Ein Jahr Corona: Die Bilanz des Landratsamts

„Haben unser Möglichstes getan“

Der große Sitzungssaal im Laufer Landratsamt wurde zum Großraumbüro der Führungsgruppe Katastrophenschutz. Während des Katastrophenfalls arbeiteten haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter hier im 24-Stunden-Schichtdienst. | Foto: Landratsamt Nürnberger Land2021/01/Lauf-NEU-Katastrophenschutz-NBG-Land-Landratsamt-Sitzungsaal-scaled.jpg

NÜRNBERGER LAND – Heute vor einem Jahr wurde bei einem Mann aus Bayern die erste Corona-infektion Deutschlands nachgewiesen. Gut einen Monat später war das Virus im Nürnberger Land angekommen. Landratsamtsprecher Dr. Rolf List blickt zurück und wagt
eine vorsichtige Prognose für den Sommer. Vor allem die neuen Virus-Mutationen bereiten ihm große Sorgen.

Exakt ein Jahr ist vergangen, seit in Deutschland die erste Covid-19-Infektion nachgewiesen wurde. Ein 33-jähriger Mann aus dem oberbayerischen Landkreis Landsberg am Lech hatte sich während einer Schulung seines Arbeitgebers Webasto bei einer chinesischen Kollegin angesteckt. Am Samstag, 7. März, vermeldete auch das Landratsamt die erste nachgewiesene Infektion im Nürnberger Land: Eine Erzieherin der Lebenshilfe-Kita in Röthenbach bei Lauf war positiv auf das neuartige Virus getestet worden. Bis heute haben sich nach Angaben des Landratsamtes 4330 Personen im Landkreis mit dem Virus infiziert, 153 sind seitdem mit oder am Corona-Virus verstorben.

Herr List, der 7. März 2020, der Tag der ersten nachgewiesenen Infektion im Landkreis, dürfte Ihnen in Erinnerung geblieben sein?
Allerdings, ja. Ich weiß noch, dass es ein Wochenende war. Ich bin damals ins Landratsamt gefahren, um eine Meldung zu verfassen. Die habe ich dann ans Ministerium geschickt und mit den Kolleginnen dort abgestimmt. Dieser Vorgang war dann aber schon bald nicht mehr erforderlich.

Weil es schlicht zu viele Infektionen binnen kürzester Zeit gab. Hätten Sie rückblickend gedacht, dass sich die Zahl der Neuinfektionen derart rasant entwickeln würde?
Die Entwicklung, so wie sie letztlich eingetreten ist, konnte man im Vorfeld nicht vorhersagen. Natürlich war uns allen damals bereits bewusst, dass da etwas Großes auf uns zurollt. Die Wucht des Aufpralls hat uns dann aber schon sehr überrascht. Im Nachhinein sage ich auch: Es wäre besser gewesen, noch vor den Faschingsferien 2020 bereits in den Lockdown zu gehen. Aber hinterher ist man ja bekanntlich immer schlauer.

Der Landkreis hat offiziell 170 868 Einwohner. Mit den 20 bestätigten Neuinfektionen von Dienstag haben sich bislang 4330 Personen (2,53 Prozent der Bevölkerung) mit dem Virus infiziert, 3852 gelten als genesen. Wie schätzen Sie die Zahlen ein?
Auf den ersten Blick betrachtet klingen die Zahlen nicht gerade nach viel und wirken auch nicht sehr bedrohlich. Das Problem ist aber: Das Virus ist einfach unberechenbar, von einem Krankheitsverlauf mit null Symptomen bis hin zum Tod ist alles möglich. Dazwischen gibt es ein breites Sprektrum an Verläufen: Vom Verlust des Geschmacks- und Geruchssinns bis hin zu Patienten, die ins künstliche Koma gelegt werden und hinterher das Schlucken neu erlernen müssen. Von daher versuche ich nach wie vor, mich so gut es geht zu schützen und mich an alle Regeln zu halten. Und das sollten weiterhin alle Menschen tun.

Große Sorge bereiten die verschiedenen Virus-Mutationen, die weltweit auf dem Vormarsch sind. Wurden im Nürnberger Land bereits welche nachgewiesen?
Meines Wissens nach wurden bislang noch keine Mutationen bei uns nachgewiesen. Aber man kann natürlich davon ausgehen, dass das nur eine Frage der Zeit ist, denn die Labore suchen mittlerweile gezielt nach solchen Veränderungen. Bis dahin kann ich nur dazu raten, noch vorsichtiger zu sein, weil die neuen Varianten noch ansteckender sind. Wir sollten alles dafür tun, Bilder wie in Portugal zu vermeiden, wo Rettungswagen vor den Krankehäusern Schlange stehen, um die Corona-Patienten einliefern zu können.

