Die Odyssee einer Feuchterin

Kein Schlüssel, kein Handy, keine Hilfe

Kann nach dem Erlebnis in Feucht schon wieder lachen: Raquel Elger. | Foto: privat2021/01/Feucht-Elger-Raquel-Baby-online-scaled.jpg

FEUCHT – Mit Baby und Hund ausgesperrt: Was Raquel Elger in Feucht erlebt, macht die junge Frau und ihren Mann traurig. Am Ende hilft die Feuerwehr.

Daniel Elger hat lange überlegt, ob er erzählen soll, was seine Frau Raquel in Feucht erlebt hat. Am Ende steht die Entscheidung: Es muss sein! „Es gibt Dinge, über die sollte man sprechen“, betont der Feuchter. Lassen wir ihn erzählen:

„Eine Frau legt wie jeden Tag ihr zwei Monate altes Baby in den Kinderwagen, schnallt den Hund an und packt ihren Rucksack, um den täglichen Spaziergang zu machen. Draussen ist es bitterkalt, es fällt Schnee. Schnell die Stiefel anziehen, aus der Haustür raus, die Tür zuziehen und … verdammt! Der Rucksack ist in der Wohnung, die junge Frau steht mit ihrem Baby vor verschlossener Tür. Keine Schlüssel, keine Brieftasche, kein Handy, keine Maske, keine Handschuhe… alles in der Wohnung. Panik! Was tun?

Weit und breit keine Hilfe

Zuerst mal bei den Nachbarn klingeln, aber ohne Erfolg, keiner ist da. Dann hat die junge Mutter eine Idee: Schnell zum großen Bäcker in der Ortsmitte, da arbeitet die einzige Kontaktperson, die sie in Feucht hat.
Beim Bäcker kann man ihr zunächst nicht weiterhelfen, ihre Bekannte arbeitet heute nicht. Telefonnummern von Mitarbeitern dürfe man aber nicht rausgeben, sagt man ihr. Eine Verkäuferin ist dann doch bereit, bei der Kontaktperson anzurufen. Als sie niemanden erreicht, sagt man der jungen Mutter, man könne nichts für sie tun und schickt sie mit ihrem Baby wieder in die Kälte.

Mit Säugling im Kinderwagen und Hund an der Leine geht die junge Frau jetzt zu ihrer Bank, hier verspricht sie sich Hilfe, weil sie bei diesem Kreditinstitut ein Konto hat und sich ihre Wohnung außerdem im selben Gebäude befindet, in dem auch die Geschäftsräume der Bank sind.
Doch auch hier gibt es keine Hilfe für die junge Mutter. Auf ihre Bitte hin, ihren Mann an dessen Arbeitsstelle in Hersbruck anzurufen und die Situation zu schildern, telefoniert zwar ein Mitarbeiter, nachdem das Gespräch nicht zustande kommt, gibt er es auf. Man bittet die junge Mutter zu gehen.

20 Minuten sollte der Spaziergang an der frischen Luft mit Baby und Hund dauern, jetzt ist die junge Frau schon eine Stunde bei Minusgraden unterwegs, fühlt sich gänzlich im Stich gelassen und macht sich ernste Sorgen um ihr Kind. Völlig am Ende erinnert sie sich an den Weg zur Feuerwehr. Auf der Wache angekommen erklärt sie unter Tränen dem Feuerwehrkameraden die Situation. Dieser reagiert sofort. Innerhalb von Minuten ist die junge Frau zuhause, die Tür ist geöffnet und alles ist wieder gut… Oder vielleicht doch nicht?!“

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Ende gut, alles gut?

Daniel Elger macht es traurig, dass seine Frau nach ihrem Missgeschick mit ihrem zwei Monate alten Söhnchen durch die Gemeinde laufen muss und ihr nicht geholfen wird. Ist es fehlende Empathie, Mangel an Erziehung, Angst vor einer Ansteckung mit Corona? Oder liegt es daran, dass seine Frau als gebürtige Portugiesin deutsch mit Akzent spricht? Raquel Elger ist Sängerin am Staatstheater in Nürnberg, sie lebt seit 2016 in Feucht. Nie hätte sie gedacht, einmal in eine solche Situation zu geraten. Mit ihrem Mann hat sie lange über ihr Erlebnis gesprochen. „Es war ein Nachmittag, aus dem wir persönlich so einiges lernen“, hält Daniel Elger fest.

Wir werden noch mehr auf andere achten, hinschauen, auch wenn sie es nicht tun. Empathie und Nächstenliebe ist nichts selbstverständliches. Wir müssen sie vorleben und scheinbar einigen jungen Leuten wieder beibringen.

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