Eindrücke vom Bibelmarathon in Ottensoos

Gottes Wort, fünf Tage und vier Nächte lang

Günther Beckstein las am Mittwochvormittag aus dem Buch Mose. Der ehemalige bayerische Landesvater nimmt sich fast jeden Morgen etwas Zeit für eine Bibelstelle und einen Erklärtext dazu. | Foto: Kirchmayer2017/05/Ottensoos-Bibellesen-Beckstein-Kinder.jpg

OTTENSOOS – Es ist eine unwirkliche Situation: Mitten in der Nacht wird in einer leeren Kirche aus der heiligen Schrift gelesen – von blutigen Schlachten auf Gottes Geheiß. PZ-Redakteur Andreas Kirchmayer hat sich spontan am Ottensooser Bibelmarathon beteiligt. Er begann am Mittwoch und dauert bis Sonntag. Insgesamt beteiligen sich fast 200 Personen.

Der Herr aber erschien in der Hütte in der Wolkensäule, und die Wolkensäule stand über dem Eingang der Hütte (5 Mose 31,15)

23.50 Uhr. Die Kirche ist kalt – die Heizung ist auf maximal 14 Grad eingestellt – und fast leer. Ein älterer Mann liest. Ein weiterer sitzt in einer der Bänke, eine Frau auf einem Stuhl. Sie ist gerade die Aufpasserin. Ganz allein darf niemand lesen, eine Aufsicht ist immer zugeteilt. Ich stelle mich vor, dann setzte ich mich in die erste Reihe. Und höre zu.

Vor Hunger sollen sie verschmachten und verzehrt werden vom Fieber und von jähem Tod. Ich will der Tiere Zähne unter sie schicken und der Schlangen Gift. (5 Mose 32, 24)

Gelesen wird beim Bibelmarathon die ganze Heilige Schrift, von der Schöpfung bis zur Offenbarung. In der ersten Nacht stecken die Leser noch tief im Alten Testament. Seht ihr nun, daß ich‘s allein bin und ist kein Gott neben Mir! Ich kann töten und lebendig machen, ich kann schlagen und heilen (5 Mose, 32,  29)

Wieso bin ich hier? Statt mich um halb zwölf in dieser Vollmondnacht ins Auto zu setzen, hätte ich auch schlafen gehen können. Auf der Fahrt habe ich einer Katze und einem Marder eine gute Nacht gewünscht. Ich bin hier, weil es meine Arbeit als Journalist ist, besondere Ereignisse zu begleiten. Auch zu dieser Zeit. Gerade zu dieser Zeit. Einen Bibelmarathon gibt es nicht alle Tage.

Einzelne Kapitel zugeteilt

Der starke Kaffee vom Abend wirkt. Müde bin ich nicht. Mittlerweile hat der Leser gewechselt. Vorgesehen sind Kapitel, für die man jeweils etwa eine halbe Stunde zum Vorlesen braucht. Zu einhundert Prozent klappt das nicht. Statt sich pedantisch an die Zeit zu halten, ist jeder angewiesen, die ihm zugewiesene Stelle fertig zu lesen. Dann darf der Nächste anfangen.

0.11 Uhr. Mose ist durch, jetzt ist Josua dran. Bis auf die Stimme des Vorlesers ist es totenstill. Dank Lautsprecher auf beiden Seiten des Kirchenschiffs hallen die Worte deutlich durch die Kirche. Gelesen wird an einem Pult vor der ersten der Bänke, aus einer wuchtigen Bibel, mit der man auch jemanden erschlagen könnte.

Dieses Gotteshaus hat etwas Erhabenes. Es ist keine dieser hässlichen modernen Bauten noch vollgestopft mit blattgoldüberzogenem Tand. St. Veit ist ästhetisch betrachtet schön. Ich ertappe mich, wie ich mehr über Architektur nachdenke als über die Worte der Heiligen Schrift, wegen der ich eigentlich hier bin.

So leer wie um diese Zeit war es tagsüber nicht. Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein hat im Lauf des Mittwochs schon gelesen, Kreisrätin Cornelia Trinkl, Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler. Der ehemalige Landesvater erzählte mir im Anschluss, er fange fast jeden Tag mit einer kurzen Bibelstelle an. Den Lesemarathon adelt er als „tolle Idee“ und „wichtigen Beitrag für das Reformationsjubiläum“.

