Neue Vortragsreihe in Hersbruck

Wie sich Begräbnisformen wandeln

„Oma als Diamanten in der Rolex der Enkel“: Thomas Klie hat in vielen Gesprächen auch von sehr außergewöhnlichem Umgang mit der Bestattung gehört. | Foto: U. Scharrer2019/10/Begraebnisformen.jpg

HERSBRUCK – „Sonntag Abend kommen die Leichen in Großaufnahme ins Wohnzimmer!“ Der Trend, in Fernsehkrimis stets einen Abstecher ins Leichenschauhaus zu machen, markiert eine Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung des Todes. Viele Tabus gelten nicht mehr, die Individualität macht auch vor den Bestattungsformen nicht halt.

Thomas Klie besetzt den Lehrstuhl für praktische Theologie an der Fakultät Rostock und ist der Doktorvater von Lydia Kossatz, Pfarrerin in Förrenbach. Er eröffnete die Vortragsreihe „Was kommt nach dem Tod – Jenseitsvorstellungen und Bestattungskultur“, die der „Raum der Stille“ – hier speziell Irmingard Philipow – und die evangelische Bildungsarbeit im Dekanat initiiert haben.

Humorvoll, ohne salopp zu sein, gab der Experte für Bestattungskultur Einblicke in die interessanten Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen in der Art, wie bestattet wird. Manchmal eben gar nicht mehr. Wenn aus den Überresten eines kremierten Körpers ein Aschediamant gepresst wird, gibt es auch kein Grab mehr.

Die Menschen, die Thomas Klie, Mitautor des Buches „Der Glanz des Lebens – Aschediamant und Erinnerungskörper“, in seinen Recherchen befragt hat, gaben überwiegend an, den Schmuckstein nahe am Körper zu haben. Als Ring oder Kettenanhänger wird teils auch mit dem Verstorbenen gesprochen, auf alle Fälle aber die Verbundenheit mit dem Verstorbenen gespürt.

Das entspricht der Aussage „Meine Trauer braucht keinen Ort“, die inzwischen 75 Prozent der Bevölkerung treffen und die einen Verzicht auf ein Erdgrab als Gedenkort nahelegt. Die Abschaffung des Sterbegelds 2004 setzte etwas in Gang, was bereits in der Luft lag: sich auch über die finanziellen Aspekte der Beerdigung Gedanken zu machen. Das verstärkte die Entscheidungen für Feuerbestattungen, die inzwischen unaufhaltsam die Erdbestattungen ablösen, in evangelischen Gegenden schneller als in katholischen.

Persönlicher Stil

Apropos Entscheidung: Die Individualisierung der Gesellschaft fordert inzwischen auch individuelle Begräbnisformen und im Zuge dessen viele Entscheidungen von den Hinterbliebenen, es sei denn, alles wurde bereits im Vorfeld besprochen und entschieden. Bemalen des Sargs, Aufstellen eines Großfotos in der Trauerfeier, Gestalten der Urne, Seebestattung, Verstreuen der Asche oder eben das Pressen eines Schmucksteins sind so verschieden wie die Menschen und können Teil des Trauerprozesses sein. Obwohl gesetzlich geregelt und inzwischen auch institutionalisiert, gibt es genug Möglichkeiten für den persönlichen Ausdruck.

Die Bestattung in einem Friedwald ordnete Klie als naturreligiösen Stil ein. Die Generationenfolge der Menschen wieder in den Kreislauf der Natur einzuordnen, spielt bei der Entscheidung eine ebenso große Rolle wie der „Wald“, der für Deutsche eine ganz besondere Bedeutung hat. Der erste christliche Friedwald ist übrigens gar nicht so weit weg und wird auf dem Schwanberg bei Kitzingen von einer evangelischen Schwesternschaft betreut.

Sich im Kreise von Leidensgenossen bestatten zu lassen, diese Möglichkeit bietet seit 1995 die Aids-Initiative „Memento“ mit gemeinsamen Grabstätten für Aids-Tote auf dem Friedhof Ohlsdorf. Auch lebenslange Fans eines Fussballvereins haben inzwischen Chancen, gemeinsam auf die Ewigkeit zuzugehen: der „Fan-Friedhof“ des Hamburger SV hat seit 2008 ein Gräberfeld für Mitglieder und Fans des Sportvereins, die „auch über das Lebensende hinaus die Nähe zu Verein und Stadion suchen“.

Keine Last sein

In der anschließenden Fragestunde zeigte sich, dass auch die Besucher des Abends sich schon Gedanken darüber gemacht haben, wie sie mit ihrem eigenen Ableben umgehen wollen. Die heute so mobile Nachkommenschaft nicht mehr mit der Pflege eines Grabes zu belasten, spielte eine Rolle wie auch die oben bereits genannte Aussage, dass Gedenken an einen geliebten Menschen nicht zwangsläufig einen Ort braucht. Der Glaube an die Auferstehung macht es unwichtiger, was davor mit einem Toten geschieht. Zunächst sich selbst klar zu werden, was man für sich möchte, war für alle Anwesenden von Bedeutung. Und das ist in den Zeiten so vieler Möglichkeiten gar nicht mehr so einfach.

Der nächste Vortrag der Reihe heißt „Juden, jüdisches Leben und jüdische Friedhöfe in Franken“. Referent Lothar Mayer ist Diplomingenieur, Fotograf und Herausgeber diverser Bildbände. Am 14. November spricht er um 19.30 Uhr im Selneckerhaus, Nikolaus-Selnecker-Platz 6, Hersbruck.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer