gründer, die meist von Jobcenter oder Wirtschaftsförderung an die Berater verwiesen werden, über die Vereinswebsite einen Auftrag erteilen: „Dann haben wir erste Infos und es ist alles offiziell“, berichtet Schneider, „denn wir arbeiten zwar ehrenamtlich, aber der Verein braucht Geld“. Daher werde eine Fallpauschale von 100 Euro für eine Begleitung von rund einem halben Jahr erhoben, so Schneider.

Ziel des Sprechtags sei es, betonen beide, „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Man könne nicht jemandem in die Selbstständigkeit verhelfen, der dafür nicht geeignet sei: „Es nutzt niemandem, wenn er Schulden macht und Ressourcen verschwendet.“ Dabei sei es die große Kunst, den Leuten schonend beizubringen, dass ihre glorreiche Idee nichts wird, ergänzt Weiß. Vielen würden bei der Gründung nämlich entscheidende Dinge nicht bedenken, wie Bevorratung oder Kühlung für Lebensmittel im Gastro-Bereich.

Gerade deshalb gingen die Aktivsenioren bei der Erstberatung, die laut Schneider den größten Teil ihrer Arbeit ausmache, so ins Detail. Gestartet werde mit der Finanzplanung, bei der „alles abgefragt“ werde, wie private Einnahmen, Verpflichtungen und mehr. „Man muss bereit sein, die Hosen runterzulassen“, sagt Weiß ernst – sonst bescheiße man sich selbst. Das sei wichtig für die Beurteilung der finanziellen Tragfähigkeit der Geschäftsidee.

Die Aktivsenioren sprechen Versicherungsfragen an – „was essenziell ist, was später dazu kann“ –, berechnen Betriebsausgaben, erstellen Prognosen bis hin zur steuerlichen Betrachtung, geben Infos zum Thema Marketing und versuchen dabei abzuklopfen, wie gut ein Gründer Kundschaft und Branche kennt, fassen Schneider und Weiß ihre Tätigkeiten zusammen. „Das, was dabei herauskommt, ist ein Modell der Bilanz der nächsten drei Jahre“, beschreibt Weiß das Ergebnis.

Wert statt Kosten

Diese Tragfähigkeitsbescheinigung verfüge über eine große Akzeptanz bei den Jobcentern. „Wir erstellen aber nur ein Gutachten, ob und mit wie viel die Gründung gefördert wird, entscheidet die Bundesagentur für Arbeit“, machen die beiden deutlich. Auch würden sie weder Rechts- noch Steuerberatung leisten.

Aber die Aktivsenioren erstellen mit den Gründern einen Businessplan, helfen bei Genehmigungen, bereiten die Bankunterlagen vor und sind auf Wunsch auch vor Ort dabei, führen Schneider und Weiß weiter aus. „Viele lassen sich beim Start über den Tisch ziehen, weil sie alles nehmen, was sie bekommen können“, wissen die beiden. Hier sei es ihr Anliegen, die Jungunternehmer zu lehren, dass sie dem Kunden ihren Wert vermitteln müssen und nicht das, was sie kosten.

Tauchen Probleme auf, wenn das Geschäft bereits laufe, stünden sie mit Lösungsmöglichkeiten zur Seite. „Das geht hin bis zum Coaching in der Praxis, beispielsweise wie man ein Verkaufsgespräch führt“, sagt Weiß. So eine Begleitung laufe dann aber über einen gesonderten Vertrag.

Und die Aktivsenioren können noch mehr, verraten Schneider und Weiß nicht ohne Stolz: Sie unterstützen Handwerker bei Kalkulationen, denn „viele hören auf Bauchwerte bei den Betriebskosten“, so Weiß. Auch praxisnahe Bildungsprojekte an Volkshochschulen, Unis und Schulen zu den Themen Vorstellungsgespräch, Bewerbung, Zeitmanagement oder Führungsmethoden gehören zu ihrem Aufgabenspektrum.

Ein Koch mit Zeilen

Ein Aktivsenior habe sogar ein PC-Programm entwickelt, mit dem man leichter lesen lernen könne. „Viele Kinder tun sich damit sehr schwer“, meint Schneider. Beim „Lesekoch“ lasse sich die individuelle Lesegeschwindigkeit einstellen, erklärt er.

Wesentlich mehr ehrenamtliche Berater – nämlich vier bis fünf – seien beteiligt, wenn es um die Analyse eines Geschäftsmodells eines bestehenden Unternehmens gehe, so Weiß. „Wir prüfen die Bilanzen, bewerten das Geschäft und auch den Führungsstil im Hinblick auf die aktuelle Lage.“

Damit ließen sich beispielsweise Firmenübernahmen von Alt auf Jung moderieren oder man könne berechnen, wie viel ein Unternehmen bei einem Verkauf wert ist. Auch Stärken, Schwächen, Ziele und Defizite könnten auf diese Weise aufgespürt und formuliert werden. „Das ist ein aufwendiger Prozess“, verraten Albert Schneider und Anton Weiß. Aber genau dafür haben die Aktivsenioren Zeit und auch jede Menge Erfahrung in petto.

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