Einer liest, eine(r) wacht: In der Nacht auf Donnerstag war die evangelische Kirche St. Veit fast komplett leer. | Foto: Kirchmayer2017/05/Bibel-lesen-Wolfgang-Zagel.jpeg

Ich weiß, dass der Herr euch das Land gegeben hat; denn ein Schrecken vor euch ist über uns gefallen, und alle Bewohner des Landes sind vor euch feige geworden. (Josua 2,9)

0.18 Uhr. Ich gehe ein paar Schritte. Die einzige Frau im Gotteshaus, Christine Zagel, eine Ottensooserin, die im erweiterten Kirchenvorstand ist, spricht mich mit gedämpfter Stimme an. Ob ich denn ganz spontan auch etwas aus der Bibel lesen wolle. Eigentlich sind die Zeitfenster alle vergeben, aber ihr Mann würde sonst mehrfach lesen und wenn ich einspringen würde, könne er früher ins Bett gehen. Christ bin ich zwar nur auf dem Papier, aber wieso nicht? Ich bin ja eh hier. Mehr als eine Stunde lang sind wir zu zweit in der Kirche.

0.47 Uhr. Ich lese aus dem Buch Josua, Kapitel acht bis zwölf. Und es geht blutig zu. Die Texte lesen sich wie das Tagebuch eines Eroberers wie Hernán Cortes oder Dschingis Khan. Da werden ganze Städte ausgerottet mit Mann und Maus, die Häuser angezündet. Deren Könige werden oft gefangen genommen. Aber von Mildtätigkeit kann dann keine Rede sein. Sie werden am nächsten Baum aufgehängt.

Und da Israel alle Einwohner zu Ai erwürgt hatte auf dem Felde und in der Wüste, die ihnen nachgejagt hatten, und alle durch die Schärfe des Schwertes fielen, bis daß sie alle umkamen, da kehrte sich ganz Israel gegen Ai und schlugen es mit der Schärfe des Schwerts. (Josua 8, 24)

Was bedeutet dem Christentum das Alte Testament? Ich wüsste nicht, dass der Pfarrer meiner Taufkirche je etwas von Josuas Schlachten im Gottesdienst gepredigt hätte. Haarklein und seitenlang wird aufgezählt, wie die Israeliten etliche andere Völker ausradiert haben. Meistens sprach Gott vorher zu ihrem Anführer Josua, ordnete Hinterhalte an und beschwichtigte ihn, dass er siegreich sein werde. Dieser blutrünstige Feldzug ist nach heutigem Verständnis völkerrechtswidrig. Hier wird nicht die andere Wange hingehalten. Hier wird mit dem Schwert erschlagen.

Nach einer Vierstelstunde wird meine Kehle vom Sprechen trocken. Dafür steht ein Glas und Wasser parat. Für die fünf Kapitel brauche ich etwa die vorgesehene halbe Stunde. Dann ist Christine Zagel an der Reihe. Die 52-Jährige muss aufzählen, welcher israelitische Stamm sich in welchem Gebiet niedergelassen hat. Sieben Kapitel lang. Sie quält sich durch den Text. Um 2.05 Uhr, mit fünf Minuten Nachspielzeit, ist Zagel fertig. Pause.

Warum die Ottensooserin heute Nacht hier ist? „Manche Menschen fürchten sich in der Nacht. Ich nicht. Da hat man Ruhe.“ Eigentlich hätten viele Gemeindemitglieder doppelt oder dreifach lesen müssen. Doch nach dem Artikel in der PZ am Mittwoch gab es einen Ansturm auf die Veranstaltung, verrät sie. Die Zeiten tagsüber waren schnell vergeben.

Das Alte Testament ist eine blutige Angelegenheit. Für Kinder sind solche martialischen Stellen eigentlich nichts. Dennoch habe er als Bub lieber darin gelesen als von Jesus, verrät mir Jürgen Schmidt. Es sei eben spannender als das Neue Testament, so Schmidt. Er ist um drei Uhr mit Lesen an der Reihe und mittlerweile als Wachablösung von Zagel in der Kirche.

Für mich war der Bibelmarathon eine interessante Erfahrung. Auch nachts kann man sympathische Menschen in einer Kirche treffen. Aber wenn beim nächsten Termin um Mitternacht ein Freiwilliger gesucht wird, lasse ich den Kelch an mir vorüber gehen (Matthäus 26,39).

Der Bibelmarathon dauert bis Sonntag, 15.30 Uhr. Unterbrochen wird er jeweils von zwei bis drei Uhr nachts und am Sonntag von einem Gottesdienst von neun bis 10.30 Uhr.

N-Land Andreas Kirchmayer
Andreas Kirchmayer