Treffen im Hirtenmuseum

Seminar zur Weidehaltung

Bei einer geführten Wanderung über die Hutanger von Steinensittenbach sahen die Seminarteilnehmer mit eigenen Augen, wo das Hutangerprojekt sein Zuhause gefunden hat. | Foto: Karl Heinlein2019/06/Fachtagung_2019b.jpeg

HERSBRUCK – Mit einer laut scheppernden Kuhglocke treibt Rainer Wölfel die Teilnehmer seines Seminars über naturnahe Weidehaltung zurück aus der Pause an die Arbeit. Über 80 Gäste informierten sich bei zahlreichen Vorträgen.

Im Saal des Hirtenmuseums haben sich die „Influencer“ aus den Behörden versammelt, die für Naturschutz und Umweltförderung zuständig sind – und für die Verteilung von Fördergeldern. Das Bundesamt für Naturschutz hat Vertreter geschickt, die Landratsämter, die Naturschutzbehörden, der Demeterbund, das Umweltministerium und viele mehr. Rainer Wölfel, Gebietsbetreuer für die Hutanger der Hersbrucker Alb, hat in Kooperation der beiden Naturschutzvereine für interessante Referenten gesorgt.

Rückeroberung der Natur

Die warten mit neuen Erkenntnissen aus der Forschung auf oder beobachten „live“ in geförderten Weideprojekten die Auswirkungen auf Flora und Fauna. Sie zählen akribisch seltene Orchideen oder Zikaden, begeistern sich für die Maden im Kuhfladen, schwärmen vom Leben im Totholz oder plädieren für das Liegenlassen von Aas.

Das alles ist nicht halb so schrullig, wie es klingt: Lässt man Großvieh wie Wildpferde oder Rinder oder auch Ziegen dauerhaft Flächen beweiden, ohne einzugreifen, dann erobert sich die Natur verloren geglaubtes Terrain auf überraschende Weise zurück. Selbst Randerscheinungen, die den auf ordentliche Weiden bedachten Landwirt ärgern würden, sorgen für das Wieder-Auftauchen lang vermisster Spezies. In bei Nässe entstandenen tiefen Trittlöchern von Huftieren fühlen sich spezielle Molche wohl, an den Rändern ausgetretener Pfade erblühen Kräuter, die man lange nicht gesehen hat, von Ziegen „verbissenes“ Gehölz erneuert sich.

Kunterbunte Vielfalt

Über die Zusammenhänge in diesem komplizierten und fragilen Gleichgewicht informierten Referenten wie Martina Köhler von der Hochschule Anhalt. In den „Toten Tälern“ und der „Oranienbaumer Heide“, beides Naturschutzgebiete mit ganzjähriger Beweidung, hat sie erstaunliche Beobachtungen über die positiven Auswirkungen der Beweidung machen können.

Herbert Nickel, zuständig für Graslandmanagement in Göttingen, studiert immer wieder die Wirkung naturnaher Beweidung auf die Biodiversität, also auf die Artenvielfalt, und zeigt die kunterbunte Vielfalt von Zikaden, die auf Weideflächen zu finden ist.

Zur grundsätzlichen Begriffsklärung trägt Alois Kapfer vom Ingenieurbüro für Landschaftsplanung in Tuttlingen bei, der erklärt, wann eine Beweidung wirklich naturnah ist. Oder Anita Idel, Projektmanagerin für Biodiversität im Feldatal. Sie stellt die provokante These in den Raum: „Der Klima-Killer ist immer der Mensch“ und zeichnet ein düsteres Bild konventioneller Landwirtschaft.

Fördermittel und Kosten

Über ökonomische Bedingungen machen sich Thomas Waltz vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz und Uwe Riecken vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn Gedanken: „Wo gibt es Fördermittel? Was muss ich dafür tun?“

Norbert Bleisteiner, Leiter des Fachzentrums für Energie und Landtechnik Triesdorf, klärt über die Kosten der Landschaftspflegebeweidung auf. Rainer Luick von der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg zeigt in Bild und Text, wo die Weidelandschaften Europas liegen und Rainer Wölfel selbst erzählt von Hirten, Herden und Hutangern.

Perfekter Tagungsort

Bei der trockenen Theorie soll es nicht bleiben, es gibt Braten vom Hutangerrind und eine geführte Wanderung über die Hutanger von Steinensittenbach, wo das Hutangerprojekt sein Zuhause gefunden hat. Wie passend der Tagungsort gewählt war, konnte Museumsleiterin Ingrid Pflaum den Tagungsgästen beim Rundgang durch das Hirtenmuseum nahebringen: Die Beweidung von Flächen hat im Fränkischen eine lange und bis heute nicht unterbrochene Tradition – das macht Hersbruck zum Tagungsort par excellence.

N-Land Ute Scharrer
Ute Scharrer