Dr. Rolf List sorgt sich um die Mutationen des Coronavirus. | Foto: privat2021/01/NL-Dr.jpg

Portugal hat aktuell eine 7-Tages-Inzidenz von rund 850 gerechnet auf 100 000 Einwohner, das Nürnberger Land kommt derzeit auf einen Wert von 51,5. Wie sehr fürchten Sie die neuen Mutationen?
Mich persönlich beschäftigen diese Mutationen schon sehr. Denn was wir bislang wissen, ist, dass sie um ein Vielfaches ansteckender sind. Das bedeutet, dass sich künftig mehr Menschen damit infizieren können. Mehr Infizierte wiederum führen zu mehr Kranken, und mehr Kranke bedeuten dann leider auch mehr Intensivpatienten. Das ist es, was mir Sorgen bereitet.

Wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken: Würden Sie sagen, das Landratsamt hat bezüglich seiner Corona-Politik vieles richtig gemacht?
Wir haben auf jeden Fall unser Möglichstes getan, das steht außer Frage. Insbesondere in der ersten Welle haben wir uns täglich in einem Krisenstab aus Gesundheitsamt, Ärzten und Ehrenamtlichen aus Feuerwehr, BRK und THW zusammengesetzt und darüber beratschlagt, wie wir weiter verfahren sollen. Zum Beispiel, als es um die Ausstattung der Krankenhäuser und Alten- und Pflegeheime mit Schutzanzügen und Masken ging. Auch die Mitarbeiter in der Corona-Hotline, die wir ab dem 11. März für die Bürger eingerichtet haben, arbeiten nun seit fast einem Jahr unermüdlich und mit vollem Einsatz für unsere Bevölkerung.

Gibt es auf der anderen Seite Punkte, beispielsweise in der Kommunikation, die Sie rund ein Jahr später anders machen würden?
Wir haben immer nach bestem Wissen und Gewissen informiert. Dass Fehler passieren, kommt vor und ist in so einer neuen Situation auch völlig normal. Dennoch gibt es auch vieles, wo wir den schwarzen Peter zugeschoben bekommen haben, obwohl wir gar nichts dafür konnten. Dass beispielweise manche Leute ihr Testergebnis später erhalten haben, als ursprünglich geplant, lag nicht an uns, sondern an den Laboren, die ihrerseits mit der enormen Nachfrage überfordert waren. Und auch heute noch, fast ein Jahr nach dem Ausbruch, ist es so: Wir wissen etwas und sind von diesem Stand der Dinge überzeugt. Eine halbe Stunde später schon kann sich das aber wieder ändern und wir müssen unsere Strategie ändern.

Bestes Beispiel dafür sind die anhaltenden Engpässe bei den Impfstofflieferungen.
Richtig. Das ist nicht zufriedenstellend. Fakt ist aber: Die Malteser, die das Impfzentrum in Röthenbach betreuen und managen, erhalten am Tag bis zu drei Anrufe, in denen sich der Lieferumfang kurzfristig ändert. Das, was wir im Landratsamt wissen, teilen wir der Bevölkerung auch immer umgehend mit.

Apropos Impfdosen: Vergangenen Samstag kam die vorerst letzte Lieferung in Röthenbach an. Gibt es hier schon einen neuen Stand?
Nein, bis jetzt haben wir noch keine neuen Informationen, wann wir die nächste Impfstoff-Lieferung erhalten werden.

Der Lockdown wurde bis Mitte Februar verlängert, die Maßnahmen zeigen Wirkung, die Inzidenzwerte sinken – wenn auch langsam. Halten Sie es für realistisch, dass wir einen Sommer wie 2020 erleben werden? Biergärten und Schwimmbäder hatten geöffnet, selbst Urlaubsreisen waren da wieder erlaubt.
Das ist ein bisschen so wie in die Glaskugel zu schauen: Natürlich wünsche auch ich mir wieder Normalität zurück. Nicht nur, weil mein letzter Friseurbesuch bereits sechs Wochen zurückliegt und es wirklich dringend wieder an der Zeit wäre. Auch ich möchte wieder ins Stadion gehen und Spiele der Nürnberg Ice Tigers oder des HC Erlangen live erleben. Auch ich möchte wieder einmal ein Rockkonzert besuchen können. Das ist eine Mischung aus Hoffen und Bangen. Ich hoffe natürlich, dass die Impfungen in Kombination mit der milden Witterung im Frühjahr dazu führen werden, das Virus wieder zurückzudrängen. Aber wir müssen einfach sehen, wie sich die neuen Mutationen des Virus ausbreiten und auswirken. Insofern ist es sehr schwierig, eine Prognose für den Sommer 2021 abzugeben.

Nichts Neues verpassen! - Newsletter abonnieren