Schwammige Formulierungen der Politik

Ist das noch Notbetrieb?

Beinahe 50 Prozent beträgt die Auslastung in manchen Kitas im Nürnberger Land. Von einer Notbetreuung kann nicht die Rede sein. | Foto: 1001color/stock.adobe.com2021/01/NL-Kita-Notbetreuung-Adobe-Stock-scaled.jpg

NÜRNBERGER LAND – Obwohl Krippen, Kitas und Horte geschlossen sind, steigt die Zahl der zu betreuenden Kinder. Träger und Einrichtungen sehen die Politik in der Pflicht und fordern strikte Kriterien für die Inanspruchnahme der Betreuung.

Nicht nur Schulen sind ob des Lockdowns mindestens bis 31. Januar – und wahrscheinlich noch darüber hinaus – geschlossen. Auch Krippen und Kindergärten gelten nach wie vor offiziell als geschlossen. Für Härtefalle, sprich Familien, die ihr Kind nicht zuhause selbst betreuen können, wird wie bereits im Frühjahr 2020 eine Notbetreuung angeboten. Der Haken: Anders als noch im vergangenen Jahr nehmen aktuell deutlich mehr Eltern die Betreuung in Anspruch. Und die Zahlen dürften weiter steigen, sollte die Politik nicht zügig neue Kriterien zur Notfallbetreuung einführen.

Davon ist auch Diakon Philip Höhn überzeugt. Er ist Verwaltungsleiter der Evangelischen Kindertagesstätten in Feucht. Nach eigenen Angaben werden im Normalbetrieb in Feucht und Moosbach circa 500 Kinder, in Oberferrieden rund 60 Kinder betreut. „Aktuell liegt der Schnitt der Kinder in unseren Einrichtungen zwischen 20 und 30. Einige Einrichtungen sind zu einem Viertel belegt, andere wiederum sind beinahe halb voll. Unter offiziell geschlossen verstehe ich ehrlich gesagt etwas anderes.

Zwar sei er überzeugt, die meisten Eltern würden gewissenhaft handeln und ihr Kind wirklich nur dann in die Einrichtung bringen, wenn sich ihnen keine andere Option böte. Dennoch gebe es sicherlich einige Eltern, die ihr Kind in die Einrichtung brächten, weil dort bereits die engen Freunde des eigenen Kindes notbetreut würden. „Die Schwierigkeit ist, dass Eltern keine Bestätigung vom Arbeitgeber bei uns vorlegen müssen. Es reicht eine Unterschrift bei uns in den Einrichtungen, die besagt, dass sie keine Möglichkeit der Selbstbetreuung der Kinder haben.

Bald wieder komplett ausgelastet?

Dem Missbrauch der Notbetreung wird so Tür und Tor geöffnet. „Es werden wöchentlich mehr Kinder sein. In ein paar Wochen sind wir dann wieder komplett ausgelastet und haben Regelbetrieb, obwohl die Kitas offiziell geschlossen sind. Das passt nicht zusammen“, gibt Höhn zu bedenken. Er geht davon aus, dass die Politik, wie bereits im Frühjahr 2020, wieder bestimmte Kriterien wie die Systemrelevanz von Berufen einführen muss, um eine echte Notbetreuung gewährleisten zu können.

Auch Petra Reinfelder bestätigt eine stetig wachsende Inanspruchnahme der Notbetreuung. Sie ist Kita-Verwaltungsleiterin der Kirchengemeinden Burgthann, Altenthann und Winkelhaid, in fünf Einrichtungen werden rund 500 Kinder betreut. Sie sagt: „Die Auslastung ist in den Einrichtungen sehr unterschiedlich. Die Zahlen variieren zwischen zehn und beinahe 50 Prozent. Auch tageweise sind die Unterschiede groß. Freitags beispielsweise ist verhältnismäßig wenig los.

„Wo will Vater Staat eigentlich hin?“

Ihr ist es wichtig zu betonen, dass ihre Einrichtungen „grundsätzlich überhaupt kein Problem damit haben, die Kinder zu betreuen. Dafür sind wir ja da.“ Die große Frage sei allerdings: „Wo will Vater Staat eigentlich hin? Wenn die Zahlen weiter sinken sollen, müssen dazu auch die Kontakte weiter reduziert werden. Das funktioniert dann aber nur über klare und strikte Kriterien bezüglich der Notbetreuung, anders geht‘s nicht.

Um die politischen Entscheidungsträger in der Landeshauptstadt über die Entwicklung der Notbetreuung auf dem Laufenden zu halten, pflegt sie täglich die Zahlen ihrer Einrichtungen in ein Onlineportal des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales ein. „Die sollen ja auch sehen, wie sich der Zulauf entwickelt und dass es täglich mehr Kinder werden“, begründet sie.

Ob sie fürchte, dass Krippen und Kitas aufgrund der nicht signifikant sinkenden Infektionszahlen künftig wieder komplett schließen müssten? „Offiziell sind wir ja schon geschlossen. Mehr als schließen geht ja nicht. Aber wenn uns Corona eines gelehrt hat in der Vergangenheit, dann, dass Prognosen äußerst schwierig sind. Ich jedenfalls rechne nicht damit, dass wir schnell wieder im Regelbetrieb angekommen sind.

Kinderkrankheitstage werden kaum genutzt

Befürchtungen, die auch Christine Hupfer teilt. Sie ist Kita-Verwaltungsleiterin der evangelischen Kirchengemeinde Leinburg und betreut insgesamt fünf Einrichtungen in Leinburg, Gersdorf, Brunn und Diepersdorf. Während in der Diepersdorfer Rappelkiste aktuell 25 anstatt der üblichen 75 Kinder betreut werden, beträgt die Auslastung in der Krippe Schnullervilla in Leinburg bereits zwei Drittel. „Wir hatten schon gehofft, dass mehr Eltern von den zusätzlichen zehn Kinderkrankheitstagen Gebrauch machen und die Kinder weiterhin zuhause betreuen würden“, sagt Hupfer, die gleichzeitig klarstellt, dass sich „der Großteil unserer Eltern vernünftig und solidarisch verhält“.

Dennoch gebe es immer auch „Ausnahmen, die die Notbetreuung ausnutzen. Da ich keinen Nachweis über die Notwendigkeit der Betreuung verlangen darf, habe ich da keine Handhabe“. Unter den Eltern der Kinder seien Polizisten und Alleinerziehende, auch fehlten oftmals Großeltern, die im Notfall die Betreuung der Kleinsten übernehmen könnten. „Genau für diese Menschen ist die Notbetreuung da“, sagt sie.

Hoffnung, schon bald wieder in den Regelbetrieb übergehen zu können, hegt Christine Hupfer nicht. „Wir würden liebend gerne wieder Regelbetrieb anbieten und unsere Kinder wieder begrüßen. Aber nach der aktuellen Entwicklung der Zahlen gehe ich davon aus, dass wir auch im Februar nur eine Notbetreuung anbieten werden können.“ Jetzt ist die Politik am Zug. Darin sind sich alle Kita-Verwaltungen einig.

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